# taz.de -- Ein Plüschtier als Trans-Ikone: Hailiges Maskottchen
       
       > Er ist einen Meter lang, eignet sich als Seitenschläferkissen und für
       > lustige Bilder im Internet. Doch für trans Menschen ist Ikeas Blåhaj viel
       > mehr.
       
 (IMG) Bild: Ein Ally, mit dem man schmusen kann
       
       Erinnern Sie sich noch an Ihr liebstes Kuscheltier? Es hatte Verständnis
       für alle kleinen und großen Sorgen. Es war wunderbar weich und
       anschmiegsam. Und es konnte zwar nicht sprechen, aber hervorragend trösten.
       Womöglich [1][besitzen Sie es sogar noch immer]. Jede*r siebte deutsche
       Erwachsene verreist laut einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung
       [2][mit Kuscheltier]. Vielleicht, weil es gerade in der Fremde wichtig ist,
       sich auf jemanden verlassen zu können. Zugeben, dass sie immer noch eins
       besitzen, würden vermutlich die wenigsten – es sei denn, es handelt sich um
       den Blåhaj.
       
       Verkauft wird der kuschelige Blauhai bei Ikea, 2012 kam er weltweit auf den
       Markt. Mit einem Meter Länge ist er fürs Reisen zwar weniger geeignet,
       dennoch hat das Stofftier viele erwachsene Fans. „Ich bin fast 30, aber ich
       kann nicht beschreiben, wie glücklich mich dieser Hai gemacht hat“, heißt
       es in einer der euphorischen Bewertungen auf der Ikea-Webseite. Einige
       nutzen ihn als Kopfkissen, mit 27,99 Euro ist er für
       Seitenschläfer*innen eine günstige Alternative. Andere finden den
       Blåhaj einfach lustig. Doch für queere Menschen ist er mehr als ein
       Gegenstand. Er ist ein Symbol für ihre Community.
       
       „Der Blåhaj ist ein Zeichen für Zugehörigkeit“, sagt die Aktivistin
       Lilischote. Sie ist trans und setzt sich [3][unter anderem auf Youtube] und
       Twitch für queere Rechte ein. „Ich habe eine relativ große Community aus
       trans und queeren Leuten. Und ich kenne kaum eine Person davon, die nicht
       einen Blåhaj hat oder zumindest genau weiß, was der Blåhaj ist“, sagt
       Lilischote. Sie selbst besitzt einen Blåhaj namens Haino. Manche kaufen ihn
       nach ihrem Coming-out als eine Art Initiationsritus oder lassen ihn sich
       schenken und zeigen ihn dann stolz auf Social-Media-Kanälen. „Er hat mir 1
       Blåhaj gekauft, ich bin jetzt certified trans“, postet jemand auf Twitter.
       
       ## Blau, weiß, rosa – die Farben der Transgender-Flagge
       
       Doch warum wurde ausgerechnet der Blåhaj zum LGBTQ+-Maskottchen? Unter
       anderem dank seiner Farben. Blau der Rücken, weiß der Bauch und pink das
       Mundinnere – das entspricht exakt denen [4][der Transgender-Flagge]. Auch
       dass es sich um ein Kuscheltier handelt, trägt zur Beliebtheit des Blåhaj
       bei, erklärt Lilischote: „Wenn ich so auf trans Personen gucke,
       insbesondere die Älteren, die hatten meist nicht so die niceste Kindheit.
       Sie haben vielleicht bestimmte Sachen unterdrückt, und da ist so ein
       Kuscheltier einfach super welcome.“
       
       Insbesondere unter trans Frauen bzw. trans femininen Personen sei der
       Blåhaj beliebt. Er diene dazu, eine Geschlechtsidentität auszuleben, die
       vorher unterdrückt wurde. Denn um nicht aufzufallen, hätten einige von
       ihnen [5][toxische Männlichkeit] bedient. „Mit einem Kuscheltier reclaimen
       sie, was in unserer Gesellschaft als eher weiblich gilt“, sagt Lilischote.
       
       Seit wann genau der Blåhaj eine Trans-Ikone ist, lässt sich nicht
       einwandfrei beantworten. Nach der Markteinführung 2012 entdeckten
       Internet-User*innen schnell, wie gut sich das Plüschtier für lustige Fotos
       eignet. Weil es sich gut inszenieren lässt – und wegen seines
       Gesichtsausdrucks mit dem immer geöffneten Mund und dem schräg anmutenden
       Blick.
       
       ## Der Blåhaj wird zum Meme
       
       „Er ist bei allen beliebt, weil er so unglaublich witzig aussieht“, sagt
       Lilischote. Ein Account namens „sharkhugger“ soll 2014 eines der ersten
       viralen Bilder auf der Plattform tumblr gepostet haben: sechs Plüschhaie,
       die [6][in einem Ikea-Möbelhaus um einen Tisch sitzen]. In den folgenden
       Jahren entstanden unzählige ähnliche Bilder, immer geht der Blåhaj dabei
       menschlichen Aktivitäten nach: Er sitzt mit Schal und Coffee to go auf
       einer Parkbank, vor dem Laptop oder spielt Gitarre. Der Blauhai wurde zum
       Meme.
       
       Im September 2019 postete dann eine Nutzerin auf der Plattform reddit
       [7][ein Foto von sich mit einem Plüschhai]. Sie liegt in einem Krankenhaus
       nach einer sogenannten „bottom surgery“, eine geschlechtsangleichenden
       Operation der Genitalien. Der Hai auf dem Bild ist kein Blåhaj. Doch laut
       einiger Internet-User*innen soll dieses Foto der Grund sein, dass
       Plüschhaie mit der Trans-Community assoziiert werden. Auf Twitter gab es
       allerdings bereits im Februar 2019 ein Bild [8][von einem Hai vor einer
       Transflagge].
       
       Es sei nicht wichtig, das erste Bild zu finden, sagt Dean
       Cooper-Cunningham, Dozent für internationale Beziehungen an der Universität
       Kopenhagen. Er beschäftigt sich unter anderem mit visuellen politischen
       Interventionen, wie [9][dem „Gay Clown Putin“-Meme] als Reaktion auf
       homophobe Politik in Russland. Viel wichtiger sei die Masse der Bilder,
       welche den Blåhaj immer wieder im Kontext von LGBTQ+ verorten. Vermutlich
       hat sich die Community, die auf Social Media stark vertreten ist, den
       Blåhaj einfach nach und nach angeeignet. Apps wie Tiktok oder Instagram
       helfen insbesondere jungen Mitgliedern, [10][ihre Identität zu entwickeln].
       „Kaum jemand ist so viel online wie queere und trans Personen. Einfach, um
       einen Zusammenhalt zu suchen“, sagt Lilischote.
       
       Mittlerweile geht die Begeisterung über das Kuscheltier hinaus.
       Onlineanbieter*innen verkaufen Sticker, Anstecker oder T-Shirts mit
       einem Hai und der Trans-Flagge. „Wir möchten dazu beitragen, dass sich
       Mitglieder der LGBTQ+-Gemeinschaft willkommen, einbezogen und frei fühlen,
       sie selbst zu sein. Daher freut es uns, dass der Blåhaj zu einem Symbol der
       Community geworden ist“, erklärt Ikea Deutschland auf Anfrage. Der Konzern
       kommunizierte schon früher eine offene Haltung gegenüber der Community.
       1994 zeigte Ikea den [11][ersten Werbespot in den USA, der ein offen
       homosexuelles Paar darstellt].
       
       Doch nicht immer war das Unternehmen so LGBTQ+-freundlich. 2006
       veröffentlichte Ikea in Frankreich einen Werbespot, der mit einem
       transfeindlichen Klischee warb. 2013 [12][gab es einen weiteren Werbespot
       in Thailand], der für die stereotype Darstellung einer trans Person
       kritisiert wurde.
       
       ## Ein fragwürdiger Produktionsstandort
       
       In den letzten Jahren zelebriert Ikea selbst den Blåhaj als Symbol der
       queeren Community. Er tauchte etwa in einer Kampagne in der Schweiz auf,
       als das Land im September 2021 über die Ehe für alle abstimmte. Im November
       2022 produzierte Ikea Kanada [13][Blåhaj-Stofftiere mit blauen, rosa und
       weißen Streifen] wie die auf der Trans-Flagge und verschenkte sie an trans
       Menschen.
       
       Produzieren lässt Ikea den Blåhaj allerdings unter anderem in Indonesien.
       Im Westen des Landes, in der islamisch-fundamentalistischen Provinz Aceh,
       ist Homosexualität verboten. Verstöße werden [14][mit Auspeitschen oder
       Gefängnis bestraft]. Auch trans Menschen werden dort diskriminiert: 2018
       wurden zwölf trans Frauen festgenommen. Die Polizei rasierte ihnen den
       Kopf, schlug und demütigte sie.
       
       Dass ein Symbol für die trans Community ausgerechnet dort hergestellt wird,
       hat Aktivistin Lilischote nicht gewusst. „Eine bittere Realität im
       Kapitalismus“, sagt sie. „Ein bisschen naiv würde ich mir vom Blåhaj da
       eine transformative Wirkung wünschen.“
       
       Es sei wichtig, diese globalen Machtverhältnisse zu erkennen, sagt Dean
       Cooper-Cunningham. Das bedeute aber nicht, dass man Symbole wie den Blåhaj
       nicht zelebrieren kann. Ganz im Gegenteil. „Ein Weg, mit Transfeindlichkeit
       umzugehen, ist, diese Memes zu teilen und einfach Spaß damit zu haben.“ Man
       sollte betonen, dass queeres Leben nicht nur von düsteren und traurigen
       Momenten geprägt ist, sagt Cooper-Cunningham. „Es gibt Momente der Freude,
       Liebe und Gemeinschaft.“
       
       2 Sep 2023
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Plaedoyer-fuer-Kuscheltiere/!5598948
 (DIR) [2] https://www.sueddeutsche.de/leben/erwachsene-und-kuscheltiere-stoff-fuer-traeume-1.1888995
 (DIR) [3] https://www.youtube.com/c/Lilischote
 (DIR) [4] https://www.instagram.com/p/CR6Qu8WoWsu/?img_index=1
 (DIR) [5] /Toxische-Maennlichkeit/!t5542659
 (DIR) [6] https://sharkhugger.tumblr.com/post/102549073090/ikea-plush-sharks-at-their-think-tank-xd-i
 (DIR) [7] https://web.archive.org/web/20191009135731/https://www.reddit.com/r/lgbt/comments/d8k0qu/i_had_bottom_surgery_yesterday_everything_went/
 (DIR) [8] https://twitter.com/TheWerelizard/status/1095648177666052098
 (DIR) [9] https://edition.cnn.com/2017/04/06/europe/russia-gay-clown-putin/index.html
 (DIR) [10] https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/2056305121988931
 (DIR) [11] https://www.youtube.com/watch?v=67_RHiXNk-s
 (DIR) [12] https://www.businessinsider.com/ikea-transgender-ads-2013-1
 (DIR) [13] https://www.reddit.com/r/BLAHAJ/comments/zf8b4y/trans_blahaj_is_real/
 (DIR) [14] /Homosexualitaet-in-Indonesien/!5412357
       
       ## AUTOREN
       
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