# taz.de -- Chinas repressives System gegen Promis: Außenminister, 57 Jahre, vermisst
       
       > Chinas Spitzendiplomat Qin Gang ist seit drei Wochen verschwunden. Selbst
       > bei Pflichtterminen war er nicht da. Ein pikantes Gerücht macht die
       > Runde.
       
 (IMG) Bild: Vermisst: Qin Gang
       
       Peking taz | Als Qin Gang Ende Juni den russischen Vize-Außenminister
       [1][Andrej Rudenko] empfing, stolzierte er noch betont gelassen durch das
       Pekinger Regierungsviertel. Seither wurde der 57-Jährige nicht mehr
       gesehen. Dabei tanzte er zuvor nahezu täglich auf praktisch allen
       diplomatischen Hochzeiten. Doch plötzlich erschien Qin selbst zu wichtigen
       Pflichtterminen nicht mehr. Ein geplantes Treffen mit dem
       EU-Außenbeauftragten Josep Borrell sagte die chinesische Seite ohne
       Begründung in letzter Sekunde ab. Auch am Asean-Treffen vergangene Woche in
       Indonesien nahm der Spitzendiplomat nicht teil. „Aus gesundheitlichen
       Gründen“, hieß es damals von einem Sprecher.
       
       Die Gerüchteküche auf chinesischsprachigen sozialen Medien läuft seither
       heiß. Nach etlichen Hinweisen hat sich eine pikante Theorie als
       wahrscheinlichster Grund hinter dem Verschwinden von Qin Gang durchgesetzt:
       Dieser habe eine Affäre, möglicherweise ein außereheliches Kind, heißt es.
       Und nun werde er dafür diszipliniert.
       
       Befeuert wird die Theorie durch Postings einer Hongkonger
       Fernsehreporterin, die den chinesischen Außenminister während seiner Zeit
       als Botschafter in Washington interviewt hat. Auf Twitter postete sie nach
       einem Jahr Onlineabstinenz eine kryptische Botschaft mit mehreren Fotos:
       eine Aufnahme mit Qin Gang, eine andere mit ihrem neugeborenen Sohn.
       „Brotkrümel überall“, kommentierte die chinesische Demokratie-Aktivistin
       Yaxue Cao, die in den USA lebt.
       
       Ihre Aussage spielt auf das sogenannte „Breadcrumbing“ an – ein Konzept,
       bei dem jemand einem Ex-Liebespartner romantische, jedoch für Drittpersonen
       kaum eindeutig zu erkennende Anspielungen aussendet. Während die meisten
       Spekulationen in China zensiert werden, haben es die Gerüchte in Taiwan bis
       in die Abendnachrichten geschafft.
       
       ## Berühmte Personen verschwinden
       
       Das hat auch mit der erstaunlichen öffentlichen Reaktion zu tun. Erst am
       Montag hakte nämlich ein Reporter der Financial Times bei der täglichen
       Pressekonferenz des Außenministeriums in Peking nach. Er fragte explizit,
       ob Qin Gangs Abstinenz mit den Gerüchten um eine außereheliche Affäre
       zusammenhängen könnte. Sprecherin Mao Ning entgegnete trocken: „Ich habe
       keine Informationen anzubieten.“
       
       Natürlich hat auch ein Politiker das Anrecht auf sein Privatleben. Doch bei
       der Causa Qin Gang geht es im Kern um etwas ganz anderes: Dass ein
       zunehmend intransparentes und repressives System immer wieder prominente
       Personen einfach verschwinden lässt – und die Öffentlichkeit mit nichts
       anderem als wilden Spekulationen zurückbleibt.
       
       Das betrifft Geschäftsleute gleichermaßen wie Politiker oder Stars aus der
       Unterhaltungsbranche: Der chinesische Leiter von Interpol Meng Hongwei
       wurde etwa 2018 festgenommen, als er sich für einen Kurzbesuch in China
       aufhielt. Damals erfuhr die Öffentlichkeit zumindest Monate später die
       Hintergründe – dass es sich nämlich um einen mutmaßlichen Korruptionsfall
       handelte.
       
       Bei der Tennisspielerin Peng Shuai, die in einem zensierten Onlineposting
       einen hochrangigen Parteikader des sexuellen Übergriffs bezichtigte, hat
       die Öffentlichkeit niemals die wahren Hintergründe ihrer Abwesenheit
       erfahren. Dass sie später bei offensichtlich inszenierten Auftritten
       beteuerte, dass alles in Ordnung sei, feuerte die Spekulationen nur mehr
       weiter an.
       
       ## Auch Geld schützt nicht
       
       Selbst Jack Ma, immerhin der einst reichste Chinese, verschwand Ende 2020
       nach einer kritischen Rede monatelang von der öffentlichen Bildfläche. Von
       seiner Firma Alibaba hieß es vage, dass er eben gerne reise.
       
       Auch bei [2][Qin Gang] wird sicher bald eine offizielle Erklärung
       nachgereicht. Doch inwiefern diese stimmt, lässt sich in einem politischen
       System ohne unabhängige Medien kaum abschätzen. In einem Posting hieß es,
       ein chinesischer User habe dazu ermahnt, dass man nicht weiter spekulieren
       solle, Hinter Qins Abwesenheit stünde doch lediglich eine leichte Grippe
       des Außenministers, schon bald sei dieser auskuriert. Doch auch dieses
       Posting wurde von den Zensoren gelöscht.
       
       19 Jul 2023
       
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