# taz.de -- Markus Söder im Wahlkampf: Der Würstchen-Populist
       
       > Markus Söder schürt Ängste und nimmt es mit Fakten nicht so genau. Stellt
       > sich in Bayern im Herbst ein kleiner Trump zur Wiederwahl?
       
       Adldorf und München taz | Am Ende wird es strahlende Gesichter geben auf
       dem Parkfest in Adldorf. Ein Mädchen wird zu ihren Freundinnen hüpfen,
       stolz das Selfie mit dem Ministerpräsidenten zeigen. Eine Frau mittleren
       Alters wird ihrem Mann um den Hals fallen und rufen: „Ich werde ihn wählen,
       ich bin so überzeugt von ihm.“ Und ein junger Mann wird resümieren: „War
       schee, hat passt.“ Dann wird Markus Söder aber auch schon in seinen 7er-BMW
       gestiegen und auf dem Weg zum nächsten Termin sein. Mission erfüllt.
       
       Wenn man das Phänomen Markus Söder verstehen will, muss man nicht unbedingt
       ins niederbayerische Adldorf fahren. Aber schaden kann es nicht. Adldorf
       liegt an der Vils und hat wenige hundert Einwohner. Die Weiler in der
       Umgebung haben so schöne Namen wie Grimöd, Kuföd oder Weilöd. Eine Wiese
       weiter wird ein paar Tage später Howard Carpendale auftreten. Größte
       Sehenswürdigkeit des Ortes: das Schloss der gräflichen Familie [1][Arco auf
       Valley], die hier noch immer den Ton angibt, die Brauerei betreibt und
       alljährlich das fünftägige Parkfest ausrichtet. Die Menschen bauen Gemüse
       an, arbeiten in der Brauerei oder bei BMW in Dingolfing.
       
       Hier ist Niederbayern, wie es niederbayerischer nicht mehr wird. Stimmkreis
       Dingolfing, konservatives Kernland. Und doch: Wenn am 8. Oktober der neue
       Landtag gewählt wird, ist das hier längst kein Selbstläufer mehr für die
       CSU.
       
       Früher holte die Partei in Dingolfing Ergebnisse von 47 Prozent und mehr.
       2018 lag sie dann nur noch bei 37,9 Prozent; die Freien Wähler bekamen
       19,4, die AfD 13,8 Prozent. Im Nachbarstimmkreis Deggendorf kamen die
       Rechtsextremen mit 15,6 Prozent sogar auf ihr bayernweites Rekordergebnis.
       Und nur ein bisschen weiter im Westen liegt Landshut, wo dem
       Freie-Wähler-Chef [2][Hubert Aiwanger] diesmal gute Chancen auf ein
       Direktmandat eingeräumt werden.
       
       ## Die Bierzeltperformance
       
       Populisten hier, Populisten da. Und mittendrin: Markus Söder. Ein
       Politiker, dem allerdings nicht wenige bescheinigen, ebenfalls aus solchem
       Holz geschnitzt zu sein. Die Opposition in Bayern vergleicht ihn mitunter
       gar mit Donald Trump.
       
       Es ist ein beschauliches Volksfest, wie man sie hier auf dem Land eben so
       feiert. Hendlbraterei, Kinderkarussell, Autoscooter, das Rote Kreuz
       verkauft Lose. Am vorletzten Abend gibt es immer eine CSU-Kundgebung im
       Bierzelt. Und da die Landtagswahl ansteht, hat sich der Ministerpräsident
       angekündigt. Vorne an der Landstraße warten schon seit zehn Minuten der
       Landrat, die örtlichen Landtags- und Bundestagsabgeordneten, die gräfliche
       Familie und der Brauereidirektor. Auch Bauminister Christian Bernreiter ist
       da, seit einigen Wochen ist er Chef der CSU Niederbayern. Es ist 17.10 Uhr,
       als Söder vorfährt. Jemand ruft: „Aufstellung!“ Die Musiker der Blaskapelle
       Führmann stellen schnell noch ihre Masskrüge weg, kurze Begrüßung, dann
       geht man gemeinsam rüber zum Bierzelt. Defiliermarsch, Einzug des
       Ministerpräsidenten.
       
       Montagnachmittag – man könnte sich günstigere Termine für den Wahlkampf im
       Bierzelt vorstellen. Aber da die Gäste des Seniorennachmittags herzlich
       eingeladen wurden, noch ein wenig zu bleiben, ist das Zelt ordentlich
       besetzt: Zwischen 600 und 1.000 Zuschauer dürften es sein. Wenn das immer
       so läuft, kommt bei den rund 110 Bierzeltauftritten, die Söder in diesem
       Wahlsommer absolvieren will, schon was zusammen.
       
       17.30 Uhr: Die Brotzeitbrettl sind gereicht, der stellvertretende
       Vorsitzende der bayerischen Wasserwacht ist begrüßt, Söder hat zwei-,
       dreimal am gräflichen Bier genippt. Dann steht er oben am Rednerpult in
       seinem beigefarbenen Trachtenjanker und legt los. Er freue sich, leitet
       Söder ein, mal wieder „vernünftige und anständige Menschen“ zu treffen.
       Schließlich habe jede bayerische Gemeinde mehr Verstand als die
       Regierungsparteien in Berlin. Das geht runter wie die kühle Mass bei den
       noch immer 30 Grad im Schatten.
       
       Es folgt ein Parforceritt durch die Söder’sche Themenlandschaft: vom
       Heizungsgesetz über den Länderfinanzausgleich bis zur Erbschaftssteuer. Es
       geht um Biomasse, Holz und die Wichtigkeit des Warmduschens, natürlich auch
       ums Gendern, die Letzte Generation et cetera. Söders Stimme ist etwas
       mitgenommen, er muss immer wieder husten. Aber für eine solide Performance
       reicht die Konstitution des 56-Jährigen allemal.
       
       Ein paar Häppchen sind speziell auf das Publikum zugeschnitten, auf die
       bayerischen Bauern, die „die halbe Welt“ ernährten und denen man Dank
       zollen müsse. Ansonsten liefert Söder sein Standardrepertoire: deftige
       Sprüche, seichte Witze, beispielsweise über das Aussehen von Karl
       Lauterbach, und viel bayerisches Selbstbewusstsein.
       
       ## Auch in Bayern legt die AfD zu
       
       Söder kann einigermaßen gelassen in diese Wahl gehen. Zuletzt stand die CSU
       in den Umfragen solide da, mal über 40 Prozent, mal etwas drunter. Dass CSU
       und Freie Wähler ihre Koalition werden fortsetzen können, das bezweifelt
       kaum jemand. Das beunruhigendste Ergebnis der Umfragen ist ein anderes.
       Auch in Bayern kann die AfD weiter zulegen, könnte drittstärkste Kraft im
       neuen Landtag werden. Wie also mit ihr umgehen? Söder steckt noch die
       Erfahrung von 2018 in den Knochen, als er ihr mit besonders markigen
       rechten Parolen – Stichwort Asyltourismus – den Wind aus den Segeln nehmen
       wollte. Er ruderte zurück.
       
       Heute sagt Söder: „Wer anderen hinterherläuft, wird nie die Nummer eins.“
       Aber wenn man einen Koalitionspartner hat, der offenbar mit dem einen oder
       anderen kopierten AfD-Spruch kein Problem, sondern sogar Erfolg hat, und in
       der Schwesterpartei einen Chef, der sich neuerdings öffentlich [3][den Kopf
       über kommunale Bündnisse mit den Rechtsradikalen zerbricht] – was dann? Es
       macht die Sache zumindest nicht einfacher. Und es gibt auch in der CSU
       Politiker, die intern beklagen: „Wir haben keine konzeptionelle Antwort auf
       die AfD.“
       
       Ein Politiker müsse dem Volk aufs Maul schauen, ihm aber nicht nach dem
       Mund reden, hat schon CSU-Übervater Franz Josef Strauß vorgegeben. Aber ist
       die Trennlinie da immer so scharf?
       
       ## Sticheleien gegen die Demokratie
       
       Astrid Séville hat noch schnell einen Minztee gekocht. Jetzt sitzt die
       Politikwissenschaftlerin an dem kleinen Besprechungstisch in ihrem Büro. Es
       liegt in einem modernen Nebengebäude der Technischen Universität München,
       gleich hinter dem Lenbachhaus. Séville spricht über Markus Söder. Und über
       Populismus. Die naheliegende Frage: Gibt es da einen Zusammenhang?
       
       Was ist das überhaupt, Populismus? Astrid Séville beschäftigt sich seit
       Jahren mit dem Phänomen. Kern des Populismus, sagt die 38-Jährige, sei die
       Gegenüberstellung des ehrlichen, schweigenden und übergangenen Volkes und
       einer in welcher Weise auch immer abgehobenen Elite, einem Establishment,
       das das Volk um sein Recht bringe. Er beinhalte daher immer die Behauptung,
       es herrsche aktuell keine richtige Demokratie, und den Aufruf, sich gegen
       „die da oben“ zu wehren.
       
       Der klassische Populist wäre also demnach Söders Vize Hubert Aiwanger, man
       erinnert sich an seinen [4][Auftritt bei einer Kundgebung in Erding], wo er
       forderte, „die schweigende große Mehrheit“ müsse sich „die Demokratie
       wieder zurückholen“. Séville nickt. „Da habe ich mir auch gedacht: Hat der
       Aiwanger gerade eine How-to-do-Populism-Anleitung gelesen?“
       
       Ist Söder dagegen also harmlos? So ungeschoren will ihn die Professorin
       nicht davonkommen lassen. Dass auch Söder in Erding gewesen sei, sei ja
       kein Versehen gewesen. „Der wusste, auf welcher Bühne er da steht. Das sind
       so kleine Tabubrüche nach rechts, Testballons, wie weit man gehen kann.“
       Sie wolle nicht sagen, dass Söder nicht fest auf dem Boden des
       Grundgesetzes stehe oder demokratische Institutionen infrage stelle. Aber:
       „Ich glaube tatsächlich, dass er einer derjenigen in der deutschen Politik
       ist, die das Spiel mit populistischer Agitation, mit populistischer Logik
       hervorragend beherrschen und es auch ganz gezielt einsetzen.“ Beispiel
       Atomkraft: Natürlich wisse Söder, dass sein Vorschlag, Atomkraftwerke in
       bayerischer Eigenregie weiterzuführen, jeglicher verfassungsrechtlicher
       Grundlage entbehre – trotzdem bringe er ihn an. „Das sind Sticheleien gegen
       Entscheidungen unserer demokratischen Institutionen. Das hat schon eine
       Tendenz zum Populismus.“
       
       Anders als Aiwanger versuche er dabei einen Spagat – „auf der einen Seite
       der Staatsmann, auf der anderen Seite einer aus dem normalen Volk, der der
       angeblich schweigenden Mehrheit eine Stimme verleiht – gegen die da oben.“
       
       ## „Das schönste Bundesland der Welt“
       
       Schlichte Botschaften sind auch so ein Wesensmerkmal des Populismus. Eine
       solche Botschaft lautet: Wir in Bayern sind die Besten, wir haben’s am
       schönsten, und schuld daran ist die CSU. „Bayern ist das schönste
       Bundesland der Welt“, ist einer von Söders schöneren Sätzen in Adldorf.
       Natürlich exerziert der CSU-Chef die Großartigkeit Bayerns auch gern im
       Detail durch. Auf die niedrigste Kriminalitätsrate verweist er dann und
       darauf, dass Bayern „Familienland Nummer eins“ und „mit dem Silicon Valley
       auf Augenhöhe“ sei. Er nennt Bayern aber auch das „menschlichste Land“,
       denn es habe mehr ukrainische Flüchtlinge aufgenommen als Frankreich. Gäbe
       es den Defiliermarsch nicht, zöge Söder wohl zu Tina Turners Zeile
       [5][„Simply the best …“] ins Bierzelt ein.
       
       Im Titel ihres Regierungsprogramms unternimmt die CSU noch nicht einmal den
       Versuch zu verheimlichen, wie dünn der Inhalt ist – [6][„In Bayern lebt es
       sich einfach besser“], heißt der. Wenig hätte es verwundert, wenn die
       Partei noch ein achselzuckendes „Mei“ vorangestellt hätte.
       
       Die tatsächliche Bilanz der CSU ist durchwachsen. Wirtschaftlich steht
       Bayern noch immer sehr gut da. Aber nicht überall ist der Freistaat an der
       Spitze. So tritt die Regierung in der Bekämpfung der in Bayern besonders
       heftigen Wohnungsmisere auf der Stelle. 10.000 bezahlbare Wohnungen hatte
       Söder bis 2025 versprochen, vor einigen Monaten wurden Zahlen bekannt,
       wonach er dieses Ziel um etwa 93 Prozent verfehlt. Auch bei der
       ÖPNV-Anbindung ist Bayern nach einer Analyse des Bundesinstituts für Bau,
       Stadt- und Raumforschung neben Mecklenburg-Vorpommern Schlusslicht. Und der
       Ausbau der Windkraft kommt allen Versprechungen zum Trotz kaum voran: Mit
       fünf neuen Anlagen kann Bayern sich im ersten Halbjahr gerade mal für 1
       Prozent des deutschen Zubaus verantwortlich zeichnen.
       
       Auch gibt es große Zweifel daran, dass die Regierung ihr ausgerufenes Ziel
       der Klimaneutralität bis 2040 erreicht. Aktuell steigen die Emissionen
       wieder, eine Besserung ist nicht in Sicht. Und erst vor wenigen Tagen
       schimpfte der Bund Naturschutz, dass die Staatsregierung auch in Sachen
       Flächenfraß weit von ihrem selbstgesteckten Ziel entfernt ist. Statt der
       angestrebten fünf würden weiterhin täglich weitere zehn Hektar Fläche
       verbraucht.
       
       Söder ficht das freilich nicht an. Er sagt dann oft Sätze wie: „Wir sind
       nicht perfekt, aber wir sind näher dran als andere.“ Neben maximaler
       Selbstbeweihräucherung gibt es noch eine weitere Kernbotschaft in seinem
       Wahlkampf: den vermeintlichen Kulturkampf. Da geht es um die angeblichen
       Verbote, die Umerziehungsversuche der Ampel, allen voran der Grünen. „Dazu
       gehört dann auch, diese Pappfiguren aufzubauen, gegen die man schießen
       kann. Bei Söder ist das in ganz besonderem Maße diese Idee einer grünen
       Zwangsveganisierung“, erklärt Séville, „bei der dann mitschwingt, dass da
       oben diese Grünen sitzen, die autoritäre Entscheidungen gegen den
       eigentlichen Willen des Volkes treffen.“
       
       ## Unser täglich Fleisch gib uns heute
       
       Ja, das Fleisch! Söders liebstes Nahrungsmittel spielt eine zentrale Rolle
       in seiner Dauerwahlkampfsendung. Keine Rede, kein Talkshow-Auftritt kommt
       ohne aus. In den sogenannten Sozialen Medien hat Söder sogar einen eigenen
       Hashtag #söderisst eingeführt. Hier verbreitet er Fotos von so ziemlich
       allem, was sich auf seinem Teller findet: Schweinshaxn, saures Lüngerl,
       Weißwürste, Kalbskopf, selbstverständlich Nürnberger Bratwürste und, und,
       und … „Eigentlich müsste man bei Söder schon von Fleisch-Populismus
       sprechen“, sagt Astrid Séville.
       
       Fleisch, das habe etwas mit bayerischer Alltagskultur zu tun, so die
       Wissenschaftlerin. Für viele stehe es für gesunden Menschenverstand,
       Normalität. Die einfachen Leute, so der Gedanke, äßen Fleisch. Für Söder
       hat das Thema noch einen besonderen Vorteil, denn in Wirklichkeit
       entspricht er ja so gar nicht dem bayerischen Bierzeltnormalo. Franke ist
       er, Protestant, Städter und Akademiker. Trinkt so gut wie keinen Alkohol,
       trägt vom Janker abgesehen keine Tracht, und bei den Schützen ist er auch
       nicht. Aber in puncto Fleischkonsum kann er sich authentisch als Mitglied
       des „normalen Volks“ präsentieren. Unser täglich Fleisch gib uns heute!
       
       Und wenn dann die von den Grünen mitregierte Stadt München beschließt, in
       ihren Kitas keine Fleisch- und Fischgerichte mehr anzubieten, ist das
       natürlich ein gefundenes – pardon! – Fressen für den CSU-Chef. Da könnte
       man kleinlich sein und wie das Münchner Bildungsreferat einwenden, dass die
       Behauptung gar nicht stimmt und dass künftig lediglich mit Rücksicht auf
       die Überfischung der Meere auf die Verwendung von tiefgefrorenem Fisch
       verzichtet werde. Nur darf man die Wirkkraft von Fakten nicht überschätzen.
       Söder erreicht mit seiner Behauptung bei „Lanz“ ein Millionenpublikum, das
       Bildungsreferat mit seiner Richtigstellung dagegen … genau.
       
       ## Die One-Man-Show eines Opportunisten
       
       Séville erinnert an das Motto von Steve Bannon, dem früheren Trump-Berater:
       „Flood the zone with shit.“ Je mehr Desinformation man verbreite, desto
       mehr davon werde hängen bleiben. „Dann kann man natürlich auch mal den
       Leuten erzählen, dass ihnen gleich übermorgen jemand ihre alte Heizung
       ausbaut.“ Irgendwas bleibt zurück. Und Angst schüren geht immer. Da
       entwirft Söder auch mal drastische Armutsszenarien: „Einkaufen im
       Supermarkt muss wieder möglich sein“, [7][forderte er jüngst bei einer
       CSU-Klausurtagung]. „Natürlich ist auch das mit der Zwangsveganisierung
       totaler Quatsch“, sagt Séville. „Niemand in Deutschland will ja jemanden
       zwangsveganisieren.“
       
       Dasselbe gilt natürlich fürs Zwangsgendern oder grüne Liederverbote.
       Dennoch ist es Söder beispielsweise zum Wiesn-Auftakt ein Anliegen, eine
       Lanze für den sexistischen Song „Layla“ zu brechen. À la: Das wird man wohl
       noch singen dürfen. Man darf vermuten, dass Söder kein inneres Bedürfnis
       verspürt, Ballermann-Schlager über geile Puffmütter in die Welt hinaus zu
       grölen. Aber solange es opportun ist, solange es hilft, das Bild des
       Freiheitsentzugs durch eine grüne Sittenpolizei zu zeichnen, macht sich der
       Ministerpräsident auch gern mal zum Anwalt der „Layla“-Sänger.
       
       Ein Hang zum Opportunen wird Söder von jeher zugeschrieben. „Vielleicht
       sollte man ihn als Machiavellisten beschreiben“, überlegt Séville, also als
       einen, der sich den Gelegenheiten anpasst, sie erkennt und nutzt. Und das
       Ganze kann dann auch noch unter Staatsräson laufen, denn der Principe ist
       ja derjenige, der den Laden zusammenhält. Deshalb ist der Machterhalt quasi
       ein Wert für sich.“ Söder, ein populistischer Machiavellist?
       
       Letztlich lässt sich das, womit der CSU-Chef den Wahlkampf bestreitet, in
       ein Wort fassen: Söder. Dabei ist es nicht nur das fortwährende Selbstlob,
       das auffällt – etwa die stete Behauptung, er habe in der Pandemie 130.000
       Leben gerettet – oder die von der Staatskanzlei aus dirigierte
       One-Man-Show. Es ist auch die absolute Omnipräsenz des Ministerpräsidenten.
       Flood the zone with Söder!
       
       Völlig einerlei, ob die MAN-Betriebsversammlung in Nürnberg, das
       Bezirksmusikfest des Allgäu-Schwäbischen Musikbundes in Unterroth, der
       Heimattag der Siebenbürger Sachsen in Dinkelsbühl oder das Internationale
       Samba-Festival in Coburg: Söder ist da. Oft sind es vier, fünf solcher
       Termine pro Tag. Zwischenrein zeichnet er die zehn besten Metzger Bayerns
       aus. Und wenn die Gemeinde Rohr meinen sollte, sie könnte den 675.
       Jahrestag der Verleihung des Marktrechts ohne den Ministerpräsidenten
       begehen, dann hat sie sich aber so was von geschnitten. Meint sie aber
       natürlich nicht.
       
       Selbstverständlich geht Söder auch zu Lanz und Maischberger, und inzwischen
       hat er sogar seinen eigenen Podcast, in dem er sich mit Prominenten
       unterhält. Überhaupt – die Prominenten. An ihrer Seite zeigt er sich gern.
       Oder besser gesagt: Er zeigt sie gern an seiner Seite. In der Filmbranche
       erinnern sich noch manche nicht ohne eine Portion Fremdscham an die
       Verleihung des Bayerischen Filmpreises im vergangenen Jahr. An den Moment,
       als Söder bei der Übergabe des Ehrenpreises [8][mit Fußball unterm Arm und
       im kompletten Fußballoutfit von 1954] auf die Bühne sprang. Der eigentliche
       Preisträger, der zum Statisten verdammte Sönke Wortmann, stand daneben und
       schaute mit versteinerter Miene zu. Auch das gehört zur großen Söder-Show.
       Dass ihm nichts, aber auch gar nichts peinlich ist.
       
       ## Kann es einen Populismus der Mitte geben?
       
       Es gibt jedoch Termine, um die selbst Söder einen Bogen macht. Zu
       Opernveranstaltungen schickt er in Vertretung gern seinen Kunstminister
       Markus Blume, zu Podiumsdiskussionen mit Spitzenkandidaten der anderen
       Parteien seinen Finanzminister Albert Füracker – und auch den Landtag
       meidet Söder. 2022 habe er von 30 Sitzungen 25 geschwänzt, rechnete die SPD
       vor; auf eine ähnlich niedrige Quote komme kein anderer Ministerpräsident.
       Dem politischen Nahkampf mit der Opposition, so die Süddeutsche Zeitung,
       weiche Söder konsequent aus.
       
       Im Bierzelt in Adldorf hat er keinen Kampf zu befürchten. Nach knapp einer
       Stunde ist Söder am Ende seiner Rede angelangt; ein Mitarbeiter reicht ihm
       ein Handtuch. Passt schon, sagen die Leute. „Aber wenn der Aiwanger
       dagewesen wäre“, meint ein Besucher, „da hätte das Zelt getobt.“ Ein
       anderer klingt besorgter: „Die AfD ist im Anmarsch, dazu hätte er ein
       bisschen mehr sagen können.“ Ja, man wüsste zu gern, wie Söder es nun mit
       den ganz Rechten hält.
       
       Eine Woche später, CSU-Vorstandssitzung. Markus Söder will die
       Migrationspolitik nun offenbar doch zum Wahlkampfthema zu machen, und
       kündigt an, bei abgelehnten Asylbewerbern wieder von Geld- zu
       Sachleistungen zurückzukehren. „Ist es Zufall“, fragt sogar die sehr
       CSU-freundliche Passauer Neue Presse, „dass das ausgerechnet jetzt
       passiert, wo die AfD gerade einen Lauf hat?“
       
       Sieht so Söders Brandmauer nach rechts aus? Und was, sollte sie
       funktionieren? Kann es einen Populismus der sogenannten Mitte geben, der
       hilft, die Extremisten in Schach zu halten?
       
       Es gebe Kollegen, für die Populismus ein Teil der Demokratie sei, sagt die
       Politikwissenschaftlerin Astrid Séville. „Dann gibt es aber auch die
       anderen, die in ihm gerade einen Angriff auf die Demokratie sehen. In der
       Diskussion um Populismus geht es bisweilen um die helle und die dunkle
       Seite der Demokratie.“ Eine Analogie, die dem „Star Wars“-Fan Markus Söder
       gefallen dürfte. „Söder ist beides gleichzeitig. Anakin Skywalker und Darth
       Vader.“ Astrid Séville macht eine kleine Pause und fügt hinzu: „Aber mit
       Würstchen in der Hand.“
       
       28 Jul 2023
       
       ## LINKS
       
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       Die Debattenkultur hat einen Tiefpunkt erreicht, findet Bayerns
       Landtagspräsidentin Aigner. Die CSU-Politikerin plädiert für einen anderen
       Umgang unter Politikern.
       
 (DIR) Landtagswahl in Bayern: Die Jammer-Bayern
       
       In Ostbayern erhält die AfD besonders viel Zuspruch. Dabei ist die Region
       alles andere als strukturschwach. Warum wählen die Menschen dort rechts?
       
 (DIR) Nazi-Pamphlet: Diese Recherche war nötig
       
       Im Zuge der Affäre um Hubert Aiwanger gibt es Kritik an der „Süddeutschen
       Zeitung“. Darf man in dieser Form über einen Skandal berichten?
       
 (DIR) Antisemitismus-Vorwurf gegen Aiwanger: Nazi-Geschmier in der Schultasche
       
       Der bayerische Vize-Ministerpräsident Aiwanger hatte als Schüler eine
       antisemitische Hetzschrift in der Tasche. Verfasst haben will sie sein
       Bruder.
       
 (DIR) Antisemitismus und Hubert Aiwanger: Seine brisante Vergangenheit
       
       Freie-Wähler-Chef Aiwanger steht wegen eines antisemitischen Flugblatts aus
       seiner Jugend unter Druck. Sein Bruder bekennt sich dazu. Kritik bleibt.
       
 (DIR) Union für Sachleistungen für Geflüchtete: Dann doch lieber weiter Bargeld
       
       Die Union plädiert für Sachdienstleistungen für Geflüchtete in den Heimen.
       Nicht nur bürokratisch gesehen ist das Bullshit.
       
 (DIR) AfD und Friedrich Merz: Was sind „normale Leute“?
       
       Früher wollte keiner normal sein, auch unser Kolumnist nicht. Heute ist er
       normaler, als die AfD erlaubt.
       
 (DIR) Wahlkampf mit Argrarminister Özdemir: Bayrische Bauern übertönen Grüne
       
       Landwirtschaftsminister Özdemir und die grüne bayrische Spitzenkandidatin
       Schulze treffen im Chiemgau wütende Landwirte und rechte Pöbler.
       
 (DIR) CDU-Chef nach AfD-Aussagen unter Druck: Merz warnt vor Kanzlerdebatte
       
       Die Union solle sich auf inhaltliche Arbeit fokussieren, fordert der
       CDU-Vorsitzende Friedrich Merz, statt „über Koalitionen oder gar
       Personaldebatten“ zu spekulieren.
       
 (DIR) Umgang der CDU mit AfD: Das Loch in der Brandmauer
       
       Friedrich Merz schließt Zusammenarbeit auf kommunaler Ebene mit AfD nicht
       aus. Einige Parteikollegen widersprechen. Dann rudert er zurück.
       
 (DIR) CSU-Klausurtagung in Andechs: Botschaft vom heiligen Berg
       
       Die CSU hat im idyllischen Kloster Andechs getagt. Das Ergebnis:
       Forderungen nach mehr Elterngeld, ein Ende von „Habecks-Heiz-Hammer“ und
       übliches Ampel-Gebashe.