# taz.de -- Nachbarschaftsgefühl in der Großstadt: Meine Gasse in Hamburg
       
       > Ich habe einen besonderen Ort entdeckt: die Hamburger Neustadt. Das
       > Viertel erinnert mich wegen seines Nachbarschaftsgefühls an meine frühere
       > Heimat.
       
 (IMG) Bild: Wo die Leute noch Zeit zum Klönen haben: die Hamburger Neustadt, hier die Jakobstraße
       
       Seit mehr als acht Jahren lebe ich in Hamburg und doch überrascht mich die
       Stadt mit neuen Straßen und Orten immer wieder: Mitten in Hamburg, in der
       Nähe des Michels, habe ich einen ganz besonderen Ort entdeckt. Nicht, weil
       er der teuerste oder schönste ist, sondern weil er mir gezeigt hat, dass
       selbst in einem kleinen Viertel das tatsächliche deutsche Gesicht zu sehen
       ist – und er mich an meine Heimat in Syrien und das Nachbarschaftsgefühl
       von früher erinnert.
       
       Hier gibt es viele sogenannte Sozialwohnungen, in denen viele Menschen mit
       Migrationshintergrund leben. Außerdem gibt es Wohnungen von verschiedenen
       Genossenschaften für Menschen mit mittlerem Einkommen sowie private
       Wohnungen für Gutverdienende. In diesem Viertel kommen Menschen
       verschiedener Hintergründe zusammen und obwohl er mitten in Hamburg ist,
       habe ich manchmal das Gefühl, nicht in einer großen Stadt zu sein.
       
       Dieses Gefühl kenne ich von früher, aus meiner Heimatstadt in der Nähe von
       [1][Damaskus]. Es war einer der Vororte von Damaskus, der durch Zugezogene
       und Vertriebene geprägt war. In Syrien leben zwar nicht viele Menschen mit
       internationaler Migrationsgeschichte wie hier in Deutschland, aber manchmal
       fühlte es sich doch so an, weil jede Stadt in Syrien eine ganz eigene
       Kultur und Sprache hat.
       
       Ich habe erst nach ein paar Jahren in [2][Hamburg] bemerkt, dass es kein
       Vorteil einer großen Stadt ist, wenn dort nur alleinstehende junge Leute
       leben, sie nur schnell gehen und keine Zeit haben, sich zu unterhalten und
       zu grüßen. So ist es in der Hafencity, ein Stadtteil, der sich anfühlt, als
       wäre er nur für eine bestimmte Gruppe der Gesellschaft gebaut worden.
       
       ## Coolness statt Nachbarschaft
       
       In der Neustadt erlebe ich es ganz anders: Hier leben auch viele Familien
       und es gibt Spielplätze, auf denen die Kinder miteinander spielen und sich
       die Eltern kennenlernen. Ich beobachte gerne im Vorbeigehen eine ältere
       Frau, die tagsüber fast immer aus dem Fenster schaut. Manchmal unterhält
       sie sich dabei mit ihren Bekannten auf der Straße. Szenen wie diese geben
       mir dieses nachbarschaftliche Gefühl.
       
       Selbst in meinen ersten Jahren in Hamburg, als ich noch im
       [3][Schanzenviertel] gewohnt habe, konnte ich dieses Gefühl nicht finden.
       Dort war es sehr cool und alle coolen jungen Leute haben sich hier
       versammelt. Aber eine richtige Nachbarschaft konnte ich dort nicht finden.
       
       Die Szenen in der Neustadt hingegen erinnern mich an meine „harra“, meine
       Gasse, in der ich aufgewachsen bin. Ich habe schon als junger Mann gerne
       draußen gesessen und die Menschen beobachtet. Und mich begrüßen lassen,
       denn fast alle Menschen, die vorbei kamen, kannten mich oder meine Familie.
       
       Ich bin überrascht, dass diese [4][Nachbarschaft] sich tatsächlich mitten
       in der Großstadt Hamburg befindet. Manchmal vergesse ich, wie sehr unser
       kapitalistischer Alltag die zwischenmenschlichen Beziehungen stört. Als
       wäre die Beziehung zwischen Menschen nur eine Transaktion und nicht etwas,
       das wir alle zum Leben brauchen.
       
       24 Jun 2023
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Hussam Al Zaher
       
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