# taz.de -- SPD-Mitglieder zum Koalitionsvertrag: Sozialdemokratische Schwengelpumpen
       
       > Auf sechs Foren streitet die Berliner SPD über den Koalitionsvertrag mit
       > der CDU. Bei Mobilität und Klimaschutz geht es besonders kontrovers zu.
       
 (IMG) Bild: Geht die Basis auf die Barrikaden? Franziska Giffey beim Gedenken an die Märzrevolution
       
       Es sind die kleinen Erfolge, an denen sich die Berliner SPD beim
       [1][vierten Mitgliederforum] am Freitagabend festhält. „Zum Erhalt der
       Grünflächen gibt es konkrete Maßnahmen“, versucht Sven Heinemann den rund
       100 Teilnehmenden der digitalen Veranstaltung den [2][Koalitionsvertrag]
       schmackhaft zu machen und zählt auf: „20 Millionen Euro haben wir mehr für
       die Parkreinigung und 20 Millionen für zusätzliche Straßenbäume.“
       
       Sven Heinemann ist Landesgeschäftsführer der Berliner SPD. Bei den
       Verhandlungen mit der CDU hat er die Facharbeitsgruppe Mobilität,
       Klimaschutz und Umwelt geleitet. Es ist neben dem Thema Inneres jener
       Bereich, der den Genossinnen und Genossen am meisten Bauchschmerzen
       bereitet. Heinemann braucht auf der Veranstaltung gute Argumente.
       
       Also betont er, dass es auch mehr Geld für die [3][historischen Berliner
       Schwengelpumpen] gäbe. Geld, damit die Wasserbetriebe die teils maroden
       Pumpen mit den markanten Drachenköpfen auf den innerstädtischen Gehwegen
       übernehmen können. „Die Bezirke haben gezeigt, dass sie die Sanierung nicht
       stemmen können“, erklärt Heinemann.
       
       Klimaschutz nicht als ökologiosche und soziale Frage, sondern als
       Schwengelpumpenfrage? Natürlich hatte Heinemann noch ein gewichtigeres
       Argument zur Hand. Fünf Milliarden Euro wollen CDU und SPD als
       [4][Sondervermögen für den Klimaschutz] bereitstellen. Sollte das nicht
       reichen, kann das Programm um weitere fünf Milliarden erweitert werden.
       
       Heinemann hat beide Tranchen schon mal zusammengerechnet: „Es sind nicht
       fünf, es sind zehn Milliarden“, betont er. „Das ist ein wichtiger Anfang.“
       Mit den Grünen dagegen habe es eine solche Einigung nicht gegeben. „Die
       wollten 3,5 Milliarden aus dem Haushalt nehmen. Das hätte dann aber an
       anderer Stelle gefehlt.“
       
       Ein Viertel des Sondervermögens, sagt Sven Heinemann in seinem
       fünfminütigen Werbeblock für die große Koalition, stehe für Mobilität und
       Klimaschutz zur Verfügung. „In der Verhandlergruppe haben wir gesagt, wir
       wollen die Klimaneutralität vor 2040 anstreben“, sagt er. „In der
       Hauptverhandlungsgruppe hieß es dann, wir wollen es vor 2045 schaffen.“
       Aber auch dieses Ziel sei „ambitioniert und notwendig“.
       
       ## Koalitionsvertrag bricht Mobilitätsgesetz
       
       Wie schon bei den Mitgliederforen zuvor ist auch das am Freitag
       durchgetaktet. Arbeit und Soziales ist Thema, Sport und Bürgerschaftliches
       Engagement und schließlich Mobilität, Klimaschutz und Umwelt. Dreimal
       dreißig Minuten, drei Mal Für- und Widerrede, Frageblock, Antwortrunde.
       
       Die Gegenrede zu Sven Heinemann hält Linda Vierecke. Seit der
       Wiederholungswahl sitzt die Pankowerin im Abgeordnetenhaus. Wenige Tage vor
       dem Forum war sie in Paris, [5][twitterte von dort] zum Bild eines breiten
       und baulich von der Fahrbahn geschützten Radwegs: „Grüsse aus Paris!
       Breite, sichere Radwege hier. Versucht auch niemand rückgängig zu machen.“
       
       Vierecke verteidigt in ihrer Rede das [6][Mobilitätsgesetz], mit dem der
       [7][Koalitionsvertrag] „kollidieren“ würde. Tatsächlich will sich
       Schwarz-Rot nicht mehr überall an die vorgeschriebene Breite von neuen
       Radwegen von 2,30 Meter halten. Aber auch den geplanten Ausbau der U-Bahn
       kritisiert Vierecke, sie setzt lieber auf die Tram.
       
       Schon nach der Vorlage des Koalitionsvertrags [8][am 4. April hatte Linda
       Vierecke getwittert]: „Im #Koalitionsvertrag wollten wir als SPD deutlich
       mehr Mobilitätswende: mehr Tempo 30, Festhalten am Mobilitätsgesetz,
       Ausweitung der Parkraumbewirtschaftung, mehr Straßenbahnlinien. Alles
       Maßnahmen, die Emissionen reduzieren. Mit der CDU nicht zu
       machen.#noGroKoBerlin“.
       
       Ähnlich sehen es diejenigen, die sich nach Viereckes Gegenrede am Freitag
       zu Wort melden. „Das ist nicht nur Stillstand, das ist ein Rückschritt“,
       sagt eine Genossin. „Da haben wir eine große Chance verstreichen lassen.“
       Auch die Frage nach einer „gerechteren Verteilung der Verkehrsflächen“
       steht im Raum. Vierecke sagt: „Da wollte wohl niemand jemandem was
       wegnehmen.“
       
       Vor der Diskussion zur Mobilität hatte sich auch der Groko-Gegner Lars
       Rauchfuß aus dem Kreisverband Tempelhof-Schönefeld zu Wort gemeldet. „Das
       Wort Weiter taucht im Koalitionsvertrag 93 mal auf“, rechnet er vor. An
       anderer Stelle hieße es: „Wir setzen fort“ oder „Wird fortgeführt“. „Wie
       wollen wir jemanden überzeugen, dass der Weg mit der CDU der beste Weg
       ist?“, fragt Rauchfuß. Mit drei anderen Kreisverbänden hatte sich
       Tempelhof-Schöneberg gegen die Koalition mit der CDU ausgesprochen.
       Inzwischen hat der [9][Landesvorstand solche Voten untersagt].
       
       Für Lars Rauchfuß ist das wichtigste Kriterium bei der Bewertung des
       Koalitionsvertrags: „Was steht da drin, das nicht auch bei Rot-Grün-Rot
       drinstehen würde?“ Denn bei einer Ablehnung durch die Basis sei die
       Alternative nicht nur Schwarz-Grün, sondern auch die Fortsetzung des
       Bündnisses mit den Grünen und der Linkspartei.
       
       Noch bis zum 21. April können die 18.500 SPD-Mitglieder in Berlin ihre
       Stimme abgeben. Das Ergebnis des Mitgliederentscheids wird am 23. April
       bekannt gegeben. Einen Tag später berät ein CDU-Parteitag über den
       135-Seiten starken Koalitionsvertrag. Die Wahl von CDU-Mann Kai Wegner zum
       Regierenden Bürgermeister könnte dann am 27. April stattfinden.
       
       Ob er mit allen Stimmen von CDU und SPD gewählt wird, ist eine andere
       Frage.
       
       15 Apr 2023
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://spd.berlin/magazin/aktuelles/mitgliederforen/
 (DIR) [2] https://spd.berlin/koav/
 (DIR) [3] https://www.berliner-mieterverein.de/magazin/online/mm0420/berliner-wasserpumpen-trinkwasser-per-muskelkraft-042024.htm
 (DIR) [4] /Koalitionsverhandlungen-in-Berlin/!5918940
 (DIR) [5] https://twitter.com/4ecke/status/1645468369016029184/photo/1
 (DIR) [6] https://www.berlin.de/sen/uvk/verkehr/verkehrspolitik/mobilitaetsgesetz/
 (DIR) [7] https://spd.berlin/koav/
 (DIR) [8] https://twitter.com/4ecke/status/1643183787436654592?cxt=HHwWgIC-7du84c0tAAAA
 (DIR) [9] /Mitgliederentscheid-der-Berliner-SPD/!5924926
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Uwe Rada
       
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