# taz.de -- Cancel Culture: Nicht mal Mel Gibson ist gecancelt
       
       > US-Schauspieler Mel Gibson ist für antisemitische, rassistische und
       > misogyne Äußerungen bekannt. Nun hat er in der Serie „The Continental“
       > eine Hauptrolle.
       
 (IMG) Bild: Mel Gibson
       
       Der größte Witz des vermeintlichen Cancelns ist ja, dass diejenigen, die
       sich als Opfer der sogenannten [1][Cancel Culture] gerieren, direkt
       Dutzende Mikrofone unter die Nase gehalten bekommen, in die sie greinen
       können, wie fies sie von den bösen „Woken“ doch behandelt werden. Nicht
       Louis C. K., nicht Johnny Depp, nicht Lisa Eckhart, nicht [2][Joanne K.
       Rowling], keine dieser Personen des öffentlichen Lebens ist „gecancelt“.
       Sie alle stehen nach wie vor auf Bühnen, vor Kameras, verkaufen ihre Marke.
       Doch jetzt ist eine Casting-Entscheidung über meinen Bildschirm geflattert,
       die selbst mich zusammenzucken ließ, wo mich eigentlich wenig erstaunt,
       wenn es um nicht gecancelte Promis geht: [3][Mel Gibson] ist zurück.
       
       What?! Der Mel Gibson, der die Jüdin Winona Ryder als eine
       „Vor-dem-Ofen-Drückerin“ („oven dodger“) bezeichnet haben soll? Der „Witze“
       darüber macht, dass Schwule ihm Aids geben würden? Von dem eine Tonaufnahme
       geleakt wurde, auf der er zu seiner Ex-Frau sagt, sie wäre schuld daran,
       wenn sie von „einem Haufen *N-Wort* vergewaltigt“ werden würde? Der
       häusliche Gewalt ausgeübt haben soll? Der Fakten rund um den Holocaust
       zumindest „anzweifelt“? Ich könnte die Liste weiterführen, aber mein Punkt
       ist klar: Mel Gibson ist ein antisemitischer, rassistischer,
       homofeindlicher und misogyner Mensch. Und nun hat er wieder eine
       Hauptrolle.
       
       Natürlich war Gibson nie weg. Immer wieder spielte er in B-Movies mit –
       allein im Jahr 2022 sind sechs Filme mit ihm erschienen. Trotzdem galt er
       lange Zeit in Hollywood als „blacklisted“ – oder eben, wie man heute sagen
       würde, als „gecancelt“. Doch jetzt ist er der tragende Schauspieler der
       Miniserie „The Continental“, einer großen Produktion, die auf dem „John
       Wick“-Franchise basiert (mit Keanu Reeves, der in der Serie aber nicht
       mitspielt), und deren erster Trailer gerade erschienen ist.
       
       ## Wer „The Continental“ guckt, macht sich mitschuldig
       
       Dass Gibson nach all den Entgleisungen, die er sich im Laufe der letzten
       Jahre geleistet hat, wieder große Hauptrollen kriegt, ist schon ein starkes
       Stück. Er ist einer der vielen Beweise dafür, dass es die vermeintliche
       Cancel Culture eben doch nicht gibt – zumindest nicht, solange es um
       mächtige weiße Männer geht. Marginalisierte Menschen wiederum können ein
       Lied davon singen, was es bedeutet, wirklich „gecancelt“ zu werden.
       
       Ich jedenfalls habe endgültig die Schnauze voll. Denn wenn es um die „Kunst
       vom Künstler trennen“-Diskussion geht, gibt es in meinen Augen eine Grenze
       und diese Grenze ist eindeutig Mel Gibson. Wer „The Continental“ guckt,
       macht sich mitschuldig an der Rehabilitierung von Gibson. Einer
       Rehabilitierung, die er offensichtlich nicht verdient hat. Jeder darf mal
       Fehler machen, klar. Aber bei Gibson war es erstens nicht nur ein Fehler
       und zweitens zeigte er nach der Kritik daran auch keinerlei Einsicht. Er
       ist und bleibt ein Antisemit und Rassist. Wo also ist diese Cancel Culture,
       wenn man sie mal braucht?
       
       18 Apr 2023
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Sammelband-ueber-Cancel-Culture/!5921330
 (DIR) [2] /Transrechte-in-Schottland/!5900869
 (DIR) [3] /Actionkomoedie-Fatman-als-VoD/!5729052
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Isabella Caldart
       
       ## TAGS
       
 (DIR) TV-Serien
 (DIR) cancel culture
 (DIR) Kolumne Gossip Girl
 (DIR) Kolumne Gossip Girl
 (DIR) Hollywood
 (DIR) Filmbranche
 (DIR) Kolumne Gossip Girl
 (DIR) Kolumne Gossip Girl
 (DIR) Kolumne Gossip Girl
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Vorwürfe gegen Rammstein: Das „lyrische Ich“ und die Realität
       
       Gegen die Band Rammstein gibt es Vorwürfe der sexualisierten Gewalt. Zuvor
       schon hatte Sänger Till Lindemann mit einem Gedicht zum Thema kokettiert.
       
 (DIR) Drehbuchautor*innen unzufrieden: Hollywood streikt
       
       Seit Dienstag legen in Hollywood tausende Drehbuchautor*innen ihre
       Arbeit nieder. Der Streik könnte viele Film- und Fernsehprojekte
       einschränken.
       
 (DIR) Gewalt in der Filmbranche: Und wieder schweigen die Mitwisser
       
       Wenn übergriffiges Verhalten von Promis ans Tageslicht kommt, heißt es fast
       immer: Das war ein offenes Geheimnis. Warum sagt niemand etwas?
       
 (DIR) „Harry Potter“-Star Radcliffe: Trans Personen eine Stimme geben
       
       Positioniert sich gegen die hasserfüllte Erfinderin von „Harry Potter“:
       Daniel Radcliffe gibt trans und nicht-binären Jugendlichen eine Plattform.
       
 (DIR) Schauspielerin Gwyneth Paltrow: Schluss mit toxischer „Wellness“
       
       Die Königin des vermeintlichen Detoxings ist zurück: Schauspielerin Gwyneth
       Paltrow listet auf, was sie täglich isst. Ein gefährliches Vorbild.
       
 (DIR) Sängerin Lizzo ist für alle da: Der Popstar, den wir brauchen
       
       Es wird Zeit für eine Lizzo-Huldigung bei der Kolumne „Gossip Girl“. Denn
       kaum ein Star ist so funny, schlagfertig, empathisch und cool wie sie.