# taz.de -- Billardturnier auf dem Dorf: Heute ein König
       
       > Zu Jahresbeginn trifft sich Castell zum Königsbillard. Lange war dafür
       > auch Trinkfestigkeit vonnöten. Wie ist das heute? Ein Erfahrungsbericht.
       
 (IMG) Bild: Königsbillard ist eine spezielle, fast vergessene Form des Tischkugelspiels
       
       Jedes Jahr im Januar wird im „Grünen Baum“ in Castell ein Billardtisch im
       Wirtsraum aufgestellt und in einem sehr genauen Verhältnis zum Wasserhahn
       auf der Theke positioniert. Dann öffnet das eigentlich geschlossene
       Gasthaus für drei Wochen seine Türen, zu Trainingszwecken, und am Ende für
       das abschließende zweitägige Dorfturnier im Königsbillard.
       
       Wobei „Dorfturnier“ eine kolossal untertriebene Bezeichnung ist. Ich habe
       noch keinen auch nur irgendwie ähnlich gearteten Wettbewerb gefunden, daher
       ließe sich sicher auch noch von deutschen, europäischen und zugleich von
       Weltmeisterschaften sprechen. Hier im Ort ist man allerdings eher stolz
       darauf, dass mit dem Wettbewerb völlig neue Maßstäbe für den Breitensport
       gesetzt werden. 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer: Das ist, als würden
       [1][beim Berliner Marathon] nicht die üblichen 45.000 Läufer:innen
       starten, sondern 220.000, und sie kämen alle aus der Hauptstadt.
       
       Königsbillard ist eine spezielle, fast vergessene Form des
       Tischkugelspiels. Es hat keine Taschen in den Ecken, sondern sechs Löcher
       auf dem Feld, die von einem hölzernen Kegel, dem „König“, geschützt werden.
       Fällt eine Kugel in eines der Löcher, gibt es Punkte – je näher der König
       dazu steht, umso mehr. Fällt aber der König, sind alle eben erspielten
       Punkte wieder verloren.
       
       Der Tisch ist nur etwa halb so groß wie beim Poolbillard und wegen der
       Anordnung der Löcher hält sich der Spieler nur an der kurzen Seite auf,
       [2][wie beim Flipper]. Deshalb war Königsbillard früher für Gasthäuser mit
       begrenztem Platz attraktiv. Der Casteller Tisch ist Baujahr 1936, von der
       Marke „Valsonora“ und wird nach wie vor mit 50-Pfennig-Stücken bedient. Ein
       Spiel dauert um die 12 Minuten, danach gibt der unter dem grünen Filztuch
       eingebaute Mechanismus keine Kugeln mehr her. Beim Stoß empfiehlt es sich,
       den Wasserhahn anzupeilen.
       
       Das Turnier findet seit 1987 statt, in diesem Jahr war es das 33. Mal. Auf
       der Liste der Billardkönige wechseln sich die großen Familien des Ortes ab:
       [3][Kaul], Schmidt, Hartmann. Namen, die für viele Angstgegner sind, denn
       wenn die Herren am Zug sind, fällt Stoß um Stoß eigentlich immer eine
       Kugel. Andere haben das Turnier in 30 Jahren noch nie gewonnen und eine
       Frau steht bisher auch nicht in der Siegerliste.
       
       Man braucht bei alldem nicht nur Können, sondern auch Glück. Früher war
       zusätzlich Trinkfestigkeit vonnöten. Der Unterlegene musste dem Gegner und
       den Schiedsrichtern jedes Mal einen ausgeben. Heute geht es nüchterner zu,
       sonst hätte ich nicht auf Anhieb das Achtelfinale und am Ende den 10. Platz
       erreicht. Ich bin nun stolzer Besitzer einer neuen elektrischen
       Warmhalteplatte.
       
       24 Feb 2023
       
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