# taz.de -- Kinotipp der Woche: Zerrbild nach Osten und Westen
       
       > Die Retrospektive „Überblendung“ in der Brotfabrik zeigt wie Ost und West
       > sich während der deutschen Teilung in Film und TV gegenseitig
       > inszenierten.
       
 (IMG) Bild: Läuft am 21. 1. um 16 Uhr: „Flucht nach Berlin“ (R: Will Tremper, BRD 1960/61)
       
       Auf der einen Seite der Mauer: Von der Obrigkeit geknechtete arme
       Schlucker, ständig von der Stasi gegängelt, deren ganzes Leben aussieht wie
       ein Stück Graubrot, während die russlandhörigen Parteibonzen in Saus und
       Braus leben. Auf der anderen: Fettgefressene Kapitalistenungeheuer, die
       ihre Naziuniformen zwar noch im Kleiderschrank hängen haben, jetzt aber
       lieber im ordentlichen Anzug ihre krummen Geschäfte einfädeln, gerissen und
       hinterlistig, aber eigentlich dumm wie Brot.
       
       So ungefähr zeichneten sich DDR und BRD gegenseitig. In den Medien, dem
       Kino, den Schulen, eigentlich überall. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann
       schon bald der Kalte Krieg, mit Gründung der DDR und der BRD standen sich
       fortan nicht nur zwei Staaten gegenüber, sondern auch zwei Systeme, die
       sich unerbittlich bekämpften. Auch wenn Willy Brandts Entspannungspolitik
       zunehmend Raum für so manche Differenzierung und Annäherung schuf.
       
       Das Lustige oder zumindest Interessante: An den Zerrbildern, die die beiden
       Deutschlands voneinander entwarfen, war ja auch so manch Wahres dran. Die
       DDR war ein Unterdrückungsstaat, und in der BRD hielt man es lange Zeit
       wirklich nicht für nötig, sich glaubhaft von den alten Nazis zu
       distanzieren, die bezüglich ihres Treibens im Dritten Reich unter akutem
       Gedächtnisschwund litten.
       
       Die aufwendig recherchierte, mit Mitteln der [1][Bundesstiftung zur
       Aufarbeitung der SED-Diktatur] geförderte Filmreihe „Überblendung –
       Vergessene Bilder von Ost und West“ zeigt nun, wie sich BRD und DDR
       gegenseitig in Film und Fernsehen gezeichnet haben. Welche Klischees
       entworfen wurden, wie die Propaganda arbeitete. Zig dieser thematisch
       passenden Fernseh- und Kinofilme sowie Dokumentation wurden ausgegraben für
       das Sonderprogramm, das noch [2][bis zum 29. Januar in der Brotfabrik
       läuft].
       
       Die gezeigten Filmdokumente sind zum Großteil keine cineastischen Perlen,
       die endlich als große Filmkunst geehrt gehören. Sondern oftmals
       Obskuritäten von eher historisch-skurriler Bedeutung. In jedes der
       gezeigten Werke wird in der Reihe durch einen Vortrag eingeführt, der diese
       genauer einordnet.
       
       Man bekommt so zum Teil wunderbar groteske Dinge zu sehen. Etwa in
       „Geisterstunde“ (DDR, 1967), einer Dokumentation, für die die
       DDR-Filmemacher Walter Heynowski und Gerhard Scheumann die Wahrsagerin
       Margarethe Goussanthier alias „Madame Buchela“ besuchen und interviewen
       konnten.
       
       Buchela, die in Remagen in Rheinland-Pfalz lebte, war eine große Nummer in
       der Wahrsager-Szene, von überall her kamen die Leute, um sich von ihr die
       Zukunft vorhersagen zu lassen, gerüchteweise sogar Konrad Adenauer. Ihre
       Berliner Kollegin Ursula Kardos, das legt zumindest dieses Dokumentation
       nahe, empfing dafür Willy Brandt.
       
       Hokuspokus, das wird in „Geisterstunde“ dauernd unterstellt, ist eine
       riesige Sache in der BRD. Sogar die Politiker von ganz oben seien dafür
       anfällig. Und die Buchela garantiert eine Multimillionärin, obwohl diese,
       die sich zwar schon für die Beste ihrer Zunft hält, eigentlich ganz
       bescheiden lebt.
       
       Auf der anderen Seite gibt es da etwa einen Spielfilm wie „Flucht nach
       Berlin“ (BRD, 1960/61) von Will Tremper. Schon gleich zu Beginn des Films
       rollen die überzeugten Sozialisten der Landwirtschaftlichen
       Produktionsgenossenschaft (LPG) in einem kleinen Bauernkaff ein, hängen
       überall LPG-Plakate auf und machen den Landwirten klar, dass nun eben die
       Kollektivierung auch ihrer Betriebe anstehe, ob sie das wollen oder nicht.
       
       Die Bauern wollen eigentlich eher nicht, aber die übereifrigen Jungkader
       machen schnell klar: Um ein freiwilliges Wollen geht es längst nicht mehr.
       Und so erzählt auch Wili Temper von der Wahrheit, aber auch von einer ganz
       schön propagandistisch gefärbten Wahrheit. Immerhin tauchen in seinem Film
       wenigstens noch ein paar West-Berliner auf, die auch nicht gut wegkommen in
       seiner Geschichte.
       
       20 Jan 2023
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/start
 (DIR) [2] https://www.brotfabrik-berlin.de/kino-programm-aktueller-monat/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Andreas Hartmann
       
       ## TAGS
       
 (DIR) taz Plan
 (DIR) Filmgeschichte
 (DIR) DDR
 (DIR) BRD-Film
 (DIR) Filmgeschichte
 (DIR) taz Plan
 (DIR) taz Plan
 (DIR) taz Plan
 (DIR) Kolumne Durch die Nacht
 (DIR) taz Plan
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Kinoempfehlungen für Berlin: Tricks für die große Leinwand
       
       Paul Bass' „Phase IV“ erzählt von einem surrealen Albtraum in der Wüste.
       Der Dokumentarfilm „Westwood“ vom Leben einer eigenwilligen Modeschöpferin.
       
 (DIR) Kinotipp der Woche: Auf dem Brötchen-Planeten
       
       Die Reihe „Ungarische Neo-Avantgarde im Film“ bietet vergnügliche
       Blitzlichter auf die Geschichte des ungarischen Experimentalfilms.
       
 (DIR) Kinoempfehlungen für Berlin: Die Zukunft von gestern und heute
       
       Im Lichtblick stellt Heinz Emigolz seinen Film „Schlachthäuser der Moderne“
       vor. Und auch „Crimes of the Future“ erzählt von der schönen neuen Welt.
       
 (DIR) Kinotipp der Woche: Historische Fiktion
       
       Die Filmretrospektive „Roads not Taken“ im Zeughauskino untersucht
       alternative Ausgänge der Geschichte, darunter Szenarien des Faschismus in
       Europa.
       
 (DIR) Ab ins Kiezkino: Den Glanz der Großstadt retten
       
       Berlin lebt von seiner Subkultur. Damit die nicht verloren geht, müssen vor
       allem kleine Kinos und Konzertsäle durch Besuche unterstützt werden.
       
 (DIR) Kinotipp der Woche: Bilder für das Unbewusste
       
       Phantastischer Trip: Die Reihe „Maximal Surreal“ im Filmmuseum Potsdam
       zeigt Werke, bei denen alles wunderbar durcheinander geht.