# taz.de -- Gewalt im deutschen Frauenhandball: „Das Problem ist das Wegsehen“
       
       > Der Skandal um den Trainer André Fuhr hat den Frauenhandball aufgewühlt.
       > Beim SV Buxtehude gibt es nun Vertrauenspersonen für die Spielerinnen.
       
 (IMG) Bild: Frauenhandball in Deutschland: Verschiedene Initiativen arbeiten gegen das Ausblenden von Gewalt
       
       Hamburg taz | Die Handballabteilung des Buxtehuder Sportvereins (BSV) hat
       jetzt zwei Vertrauenspersonen. Eine ist Julia Simon, die sechs Jahre lang
       selbst als Torhüterin für Buxtehude gespielt hat. Ihre Profi-Karriere hat
       sie beendet. Heute trainiert die Deutsch- und Sportlehrerin neben ihrem
       Hauptberuf Torhüterinnen vom BSV. Hinzu kommt jetzt also das Amt als
       Vertrauensperson. Dass so eine Ansprechstation für Spieler:innen wichtig
       ist, hat zuletzt ein Skandal gezeigt, der den deutschen Frauenhandball
       erschüttert hat.
       
       Im Oktober hatten mehrere aktive und ehemalige Profi-Handballerinnen
       [1][öffentlich gemacht], dass der Trainer André Fuhr über Jahre
       Demütigungen und enormen psychischen Druck auf Spielerinnen ausgeübt hatte.
       Fuhr war bis kurze Zeit vorher Trainer beim Bundesligisten Borussia
       Dortmund (BVB) und der U20-Nationalmannschaft gewesen.
       
       Durch seine Trainingsmethoden seien viele Spielerinnen psychisch gebrochen
       worden, berichtet unter anderem Ex-Handballprofi Anja Ernsberger im Magazin
       Der Spiegel. Eine andere Spielerin spricht im selben Artikel von
       sexualisierten Textnachrichten und Übergriffen und dem Kontrollwahn ihres
       ehemaligen Trainers André Fuhr. Der BVB hat sich als Reaktion auf die
       Vorwürfe von Fuhr getrennt. Auch seine Tätigkeit als Bundestrainer [2][hat
       Fuhr abgegeben]. Der Deutsche Handballbund hat [3][eine
       Aufarbeitungskommission gestartet.]
       
       Dass André Fuhr Spielerinnen unter Druck gesetzt hat und Demütigung Teil
       seines Trainingsprogramms war, muss in der Liga schon länger bekannt
       gewesen sein. Der Spiegel berichtet von Spielerinnen, die sich in Verträgen
       zusichern ließen, dass sie den Verein verlassen dürfen, sollte Fuhr dort
       Trainer werden.
       
       Auch Julia Simon weiß schon lange um den Ruf von Ex-Trainer André Fuhr,
       auch wenn sie selbst nie bei ihm trainiert hat. Vom Ausmaß der Vorwürfe und
       davon, dass Fuhr auch körperlich übergriffig geworden sein soll, hat sie
       allerdings erst durch die Veröffentlichung erfahren. „Mich macht vor allem
       sehr betroffen, dass so lange niemand was dagegen getan hat“, so Simon. „Es
       ist großartig, dass sich jetzt Spielerinnen wehren. Aber es bedrückt mich,
       dass es so lang gedauert hat.“
       
       In ihrem Verein, dem Buxtehuder SV, ist Simon also jetzt ansprechbar, wenn
       Spieler:innen Probleme haben. Auch für Eltern hat sie ein offenes Ohr.
       In ihrer Arbeit würde es hoffentlich nie um einen Fall wie den von Trainer
       Fuhr gehen, meint sie. Die Vertrauenspersonen seien vor allem für die
       kleineren Sorgen da. „Wenn eine Spielerin zum Beispiel das Gefühl hat, sie
       gibt im Training alles, darf dann aber nur fünf Minuten spielen, hilft
       manchmal ein klärendes Gespräch mit dem Trainer über Selbst- und
       Fremdwahrnehmung“, so Simon. Sie und ihr Kollege könnten in so einem Fall
       vermitteln.
       
       Seit etwa vier Wochen sind die beiden jetzt in ihrem neuen Amt und haben
       auch schon erste Gespräche geführt. Für diese Tätigkeit als
       Vertrauenspersonen werden sie nicht bezahlt, es sind Ehrenämter.
       
       Wenn eine Vertrauensperson auch noch andere Aufgaben im Verein innehat,
       könnte das natürlich zu Loyalitätskonflikten führen, meint Nadine Dobler.
       Sie ist Ansprechpartnerin bei der unabhängigen Beratungsstelle „Anlauf
       gegen Gewalt“ von Athleten Deutschland. „Andererseits ist es natürlich ein
       großer Vorteil, wenn eine Vertrauensperson die Anforderungen des
       Leistungssports so gut selbst kennt“, meint Dobler. Beratungsstellen fehle
       diese Kompetenz häufig.
       
       Der BSV ist mit seiner Initiative nicht allein. Auch andere Nordklubs wie
       der VfL Oldenburg und Werder Bremen haben Vertrauenspersonen, an die sich
       Spieler:innen wenden können. Bei den Handball-Luchsen Buchholz 08 –
       Rosengarten ist in solchen Fällen Sportmentaltrainerin Maike Koberg
       ansprechbar. Auch sie ist ehemalige Spielerin und hat sich durch Schulungen
       weitergebildet. Koberg trifft sich regelmäßig mit Mannschaft und
       Trainer:innen. Deshalb habe sie einen guten Draht zu den Spielerinnen,
       meint Sven Dubau, Team-Manager der Handball-Luchse.
       
       Und das System scheint in seinem Verein zu funktionieren: Vor Jahren hatte
       sich die Mannschaft über einen ehemaligen Trainer bei Maike Koberg
       beschwert. „Wir haben daraufhin mit dem Trainer gesprochen und ihm
       Weiterbildungen angeboten“, so Dubau. Auch ein Trainer solle die
       Möglichkeit haben dazuzulernen. Im konkreten Fall habe sich der Verein dann
       dazu entschieden, den Vertrag des Trainers nicht zu verlängern. „Solche
       Prozesse sind ja ganz normal in der Arbeitswelt“, so Dubau. „Das Problem
       ist das Wegsehen.“
       
       Genau dieses Problem gab es wohl häufig im Umgang mit Ex-Trainer André
       Fuhr, meint Nadine Dobler. Sie hat über 30 Handballerinnen beraten, die
       sich wegen ihrer Erfahrungen mit Fuhr an [4][„Anlauf gegen Gewalt“] gewandt
       haben. Häufig hätten die Spielerinnen in den Vereinen ihre Probleme mit
       Fuhr klar angesprochen – doch dort habe niemand zugehört oder angemessen
       reagiert.
       
       „Vereine brauchen Strukturen, in denen Beschwerden ernst genommen werden“,
       meint Nadine Dobler. Das könnten Vertrauenspersonen sein. „Wenn die
       Vereinsstrukturen versagen, sind unabhängige Beratungsstellen nötig“, so
       Nadine Dobler.
       
       Bisher ist „Anlauf gegen Gewalt“ bundesweit die einzige vereins- und
       verbandsunabhängige Beratungsstelle, die sich mit der [5][Lebenswelt von
       Sportler:innen] auskennt. Bald kommt eine weitere dazu: Das
       Bundesinnenministerium bringt Anfang 2023 die Anlaufstelle „Save Sport“
       an den Start für über 27 Millionen Menschen, die in Deutschland Mitglied in
       Sportvereinen sind. „Je nachdem, wie das Zentrum ‚Save Sport‘ ausgestattet
       ist, wird sich zeigen, ob zwei unabhängige Beratungsstellen vor diesem
       Hintergrund ausreichend sind“, meint Nadine Dobler.
       
       12 Dec 2022
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [2] https://www.spiegel.de/sport/handball/handball-bvb-trainer-andre-fuhr-nach-gewaltvorwuerfen-auch-beim-dhb-raus-a-14665ffb-b54b-45bb-b36c-a79436ec7487
 (DIR) [3] https://www.spiegel.de/sport/handball/machtmissbrauch-im-handball-dhb-kuendigt-unabhaengige-aufarbeitung-durch-expertenkommission-an-a-67e8f82e-09ed-4076-abed-490d65ecab23
 (DIR) [4] https://www.anlauf-gegen-gewalt.org/
 (DIR) [5] /Debatte-um-Gewalt-im-Sport/!5872979
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Marie Gogoll
       
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