# taz.de -- Ausstellung von Farkondeh Shahroudi: An Grenzen kratzen
       
       > Schrift, Zeichnung und Skulptur verbinden sich bei der Berliner
       > Künstlerin Farkondeh Shahroudi. Im Kupferstichkabinett wird sie
       > vorgestellt.
       
 (IMG) Bild: Farkondeh Shahroudi, aufgeschlagene Buchseite aus der Reihe „Glossolalia“, 2008 bis heute
       
       Sind das fünf Finger? Ein Handschuh? Oder sind es nicht eher fünf eng
       aneinandergeschmiegte Frauenköpfe, verhüllt unter Gewändern, die ihre
       Konturen miteinander verschmelzen lassen? Das ist alles möglich in den nur
       von einer dünnen Umrisslinie, gestickt in schwarzen Stoff, festgehaltenen
       Figuren in Farkondeh Sharoudis Arbeit „The Book“, einem Buch aus bestickten
       Stoffseiten.
       
       Im Jahr 2013 hatte sie die Skulptur „Wuch“ geschaffen, aus vielen einzeln
       genähten Fingern aus schwarzem Stoff, teils mit persischen Schriftzeichen
       bestickt. Sie bildeten dicht an dicht ein rundes Feld, das auch an eine
       Menschenmenge, in der jede und jeder in der Anonymität verschwindet,
       erinnerte. Oder an eine schwarze Seeanemone, deren Tentakel gleich das
       Wasser bewegen könnte. Die Figuren in ihren Büchern, die jetzt im
       Kupferstichkabinett ausgestellt sind, erinnern daran.
       
       Farkondeh Sharoudi, 1962 in Teheran geboren, verließ den Iran 1990 und
       arbeitet in Berlin seit Langem als Künstlerin. Stoff und Schrift
       (Lateinisch und Persisch), gezeichnete und skulpturale Linien gehen in
       ihren Arbeiten enge Verbindungen ein.
       
       Im Kupferstichkabinett lehnen ein genähtes „o“ und ein „h“ in einer Ecke,
       ein wenig müde, die in einer Ausstellung im Freien auch schon mal munterer
       als staunender Ausruf „oh“ an Bäumen lehnten. Eine „Sprachkette“ hängt von
       der Decke, aus Fahrradschlauch genähte Haken und Bögen, ornamental
       ineinander verkettet wie die Buchstaben einer Schrift.
       
       ## Störungen der Freiheit
       
       Entschlüsseln kann man die zierliche Anordnung nicht. Dass diese Kette auch
       eine Fessel sein könnte, taucht dieser Gedanke auf, weil die Künstlerin aus
       dem Iran kommt?
       
       Womöglich spielt das eine Rolle. Aber auch dort, wo Sharoudi die Zeichnung
       eines Körpers, der halb Mensch, halb Baum ist – „Degrees of Freedom“, von
       2020 –, deutsch beschriftet hat, erzeugt sie einen Kontext, der auf Angst
       und Beschädigung hinweist: „Angststörung, Essstörung, Phobien,
       Entzugssyndrome“ kann man zwischen Stamm und Ästen entziffern.
       
       Die Ausstellung im Kupferstichkabinett ist Teil des
       Hannah-Höch-Förderpreises, mit dem die iranische Künstlerin dieses Jahr vom
       Land Berlin ausgezeichnet wurde. Den Hauptpreis erhielt [1][Ruth
       Wolf-Rehfeldt], die in den 1960er Jahren mit Mail Art und Typoskripten auf
       der Schreibmaschine begann, von der DDR aus ein Netz von internationalen
       Kunstkontakten aufzubauen. Ihr gehört die größere Ausstellungsfläche im
       Kupferstichkabinett, Farkondeh ein davon umschlossener Raum.
       
       Beide Künstlerinnen verbindet, mit Schrift und Buchstaben an Grenzen zu
       kratzen, territorialen Grenzen, Grenzen politischer Richtlinien, Grenzen
       der den Frauen zugeschriebenen Rollen.
       
       Farkondeh Shahroudi arbeitet auch mit dem Material persischer Teppiche,
       deren Muster sich oft auf das Motiv des Gartens beziehen lassen. Bei einer
       Ausstellung 2004 im Haus der Kulturen der Welt hatte sie die Säulen vor dem
       Haus damit bezogen. Jetzt liegen sie zu Kugeln zusammengeknäult und dicht
       verschnürt auf einem Balkon am Kulturforum. Und wieder findet man das Bild
       einer Fessel darin, die das, was sich eigentlich weit und einladend
       ausdehnen sollte, zu einer dichten und unbetretbaren Masse zusammenballt.
       
       Zweifellos schleichen sich in diese Interpretationen der Arbeiten der
       Künstlerin, die den Iran schon lange verlassen hat, die Schatten der
       Proteste und des Verlangens nach Freiheit in der Gegenwart ein. Aber
       Sharoudis Arbeiten lassen bei aller Poesie diese politische Aufladung eben
       auch zu.
       
       10 Nov 2022
       
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