# taz.de -- Strukturhilfen für Braunkohleregionen: Notwendiger Umbau
       
       > Zwei Großforschungszentren sollen die Ängste der Ostdeutschen vor dem
       > Kohleausstieg mildern. Ihre stabilisierende Wirkung stößt auf Skepsis.
       
 (IMG) Bild: Das Ende des Braunkohlekraftwerks Jänschwalde in der Lausitz ist für 2028 vorgesehen
       
       Dresden taz | Stimmungskontraste an den letzten beiden Septembertagen. In
       Berlin strahlen Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger und die
       Ministerpräsidenten von Sachsen und Sachsen-Anhalt, Michael Kretschmer und
       Reiner Haseloff, um die Wette. Als Kompensation für den [1][auslaufenden
       Wirtschaftsfaktor Braunkohle] bekommen sie zwei mit je 1,1 Bundesmilliarden
       geförderte Großforschungszentren im einsamen Sorbengebiet der Oberlausitz
       und in der mitteldeutschen Chemieregion zwischen Delitzsch und Leuna. Eine
       mit 63 internationalen Fachleuten besetzte Kommission hatte sie im Auftrag
       der Bundesregierung aus sechs Bewerbern bestimmt, die vor einem Jahr
       wiederum aus 97 Antragsskizzen ausgewählt wurden.
       
       Am Tag danach ist es in der Dresdner Staatskanzlei neben Professor Peter H.
       Seeberger für das künftige Center for the Transformation of Chemistry (CTC)
       vor allem der Astrophysiker Professor Günther Hasinger, der eine ansteckend
       gute Laune verbreitet. Die muss man allerdings in der adressierten
       Förderregion Lausitz meist vergeblich suchen.
       
       Schon vor zwei Jahren winkten auf die Forschungspläne angesprochene
       Einwohner ab. „Das rauscht an uns ebenso vorbei wie der geplante IC
       Berlin–Görlitz“, hieß es. Die Region brauche vor allem Ersatzarbeitsplätze
       und Gewerbeförderung, die aber das Strukturstärkungsgesetz nicht vorsieht.
       
       Der jüngst veröffentlichte [2][„Sachsen-Monitor 2021/22“] belegt außerdem,
       dass alle [3][Zuversichts- und Zufriedenheitsquoten in der Oberlausitz] dem
       Landesdurchschnitt um mindestens 10 Prozent hinterherhinken. Die Hälfte der
       Befragten empfindet ihre Region als abgehängt. Die Angst vor einem erneuten
       Strukturbruch wie vor 32 Jahren sitzt in der ehemaligen DDR-Vorzeigeregion
       tief.
       
       Losgelöst vom Kontext des Trostes für den Osten bieten die beiden
       Großforschungszentren aber interessante wissenschaftliche Ansätze. Die
       überschwängliche Weise, wie CTC-Sprecher Seeberger die Bedeutung der
       chemischen Industrie lobt, erinnert zwar etwas an die DDR-Chemiekampagne
       Mitte der 1960er Jahre. Die Notwendigkeit einer Umstrukturierung hat aber
       einen aktuellen rationalen Kern. Chemie steckt zwar in fast allen Produkten
       und steht am Anfang vieler Wertschöpfungsketten. Aber sie ist auch
       besonders krisenanfällig, die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen und
       Energieträgern betreffend. Ohne Beschönigungsversuche räumt Peter Seeberger
       schädliche Folgen ein, spricht von „Umweltvergiftung“ und „immensem
       Kohlendioxid-Ausstoß“.
       
       ## Kreislaufwirtschaft aufbauen
       
       Transformation lautet deshalb das Schlüsselwort. „Wir müssen die Chemie in
       eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft wandeln“, beschreibt der CTC-Sprecher
       das Hauptziel künftiger Forschungsarbeit. Auf welchen Feldern sie im
       Einzelnen vorangetrieben werden soll, wird noch nicht mitgeteilt. Bekannt
       ist aber, dass die Ablösung traditioneller Kohlenstoffquellen ein zentrales
       Problem ist. Seeberger spricht von „Grundchemikalien“, die nicht mehr nur
       aus Rohstoffen, sondern in Recyclingprozessen gewonnen werden sollen.
       Partner des CTC werden die Universitäten in Halle, Leipzig und Dresden
       sein.
       
       20 Kilometer nördlich von Leipzig wird der Hauptstandort in der ehemaligen
       Zuckerfabrik von Delitzsch liegen, bislang eher für seine
       Schokoladenprodukte bekannt. Die Stadt wurde auch deshalb ausgewählt, weil
       sie einen Elektroenergieüberschuss alternativ produziert. Einbezogen wird
       aber auch das sogenannte Chemiedreieck Halle-Merseburg-Bitterfeld mit den
       Leuna-Werken. Die rund tausend Beschäftigten, darunter vier Fünftel
       Facharbeiter und nichtwissenschaftliches Personal, sollen aus diesem Gebiet
       kommen. Angestrebt wird auch eine regionale Wirksamkeit durch Ausgründungen
       von Start-ups.
       
       Solche Effekte erhofft man sich auch in der Lausitz. Ralbitz-Rosenthal hat
       mit Delitzsch zunächst nur die altsorbisch-slawische Namensherkunft gemein.
       Den frommen Sorben und Pilgern ist Rosenthal mit seiner großen Kirche
       bislang nur als Wallfahrtsort bekannt. Und hier soll auf der grünen Wiese
       ein wissenschaftlicher Brutkasten entstehen, der an das
       sowjetisch-sibirische Akademgorodok bei Nowosibirsk erinnert?
       
       Nicht auf der Wiese, sondern unter der Wiese. Ein „Low Seismic Lab“ mit den
       Ausmaßen von 40 x 30 x 30 Metern in 200 Meter Tiefe als Zentrum eines
       kilometerlangen Tunnelsystems bildet eine von drei Komponenten des
       künftigen Deutschen Zentrums für Astrophysik. Für Präzisionsmessungen, für
       die Beobachtung durch bewegte Himmelsmassen erzeugter Gravitationswellen
       und die Entwicklung von Zukunftstechnologien sind hochstabile Standorte
       erforderlich. Die große Lausitzer Granitplatte ist weitgehend frei von
       seismischen Erschütterungen. Ihre wissenschaftliche Nutzung nährt außerdem
       die Hoffnung der Lausitzer, von einem dort erwogenen Atommüll-Endlager
       verschont zu bleiben.
       
       Ursprünglich hatte man [4][in der Lausitz mit Wasserstoffforschung
       gerechnet,] der bisherigen Energieregion verwandt. Jedenfalls nicht mit
       Sätzen des designierten Direktors Professor Günther Hasinger wie „Was soll
       ein UFO in der Lausitz?“ und „Die großen Rätsel liegen da draußen“, also im
       Universum. Als einer von drei Standorten für das ab 2025 geplante
       europäische Einstein-Teleskop bleibt der Lausitzer Granit immerhin im
       Gespräch. Vor allem soll in Görlitz an der Neiße in einem offenen Campus
       ein Superrechenzentrum entstehen, das den „Datentsunami“ aus dem All
       verarbeiten kann. Das Zusammenschalten mehrerer Observatorien zu einem
       weltweiten Superteleskop verlangt solche immensen Verarbeitungskapazitäten.
       
       Auch die Verantwortlichen für das künftige Astrophysikzentrum betonen die
       segensreiche Wirkung für die Region, nicht nur wegen der geplanten
       ebenfalls etwa tausend Arbeitsplätze. Schon jetzt habe man ein Netzwerk von
       etwa 50 Firmen aufgebaut, vom Ingenieurbüro bis zu Mittelständlern. „Wir
       stärken die richtigen Leute, die nicht resignieren“, sagt der beteiligte
       Professor Christian Stegmann, Direktor am Elektronen-Synchotron in
       Zeuthen.
       
       ## Arbeitsplätze für Pendler
       
       Gleichwohl regt sich auch Kritik. Regionale Linken-Abgeordnete wie Caren
       Lay aus dem Bundestag und Antonia Mertsching aus dem Sächsischen Landtag
       hatten schon im Juli moniert, dass Entscheidungen nicht mit den Bürgern
       abgestimmt würden und die Kohle-Kernregion der Lausitz unberücksichtigt
       bleibe. Professor Reint Gropp, Leiter des Instituts für
       Wirtschaftsforschung Halle, stellt die Frage, warum man nicht gleich an
       bestehende Institute angedockt habe und ob wirklich Ersatzarbeitsplätze
       entstehen. Vermutet wird ein hoher Anteil an Pendlern.
       
       Skepsis löst vor allem der Umstand aus, dass nach einer dreijährigen
       Vorbereitungsphase praktisch erst ab 2026 mit den Bauten begonnen werden
       soll. Wirkungen werden also erst in einigen Jahren erwartet. Am selben 29.
       September überholte hingegen der Lausitzer Kraftwerksbetreiber LEAG die
       Hightech-Großforschungsvorhaben mit der Ankündigung, schon bis 2030 auf
       Tagebaubrachen einen regenerativen Energiepark im Gigawattbereich zu
       installieren. Bis zu vier Millionen Haushalte könnten mit Elektroenergie
       versorgt werden.
       
       Zuvor hatten bereits das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung und
       die Technische Universität Cottbus-Senftenberg in Studien Chancen der
       Energiewende für die Lausitz aufgezeigt und eine jährliche Wertschöpfung
       von bis zu 450 Millionen Euro für die Region errechnet. Unter
       existenzsichernden Aspekten erscheinen den Einwohnern solche Vorhaben
       greifbarer als die abstrakt wirkende Grundlagenforschung.
       
       7 Oct 2022
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Ueber-den-Strukturwandel-in-der-Lausitz/!5790184
 (DIR) [2] https://www.staatsregierung.sachsen.de/sachsen-monitor-2021-22-8310.html
 (DIR) [3] /Zufriedenheit-in-Sachsen/!5876537
 (DIR) [4] /Strukturwandel-in-der-Lausitz/!5760015
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Michael Bartsch
       
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