# taz.de -- Buch über die Ukraine: Ein Ringen um das Eigene
       
       > Das Buch „Die Frontlinie“ des Historikers Serhii Plokhy beantwortet
       > drängende Fragen zur Ukraine als Schauplatz des Ost-West-Konflikts.
       
 (IMG) Bild: Eine Bauernfamilie vor ihrem beschlagnahmten Haus im Dorf Udachne, Donetsk, 1932/33
       
       Wenn man so will, trägt die Ukraine ihren Zugehörigkeitskonflikt bereits im
       Namen: „Украина“, „Ukrajína“ bedeutet „Rand“, „Grenzland“. Dass diese
       Bezeichnung in politischer Hinsicht eigentlich schon seit Jahrhunderten auf
       das Gebiet der Ukraine zutrifft, kann man in dem neuen Buch des
       ukrainisch-amerikanischen Historikers Serhii Plokhy mit dem Titel „Die
       Frontlinie“ nachlesen.
       
       Kulturell, weltanschaulich und ökonomisch, so zeigt sich, ist die Ukraine
       die gesamte Neuzeit über zwischen Russland und den westlichen Nachbarn hin-
       und hergerissen.
       
       Sinnbildlich dafür nennt der Autor die vielen Umbenennungen des Platzes im
       Zentrum von Kyjiw am Ende der Chreschtschatyk-Hauptstraße: Allein seit
       Beginn des 20. Jahrhunderts trug er die Namen Zarenplatz,
       Dritte-Internationale-Platz, Adolf-Hitler-Platz, Stalinplatz,
       Lenin-Komsomol-Platz. Heute heißt er – wie von 1851 an schon einmal –
       Europäischer Platz. Damit steht er auch für die Bemühungen der Ukrainer,
       Anschluss an die EU zu finden.
       
       Serhii Plokhy, der selbst aus einer ukrainischen Familie stammt und in
       Russland aufwuchs und studierte, lehrt heute in Harvard und gilt als einer
       der profiliertesten Osteuropa-/Ukraine-Experten. „Die Frontlinie“ ist nicht
       als zusammenhängende Geschichte der Ukraine konzipiert, sondern versammelt
       eine Reihe von Essays zu verschiedenen Epochen des Landes. Zusammengenommen
       ergeben sie einen tiefen Einblick in die ukrainische Historie – mit
       Schwerpunkt auf dem 20. und beginnenden 21. Jahrhundert.
       
       ## Ein mittelalterliches Großreich
       
       Das Wort „Ukraine“, schreibt Plokhy, wurde erstmals im 12. Jahrhunderts von
       Kyjiwer Chronisten verwendet. Sein Buch setzt auch zu dieser Zeit etwa ein,
       mit dem Zerfall der Kyjiwer Rus im 12./13. Jahrhundert, also des
       mittelalterlichen Großreichs auf dem Gebiet der heutigen Staaten Russland,
       Ukraine und Belarus. Der Fokus des ersten Teils liegt allerdings auf einem
       späteren, für die ukrainische Identität wegweisenden Datum: 1654, das Jahr
       des Vertrags von Perejaslaw.
       
       Die Kosaken errichteten damals mit dem Hetmanat eine Art ukrainischen
       Vorgängerstaat. Im Unabhängigkeitskrieg gegen Polen brauchten sie einen
       Verbündeten, den sie im Moskauer Zaren fanden. Dieses Datum wurde
       jahrhundertelang, zum Teil bis heute, im russischen – und sowjetischen –
       Narrativ als ukrainisch-russische „Wiedervereinigung“ gedeutet.
       
       Die ukrainische Nationalerzählung, Anfang des 20. Jahrhunderts maßgeblich
       vorangetrieben vom Historiker und Politiker Mychajlo Hruschewskyj, betonte
       dagegen eine Kontinuität von der Kyjiwer Rus über das Hetmanat bis zur
       ersten Ukrainischen Volksrepublik (1917–1920).
       
       Plokhy beleuchtet viele Phasen der wechselvollen ukrainischen Geschichte
       auch vor dem 20. Jahrhundert sehr ausführlich (etwa die Epoche des Hetman
       Iwan Masepa und wie diese Figur polarisierte), es ist kaum möglich, sie
       hier alle zu nennen.
       
       ## Tiefste Zäsuren
       
       Die tiefsten Zäsuren nehmen allerdings im Buch den größten Raum ein, die
       [1][Geschichte des Holodomor („Hungertod“)] in den Jahren 1932/33 während
       der stalinistischen Herrschaft zählt natürlich dazu. In der Folge der
       Zwangskollektivierung der Landwirtschaft durch Stalin und der Enteignung
       der Bauern (bis hin zu Deportation, wenn sie sich den Zwangsmaßnahmen
       widersetzten) kam es zu einer Hungersnot, die gezielt gegen die
       Ukrainerinnen und Ukrainer eingesetzt wurde – drei Millionen ukrainische
       Bauern sollen während dieser Zeit gestorben sein.
       
       Noch immer bestreiten manche Historiker:innen den geplanten Einsatz
       des Aushungerns durch Stalin. Plokhy aber hat einen digitalen Atlas des
       Holodomor („GIS-Kartierung“) ausgewertet. Demnach seien diejenigen Gebiete,
       „in denen der Bevölkerungsanteil der Ukrainer am höchsten war, […] am
       schwersten von der Hungersnot getroffen“ worden. Daneben zählten Gebiete,
       in denen viele Juden und Polen lebten, zu den besonders betroffenen
       Regionen.
       
       Plokhy hat zudem zahlreiche Tagebücher und Berichte zum Holodomor
       ausgewertet. Während manch andere Teile des Buchs sich
       geschichtswissenschaftlich-zäh lesen, kommt der Autor hier den Menschen der
       damaligen Epoche sehr nah und zeichnet ein eindrücklicheres Bild.
       
       Aus dem Tagebuch einer Lehrerin aus Charkiw zitiert er: „[Der] alte Mann,
       der auf einer Kaninchenfarm arbeitet, […] ist zwei Jahre lang
       entkulakisiert worden und vollkommen verarmt, kurz davor, sich in einen
       Bettler zu verwandeln. Er ist 70 Jahre alt; die alte Frau ist 65, und ihre
       verkrüppelte Tochter lebt bei ihnen in ihrer Wohnung. Obwohl sie mittellos
       sind, wurde ihnen alles weggenommen, was sie hätten nutzen können, um bis
       Februar zu überleben. Die Magd kehrte aus dem Urlaub zurück […] und schrie
       verzweifelt: 'Wie furchtbar das ist! Sie ruinieren die Bauern vollkommen,
       nehmen ihnen alles weg, durchwühlen die Truhen; Schreie und Schluchzen
       überall. Sie brüllen: ‚Nehmt auch die Kinder mit‘, und es gibt fünf davon
       im Haus.“
       
       ## Das sowjetische Narrativ
       
       Auch Stalins Überfall auf Ostpolen infolge des Molotow-Ribbentrop-Pakts
       behandelt der Autor ausführlich. Das sowjetische Narrativ war eine
       Befreiungserzählung: Die vorgeblich unterdrückten ukrainischen und
       belarussischen Minderheiten in Polen mussten befreit werden, so konnte man
       die Invasion Polens legitimieren. Parallelen zur heutigen Putin-Propaganda
       von der Befreiung der Ukraine drängen sich auf.
       
       Aus der Zeit des Kalten Krieges sieht Plokhy die Katastrophe von
       Tschornobyl 1986 und die Politik der Vertuschung als entscheidenden
       Wendepunkt. Die Zivilgesellschaft in der Sowjetunion sei nach diesem
       Ereignis erwacht: „Das Monopol der Kommunistischen Partei auf politische
       Betätigung [wurde] gebrochen. Die ersten Massenorganisationen und Parteien
       der Sowjetunion entsprangen der Umweltbewegung, die vor allem in den stark
       verschmutzten Industriezentren der Sowjetunion Fuß fassen konnte.“
       
       ## Der Bandera-Kult
       
       Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs erkennt Plokhy eine Spaltung der
       Ukraine anhand des erinnerungspolitischen Umgangs mit Stalin und Stepan
       Bandera (1909–1959). Während Stalin im Osten des Landes immer noch
       vielerorts verehrt wurde/wird, riss man im ukrainischen Westen mehr und
       mehr Stalin- und Lenin-Figuren nieder. Stattdessen entstand in diesem
       Landesteil ein Kult um Bandera.
       
       [2][Bandera ist eine umstrittene historische Figur], er kämpfte mit der
       Ukrainischen Aufständischen Armee im Zweiten Weltkrieg gegen die Sowjets,
       war aber auch Nazi-Kollaborateur. Er wird heute als ukrainischer
       Unabhängigkeitskämpfer verehrt, bis in die Mitte der Gesellschaft hinein,
       es gibt zahlreiche Ehrenmale. Die „Stalin-Bandera-Linie“, wie der Autor sie
       nennt, ist laut Plokhy in den Nuller- und frühen Zehnerjahren ungefähr
       deckungsgleich mit der Grenze zwischen mehrheitlich prowestlichen und
       mehrheitlich prorussischen Einstellungen in der Bevölkerung.
       
       In einzelnen Essays geht Plokhy zum Teil so sehr in die Details, dass man
       als Leser:in bisweilen den Blick fürs große Ganze verliert. Nah an der
       Lebenswirklichkeit und packend zu erzählen, gelingt ihm nur streckenweise.
       „Die Frontlinie“ beantwortet aber überzeugend sehr viele drängende Fragen,
       die man seit 2014, spätestens seit dem 24. Februar 2022 zum
       russisch-ukrainischen Verhältnis hat.
       
       „Die Ukraine war jahrhundertelang zwischen dem Russischen Reich und dessen
       mittel- und osteuropäischen Rivalen, Polen-Litauen und dem Osmanischen
       sowie dem Habsburger Reich, geteilt. Jede dieser Mächte begünstigte und
       forderte ihr eigenes religiöses und zivilisatorisches Projekt“, schreibt
       Plokhy gegen Ende.
       
       Folgern kann man daraus: Das ukrainische Nation Building, das Ringen um
       eine eigene kulturelle Identität, dauert an bis in die Gegenwart, von
       westlicher Seite fehlte es viel zu lang an Unterstützung. Diese Leerstelle
       begünstigte oder ermöglichte Russlands Überfall auf den Nachbarn erst.
       
       3 Jul 2022
       
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