# taz.de -- Russischer Popstar über Repressionen: „Russland geht mir auf den Sack“
       
       > Maksim Pokrovsky, Mastermind der Moskowiter Band Nogu Svelo! kann zu
       > Hause nicht frei spielen. Im US-Exil hat er sein Tonstudio und genießt
       > Freiheiten.
       
 (IMG) Bild: Maksim Pokrowsky hat sich das Aufnehmen im Tonstudio selbst beigebracht
       
       taz: Herr Pokrovsky, Sie haben 2020 die Proteste in Belarus in dem Song
       [1][„Molchanie jagnjat“] (Schweigen der Lämmer) thematisiert sowie Alexei
       Nawalny mit Ihren Aussagen in sozialen Medien unterstützt. In Ihren neuen
       Songs wenden Sie sich explizit gegen die russische Invasion in der Ukraine.
       Wurden Sie deshalb schon bedroht? 
       
       Maksim Pokrovsky: Nach unseren Aussagen zur Unterstützung von [2][Alexei
       Nawalny] wurden bereits Clubbesitzer davor gewarnt, weiter mit uns zu
       kooperieren. Das ist zwar kein direkter Eingriff, aber geht schon in die
       Richtung. Ein alter Bekannter von uns hat sich zuletzt immer seltsamer
       benommen. Ob er das auf Geheiß eines bestimmten Dienstes tat, weiß ich
       nicht, aber er hat uns mehrmals davon zu überzeugen versucht, dass wir
       unsere politischen Einstellungen überdenken. Tatsächlich haben wir bis
       jetzt aber keinen Anruf eines Offiziellen erhalten, der uns etwas untersagt
       hat.
       
       Neben den [3][Konzerten] und Festivalauftritten kann Ihre Band auch privat
       gebucht werden. Haben Sie auch für Politiker und Geschäftsleute gespielt? 
       
       Privatkonzerte werden über das Management gebucht. In der Regel sind es
       Unternehmen, die Künstler:Innen für Firmenfeiern brauchen. Wir haben in
       letzter Zeit kaum mehr auf solchen Veranstaltungen gastiert. Die wenigen
       Auftritte in diesem Kontext waren eigentlich ganz anständig. Es gibt auch
       Privatpersonen, die uns buchen. Leute, die in der Lage sind, Konzerte von
       uns zu bezahlen. Ich kenne sie nicht alle persönlich und weiß nicht genau,
       was sie tun. Ich bin mir sicher, dass wir nicht für die russischen
       Politiker und Oligarchen gespielt haben, die derzeit Schlagzeilen machen.
       
       Waren Sie seit dem 24. Februar schon in Russland oder planen Sie bald einen
       Besuch? 
       
       Nein, ich plane derzeit keinen Besuch. So wie die Dinge liegen, habe ich
       auch überhaupt keine Lust, nach Russland zu reisen.
       
       In dem Song [4][„Pokolenie Z“] singen Sie, „Ich erkenne dieses Land nicht
       wieder“. Was hat sich Ihrer Meinung nach in der Gesellschaft und
       insbesondere in Moskau in den letzten Jahren verändert? 
       
       In der russischen Gesellschaft selbst hat sich der Niedergang ebenso
       fortgesetzt wie der Prozess des Obskurantismus. Die Staatsmacht und ihre
       Propaganda sind in der Bevölkerung noch stärker verankert. Lichtblicke gibt
       es keine. Moskau ist mir zunehmend fremd. Was das Erscheinungsbild der
       Stadt angeht, so gefällt mir das Zentrum in gewisser Hinsicht sogar, mit
       alten Fabriken, die zu Filmstudios und Hallen für moderne Kunst umgebaut
       wurden.
       
       Auf der anderen Seite gibt es eine neue Mall, die den Paweletzki-Bahnhof
       verdeckt. Dazu dann noch die Vororte mit ihren riesigen Wohnsilos, die
       allerdings stadtplanerisch überhaupt nicht für die Menschen ausgelegt sind.
       Für mich und meine Familie ist die Stadt schon lange kein akzeptabler
       Lebensraum mehr.
       
       War New York als Wohnort also eine bewusste Entscheidung? 
       
       Natürlich. Wir sind keine Kleinkinder, die unbewusste Entscheidungen
       treffen. Zunächst einmal ist New York der ideale Ort für Musiker, auch für
       russische. Wir nutzen hier unser eigenes Studio. Als Band haben wir zwar
       nicht alle Möglichkeiten, wie es sie in Russland gab, aber trotzdem fühlen
       wir uns inzwischen hier zu Hause. Wir konzentrieren uns weiterhin
       hauptsächlich auf den russischen Markt. Außerdem ist die Nähe zu Europa und
       Russland weniger wichtig als früher.
       
       Wie das? 
       
       Das ist recht einfach (lacht). Wenn ich New York mit anderen US-Städten
       vergleiche, ist es wirklich ideal. Die russische Diaspora siedelt unweit
       des Flughafens JFK. Als ich früher regelmäßig nach Russland flog, sagte ich
       immer, ich gehe kurz mit dem Hund Gassi nach Moskau. Eine Stunde zum
       Flughafen, acht Stunden Schlaf während des Fluges, schon war ich in Moskau
       und erledigte meine Geschäfte.
       
       Wie laufen die Aufnahmen mit der Band in Ihrem Studio in New York ab?
       Kommen russische Künstler:Innen oder arbeiten Sie mit US-Kollegen? 
       
       Unterschiedlich. Inzwischen produziere ich fast alles selbst. Wobei, ich
       bin kein Ausnahme-Produzent, ich habe keine Ambitionen als Toningenieur,
       aber da ich genau weiß, was ich will, kann ich das Fehlen eines
       professionellen Produzenten ausgleichen. Wir arbeiten in Patchworkform. Zum
       Beispiel nimmt unser Gitarrist hier in New York seine Parts im Studio auf,
       dann schickt unsere Saxofonistin aus Moskau ihre Einspielungen. Es ist auch
       möglich, dass wir die anderen Instrumente um ihren Part herum einspielen.
       Es ist immer anders, aber es funktioniert.
       
       Sind Russland und der Krieg in der Ukraine überhaupt ein Gesprächsthema für
       Ihre US-Nachbarn? 
       
       Ich denke, jeder hier ist über den Krieg informiert. In den US-Medien wird
       das Thema ausführlich behandelt. Vor Kurzem waren wir in New Jersey bei
       Dreharbeiten zum Videoclip für den Solisong „Ukraina“. Wir reisten durch
       einige Kleinstädte in der Gegend zwischen New Jersey und Pennsylvania. Dort
       sahen wir viele ukrainische Flaggen wehen. In New York ist dies ebenso der
       Fall. Nicht nur im Süden von Brooklyn, wo viele Einwanderer aus Russland
       und der Ukraine leben, sondern auch unter den US-Bürger:Innen. Es ist zu
       bemerken, dass die Ukraine hier tatsächlich breite Unterstützung bekommt.
       
       Bemerken Sie eine antirussische Haltung in den USA? 
       
       Wenn ich mir die Einstellung der New Yorker ansehe, würde ich sagen, nein.
       Vielleicht liegt es daran, dass mein Bekanntenkreis überschaubar ist. Wir
       leben recht beschaulich, haben keine Massen von Freunden, die wir auf
       extravaganten Wochenendpartys treffen. Meistens komponieren wir Musik,
       drehen Videos, treffen Freunde und Partner, die uns dabei helfen. Unter den
       US-Amerikanern, die ich kenne, habe ich bislang jedenfalls keine
       antirussischen Gefühle festgestellt.
       
       In dem Song [5][„Nam ne nuzhna vojna“] singen Sie, dass Russen und Ukrainer
       Brüder sind. Viele Russen, die gegen den Krieg sind, haben Ihre Aussage
       übernommen. Ein Angriff auf ein Volk, das nicht als Brudervolk betrachtet
       wird, wäre also in Ordnung? 
       
       In diesem Fall gehen wir von dem aus, was wir haben. Die schreckliche
       Situation seit dem 24. Februar betrifft zwei Völker, die verbrüdert sind.
       Darauf nicht hinzuweisen, wäre meiner Meinung nach sehr merkwürdig gewesen.
       Ich schreibe keine Songtexte, die die Meinung einer öffentlichen
       Institution widerspiegeln. Meine Texte geben immer meine persönliche Sicht
       der Dinge. Wenn – Gott bewahre – es einen Krieg mit einem anderen Volk
       geben würde, gelten wieder andere Maßstäbe und Argumente.
       
       Ihr Song „Zajebáli“ (Auf den Sack gehen) erschien im August 2020. Worum
       ging es konkret? 
       
       In „Zajebali“ ging es um mehrere Dinge auf einmal: Die gewalttätige
       Niederschlagung der Proteste in Belarus, die Vergiftung von Nawalny und die
       Verfassungsänderung für eine verlängerte Amtszeit des russischen
       Präsidenten. Seitdem ist die Zahl der Themen, die mir auf den Sack gehen,
       noch weiter angewachsen. Das Lied scheint für die Ewigkeit gemacht.
       
       Wie sehen Sie die Zukunft Russlands? Halten Sie ein Szenario wie in den
       Volksrepubliken Donezk und Lugansk mit einer totalen Unterdrückung auf
       allen gesellschaftlichen Ebenen für möglich? 
       
       Ob so ein düsteres Szenario auch in Russland möglich ist, kann ich nicht
       ausschließen. Der [6][repressive Machtapparat] wird irgendwann am Ende
       sein. Wie bald, das ist die Frage. Da heißt es abwarten und dann lautet
       meine Antwort: Vielleicht kommt es früher zu einem Machtwechsel, als wir
       denken.
       
       21 Jun 2022
       
       ## LINKS
       
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