# taz.de -- Folgen der US-Abschiebepolitik: Im Schatten der Grenze
       
       > Während der Pandemie wurden Tausende Geflüchtete aus den USA nach Mexiko
       > abgeschoben. Keiner kümmert sich – außer Pastor Rosalio Sosa.
       
 (IMG) Bild: Pastor Rosalio Sosa an der mexikanisch-texanischen Grenze
       
       Wer von Mexiko aus an den Grenzübergang nach Puerto Palomas fährt,
       durchquert stundenlang die Wüste. Eine flache Landschaft aus Dornenbüschen,
       Kakteen und Steinen. Nur manchmal ist sie mit Holzpfählen und Stacheldraht
       abgesteckt, dort, wo einsame Kuhherden gelbes Steppengras abweiden.
       Entlegene Farmen werden auf Straßenschildern angekündigt. Vor Bergketten am
       Horizont ziehen Windhosen über die unendliche Ebene und wirbeln den Sand
       auf. Manchmal liegt ein überfahrener Coyote am Fahrbahnrand.
       
       Während von mexikanischer Seite aus Reisende in die 4.500 Einwohner große
       Gemeinde selten sind, werden von US-amerikanischer Seite seit über zwei
       Jahren Abertausende von Menschen nach Puerto Palomas verfrachtet. Keine der
       geflüchteten Familien aus Mexiko, der Karibik, Mittel- und Südamerika, die
       hier stranden, haben je zuvor von Palomas gehört. Sie haben die Grenze rund
       150 Kilometer von hier, im Ballungsgebiet zwischen den Zwillingsstädten
       Ciudad Juárez, Mexiko, und El Paso, Texas, überquert. Die US-Border Patrol
       setzt sie mithilfe des gesundheitspolitischen Dekrets „Title 42“ einfach in
       der Wüste aus. Denn in der Pandemie wurde das Recht auf Asyl in den USA
       ausgehebelt.
       
       Am 20. März 2020 schloss sich die Grenze – nur noch US-Staatsbürger und
       -bürgerinnen und Menschen mit einem Arbeitsvisum konnten sie passieren. Für
       den Tourismus wurde sie im November 2021 wieder geöffnet. Nur für
       Asylsuchende gibt es auch zweieinhalb Jahre später keine direkte
       Möglichkeit. Wer aus Lateinamerika klandestin über die Grenze geht, wird
       umgehend nach Mexiko zurückverfrachtet. In der Industriemetropole Ciudad
       Juárez füllten sich in dieser Zeit die Herbergen. In Puerto Palomas lebten
       die gestrandeten Menschen auf der Straße. Die Bevölkerung der Kleinstadt
       fühlte sich überrannt, und die Stimmung wurde jeden Tag angespannter.
       
       Eine Herberge zu eröffnen, ist kein leichtes Unterfangen in Orten, die vom
       Drogenhandel beherrscht werden. Hier in Puerto Palomas brauchte es jemanden
       mit einem eisernen Vertrauen – in sich selbst und in viel höhere Mächte. So
       ein Mann, dachte sich der Migrationsbeauftragte des Bundesstaats Chihuahua
       damals, könnte der Baptistenpastor Rosalio Sosa aus El Paso sein. „‚Hör
       mal, da gibt es einen Ort, der braucht eine Herberge‘“, erinnert sich
       Pastor Rosalio Sosa an jenes Anliegen, das sein Leben verändern sollte.
       „Ich sagte, wie groß soll der Ort denn sein, wenn ich den gar nicht kenne?“
       
       Doch im zwei Autostunden entfernten Ciudad Juárez, wo ein Bündnis
       staatlicher Institutionen, internationaler Organisationen,
       Zivilgesellschaft und Unternehmen effizient zusammenarbeitet, um
       Geflüchtete in der Pandemie in die Stadt zu integrieren, hält man große
       Stücke auf ihn. Der Prediger wurde in Begleitung von UN-Organisationen in
       einer Militärkarawane nach Puerto Palomas gefahren. Eine Woche später
       eröffnete er eine Migrantenherberge in einer Lagerhalle mit Wellblechdach.
       „Eine Kubanerin, ihre Tochter und ihr Enkel waren die ersten, die dort
       unterkamen“, erinnert sich Sosa und strahlt.
       
       Seit Februar 2020 haben über 15.000 Menschen in seiner Herberge Tierra de
       Oro, Goldland, Zuflucht gefunden. So heißt auch seine Gemeinde in El Paso –
       in Anlehnung an eine Jugend als Goldschürfer in der Sierra und den ersten
       Petrusbrief: „Ich muss dich erst zu Staub werden lassen und dann neu
       erschaffen“, heißt es dort. „Genauso macht es der Goldschürfer, wenn er
       einen Stein zermahlt, um seinen Wert zu erkennen.“
       
       Bevor er begann, das Wort Gottes zu predigen, hat Rosalio Sosa als
       Autohändler und Boxveranstalter gearbeitet. Und ein Boxkampf brachte ihm
       die Erleuchtung – Evander Holyfield gegen Mike Tyson in Las Vegas. Da stand
       für Rosalio Sosa fest, dass Gott immer siegt. Vor fünfzehn Jahren wurde
       Sosa schließlich zum Pastor geweiht.
       
       ## In der Grenzregion sind die Familien in der Regel binational
       
       An diesem Tag ist er unterwegs zum Grenzübergang, um Abgeschobene in
       Empfang zu nehmen. Der spirituelle Beistand steht für ihn an erster Stelle.
       „Sie kommen am Boden zerstört an. Bevor man ihnen Essen, eine Dusche und
       ein Bett anbieten kann, muss man sie erst einmal wieder aufbauen.“ Manche
       seien eine Woche durch die Wüste gelaufen. „Da fühlst du dich nur noch
       dreckig. Und da ist es wichtig, dass sie sich verstanden und willkommen
       fühlen. In der Herberge sind sie in Sicherheit. Niemand wird sie belästigen
       oder erniedrigen. Wir versuchen sie zu empfangen, als gehörten sie zur
       Familie. Stimmt doch, oder, Miguel?“
       
       Miguel, ein junger Mann mit Sommersprossen auf den Wangen, ist Sosas rechte
       Hand in der Herberge und auf den Fahrten durch Palomas. Einer der
       unzähligen Binnenflüchtlinge aus Zentralmexiko, für den die Herberge auf
       der Flucht vor den Drogenkartellen ein vorübergehendes Zuhause geworden
       ist. Er nickt geflissentlich und lenkt den Pick-Up auf die staubige
       Hauptstraße, die direkt auf die niedrigen Grenzanlagen zuführt. Diese
       verzeichnen nur einmal am Tag großen Andrang. Dann, wenn die Schulkinder
       von Puerto Palomas mit Schulbussen in die US-amerikanische
       Schwestergemeinde Columbus gefahren werden. In Ermangelung eines
       Krankenhauses auf mexikanischer Seite der Grenze ist die große Mehrheit der
       in Palomas Lebenden in Deming, New Mexico, zur Welt gekommen. Und mit der
       Staatsbürgerschaft gibt es Anspruch auf Bildung im Nachbarland.
       
       Während die Schulkinder mit Hausaufgaben und leeren Lunchboxen nach Puerto
       Palomas zurückkehren und zielstrebig die Drehkreuze durchschreiten, stehen
       Trauben von Menschen verloren auf dem Vorplatz der mexikanischen
       Migrationsbehörde. Pastor Sosa nähert sich einer Gruppe. Eine Handvoll
       junger Männer blickt niedergeschlagen zu Boden, zwei junge Frauen können
       nicht aufhören zu weinen.
       
       „Haben sie euch schon gesagt, dass es hier eine Herberge gibt?“, eröffnet
       Sosa das Gespräch. Dann wird er konkreter: „Hört mal, ihr könnt mir
       vertrauen, ich bin Pastor, warum weint ihr? Erzählt mir, was passiert ist.
       Hat die migra euch etwas getan?“ Migra steht für die Einwanderungsbehörden.
       
       Einer der Abgeschobenen schüttelt den Kopf und ergreift das Wort. Sie wären
       doch schon drüben gewesen, hätten es geschafft. Alle seien sie Cousins und
       Cousinen, aus dem Süden Mexikos, aus Chiapas. „Lasst den Kopf nicht hängen.
       Das ist nicht das Ende der Welt“, sagt Pastor Sosa mit fester Stimme. „Na
       komm, mein Kind …“ Er nimmt das am heftigsten schluchzende Mädchen in den
       Arm. Dann versichert er noch mal, dass sie in der Herberge willkommen
       seien. „ Aber haltet euch nicht auf der Straße auf, hier ist es recht
       gefährlich.“
       
       Pastor Sosa geht zum Auto zurück. Weiter geht die Fahrt durch die
       Kleinstadt Puerto Palomas und an der Mauer entlang, einer Wand aus
       rostroten Stahlstreben, die die niedrigen Gebäude weithin sichtbar überragt
       und düster an jene Filme erinnert, in denen ähnliche bizarre Konstruktionen
       Zombiemassen aufhalten sollen. Absurd, so Sosa, denn in der Grenzregion
       sind die Familien in der Regel binational; die Bevölkerung ist eng
       miteinander verbunden. Doch seit ein paar Jahren trennt sie die Mauer.
       
       ## Viele Tunnel unter der Mauer und Grenzschmuggel
       
       Unter Trump hätten sie sie schnell hochgezogen, in nur zwei Monaten. „Da
       war vorher nur ein Zaun. Früher sind die Leute rübergestiegen, zum Family
       Dollar einkaufen gegangen und wieder nach Hause“, sagt Sosa. Wer heute
       versuche, in die Vereinigten Staaten zu kommen, kreuze die Grenze, wo die
       Mauer weit außerhalb der Stadt in der Wüste endet. „Da steht dann die
       US-Border Patrol und erwartet sie schon, ein Katz- und Mausspiel. Mit Biden
       hat sich da wenig geändert.“ Aber er mache sich nichts aus diesen Dingen,
       murmelt er. „Aus Politik und so“, er kümmere sich um seine eigene Arbeit.
       
       Miguel fährt den Wagen die Staubpiste entlang, die an den endlos
       scheinenden Eisenstelen nach Westen hinausführt. „Wie weit gehen die wohl
       in die Erde hinein?“, sinniert er. Bald wird er ein Jahr lang in Puerto
       Palomas auf ein Asylverfahren in den USA gewartet haben. In der
       Zwischenzeit haben er und seine Freundin geheiratet. Sosa, der große Stücke
       auf Miguel hält, hat sie getraut. „Du planst da was, oder?“, fragt er
       schmunzelnd. Doch dann wird er wieder ernst. „Ja, es gibt viele Tunnel
       unter der Mauer, wenn das deine Frage ist. Sie durchziehen die gesamte
       Grenzlinie.“
       
       Grenzschmuggel hätte es immer gegeben. Nicht nur Drogen werden in Palomas
       über die Grenze gebracht. „Dort vorne, wo man den Hügel sieht, da ist eine
       verlassene Siedlung. Die wird noch immer für Drogen- und Menschenhandel
       genutzt. Hinter dem Hügel ist dann das nächste Kartell. Uns lassen sie in
       Ruhe und wir mischen uns nicht ein.“ In diesem Moment nähert sich frontal
       und mit hoher Geschwindigkeit ein schwarzer Geländewagen, der nach Puerto
       Palomas zurückrast. Pastor Sosa weist Miguel an, langsam zu fahren. „Der
       hat es eilig, so, jetzt gib Gas, wir drehen auch besser um.“
       
       Die Landstraße nach Puerto Palomas zurück unterscheidet sich nur in einem
       Detail von jeder anderen Straße durch die Wüste. Keine einsamen Wegkreuze
       zieren den Straßenrand. Hier schaut den Passierenden aus kleinen Kapellen
       ein Skelett an, das mit seinen Knochenfüßen auf einer Weltkugel steht: die
       Santa Muerte. Die Heilige ist ein Hybridmodell, das prähispanische
       Totenkulte mit der katholischen Kirche zu vereinen sucht. In der
       mexikanischen Wirklichkeit findet die Todesgöttin eine starke
       Anhängerschaft unter den Angehörigen der Drogenkartelle. „Wir Menschen
       wollen wohl immer an etwas glauben. Und sei es an einen Stock oder Stein,
       um unseren inneren Frieden zu finden. Viele Narcos schließen einen Pakt mit
       dem Teufel.“ Er beschütze sie tatsächlich und gebe ihnen Macht, beteuert
       Sosa. „Aber niemals mehr als Gott, denn der Teufel ist nur ein tollwütiger
       Hund an der Kette.“
       
       Der Pastor pfeift vor sich hin, während der Pick-Up an Häusern von Palomas
       vorbeirattert. Alle Bauten sind einstöckig. Die Mauer überragt sie ein
       ordentliches Stück und ist von überall her sichtbar. Pastor Sosas
       „Goldland“ liegt mitten im Zentrum der Wüstengemeinde, die unbefestigte,
       breite Straßen in langgezogene Quadrate teilen. Die Migrantenherberge
       umgibt ein hoher Zaun mit Sichtschutz. Die meisten Geflüchteten sind
       Langzeitgäste. Denn die politische Situation an der Grenze ist komplex.
       
       ## Die große Mehrheit flieht vor dem Terror des Drogenhandels
       
       Die im Wahlkampf von US-Präsident Joe Biden versprochene humanere
       Grenzpolitik steht nach wie vor aus. Fast alle Dekrete, die es wieder
       möglich machen sollten, dass Geflüchtete Asyl erbitten können, wurden mit
       einstweiligen Verfügungen von Bundesgerichten ausgehebelt. Die
       Geflüchteten, die in dieser Situation gefangen sind und weder vor noch
       zurück können, beteiligen sich unterdessen an den Aufgaben in der Herberge,
       sie kochen, putzen oder haben Dienst an der gut abgeschlossenen Außentür.
       
       Die große Mehrheit der Familien in der Herberge ist vor dem Terror des
       Drogenhandels aus ihren Herkunftsregionen geflohen. Eine Rückkehr könnte
       ihren Tod bedeuten. Viele kommen aus dem kleinen mittelamerikanischen
       Honduras, das sich in der letzten Dekade in einen Narcostaat verwandelt
       hat. Andere sind Binnenflüchtlinge aus anderen Bundesstaaten Mexikos, wo
       verfeindete Kartelle um die Vorherrschaft kämpfen. So auch Miguel und seine
       Familie, die aus Michoacán fliehen musste. Bei dem Versuch, die US-Grenze
       zu überqueren, wurden sie aufgegriffen und nach Puerto Palomas verfrachtet.
       Seitdem sind viele Monate vergangen. Die Schrecken der Flucht sind
       vergangen, die Sorge um die zurückgelassenen Eltern bleibt, genauso wie die
       Erinnerung an das Landleben – bevor die Narcos die Macht ergriffen. Grün
       sei es in Michoacán, schwärmt Miguel, üppig grün und voller Bäume, die sich
       vor Früchten nur so biegen. So ganz anders als hier. „Doch wir konnten dort
       nicht mehr für unsere Sicherheit garantieren und sind geflohen.“ Das sei
       eine Situation, erklärt er zögerlich, „die dich psychisch und spirituell an
       deine Grenzen bringt“.
       
       In Mexiko mussten seit dem Jahr 2006 rund 357.000 Menschen wegen Gewalt
       ihre Heimat verlassen. Im letzten Jahr kamen die meisten Familien aus den
       Bundesstaaten Chiapas, Michoacan, Chihuahua und Zacatecas. Da das Recht
       auf Asyl in den USA während der Pandemie ausgesetzt wurde, leben viele
       Binnenflüchtlinge heute in einer Herberge wie Tierra de Oro an der Grenze.
       „Uns geht es hier gut“, sagt Miguel, sie seien umgeben von Stacheldraht in
       Sicherheit. Er vermisse jedoch sein Dorf und seine Eltern. „Vor allem aber
       musste ich einen Traum aufgeben.“ Er formuliert seine Worte vorsichtig, es
       ist ihm wichtig zu erklären, was er schon als Kind empfand. „Es erfüllte
       mich mit Begeisterung, Soldaten in ihren Uniformen zu sehen.“ Zielstrebig
       beendete Miguel die Schule, bewarb sich als einer von 1.200 auf einen der
       22 begehrten Ausbildungsplätze bei der Kriegsmarine – und schaffte es.
       
       Im Überseehafen Lazaro Cárdenas wurde er als Kadett ausgebildet und
       studierte Nautik. Alle 15 Tage besuchte er seine Familie und seine Freundin
       Melissa im Dorf. Die Situation dort wurde zunehmend angespannter, denn die
       Frontlinie zwischen sich bekämpfenden Kartellen rückte näher. Melissa
       berichtete, dass sie kaum noch das Haus verlassen habe. Vor der Tür begann
       jedes Mal ein Spießrutenlauf, überall Geländewagen mit Bewaffneten. Sie
       brüllten den Frauen hinterher, was sie alles mit ihnen machen würden. Und
       machen könnten, denn sie seien die oberste Autorität im Dorf. Die Polizei
       erstattete schließlich den Kartellangehörigen Bericht.
       
       Niemals ließ Miguel etwas von seiner Ausbildung verlauten. „Zu meiner
       eigenen Sicherheit und der meiner Familie. Aber die Mafia spioniert dich
       aus. Ich hätte nie geahnt, mit welcher Genauigkeit – und welche
       Auswirkungen das auf unser Leben haben könnte.“ Denn eines Tages wurde
       Miguel auf Heimaturlaub entführt. „Sie kamen zu uns nach Hause, traten mit
       Gewalt die Tür ein.“ Miguel leistete keinen Widerstand, um Melissa nicht zu
       gefährden. „Sie verbanden mir die Augen und brachten mich an einen
       unbekannten Ort. Sie wollten, dass ich sie ausbilde, ihnen all mein Wissen
       aus der eigenen militärischen Ausbildung weitergebe“, um diejenigen besser
       bekämpfen zu können, die sich ihnen in den Weg stellten. „Ich sagte ihnen,
       sie sollten mir Zeit lassen, aber ich wusste längst, dass mir nur noch die
       Flucht blieb.
       
       Seine Entführer erklärten Miguel, dass er zu schweigen habe. Sollte das
       Militär ins Dorf kommen, wäre klar, wer es geholt habe. Dann wäre seine
       gesamte Familie in höchster Lebensgefahr. „Ich sagte mir, ich kann nicht
       mit allen fliehen, aber mit wem sie ein Problem hatten, das war ja ich. So
       verschwand ich einfach mit meiner Schwester, ihren Kindern und meiner Frau,
       und hier sind wir nun. Auf der Kadettenschule sagte ich nicht, was
       vorgefallen war. Ich schrieb, das wäre einfach nichts mehr für mich. Nur
       ich wusste die Wahrheit und wie ich mich fühlte.“
       
       Die Familie verließ ihr Zuhause für immer, ohne viel Gepäck, nur mit den
       wichtigsten Unterlagen und ein wenig Kleidung. Um drei Uhr am Morgen
       weckten sie die Kinder. Auch den 13-jährigen Sohn von Miguels Schwester und
       ihren Mann wollten die Narcos für die naheliegende Front zwangsrekrutieren.
       Ein Nachbar fuhr sie eineinhalb Stunden in die nächste Stadt, eine
       Zitterpartie in der Dunkelheit. Dann nahmen sie den Bus Richtung Norden.
       Zwei Tage Reise lagen vor ihnen.
       
       ## Geduld bewahren, sich nicht auf Schleuser einlassen
       
       Jetzt steht Miguel in dieser Herberge in der Wüste, die ebenfalls von
       Narcos umgeben ist. Gemeinsam mit Melissa hilft er dabei, das Mittagessen
       zuzubereiten. Die multinationale Kinderschar der Herberge sitzt an einem
       langen niedrigen Tisch auf Plastikstühlen. Sie plappern und schreien
       fröhlich. Ihnen wird das dampfende Essen zuerst serviert, bevor die
       Erwachsenen und Jugendlichen sich ebenfalls an einen großen Holztisch
       setzen. Weitere Plastiktische werden erst am Abend aufgestellt. Denn viele
       der geflüchteten Männer haben sich in der endlosen Wartezeit in Palomas auf
       dem Bau oder in der Landwirtschaft verdingt.
       
       Seit der Frost des Winters nachgelassen hat und die Wüste zart zu blühen
       begann, sind Miguel und Melissa alleine in der Herberge. Miguels Schwester,
       ihr Mann und ihre drei Kinder, mit denen sie gemeinsam das Dorf in
       Michoacán verlassen hatten, konnten mithilfe eines Anwalts erreichen, dass
       sie bei Familienangehörigen in Sacramento, Kalifornien, ihr Asylverfahren
       abwarten. Miguel und Melissa haben als junge Erwachsene ohne eigene Kinder
       wenig Chancen, dass sie bald durch das Drehkreuz am Grenzübergang gehen
       können. Ein Bundesrichter in Louisiana entschied am 20. Mai, dass der
       gesundheitspolitische Titel 42 nicht wie geplant drei Tage später
       aufgehoben werden könne. Das von den Vereinten Nationen 1948 deklarierte
       Menschenrecht auf Asyl muss auch in der ausklingenden Pandemie dahinter
       weiter zurückstehen.
       
       Pastor Sosa ist auf dem Weg nach Mexiko-Stadt, um an einem Treffen der
       mexikanischen Regierung zur Situation an der Grenze teilzunehmen. So ganz
       egal scheint ihm Politik dann doch nicht zu sein, jedenfalls, wenn sie
       seine Arbeit direkt betrifft. Miguel redet er vor der Abreise nochmals ins
       Gewissen. Er solle Geduld haben, nicht den Kopf verlieren, sich nicht in
       die Hände von Schleusern begeben, die immer wieder ihre Runden um die
       Herberge drehen, und sich nicht auf ein Leben ohne Papiere in den USA
       einlassen. „Irgendwas muss sich dieses Jahr noch ändern.“ Warten sei auf
       lange Sicht die bessere Option. Miguel hat es ihm versprochen.
       
       2 Jun 2022
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Kathrin Zeiske
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Mexiko
 (DIR) USA
 (DIR) MigrationControl
 (DIR) GNS
 (DIR) Schwerpunkt Flucht
 (DIR) US-Grenze
 (DIR) Lesestück Recherche und Reportage
 (DIR) USA
 (DIR) Sinaloa-Kartell
 (DIR) El Paso
 (DIR) Mexiko
 (DIR) El Paso
 (DIR) Ivanka Trump
 (DIR) Mexiko
 (DIR) Sanctuary Cities
 (DIR) Australien
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Grenze zwischen Mexiko und USA: Sie wollen kein Auffanglager werden
       
       USA hat die Einreise für asylsuchende lateinamerikanische Migranten
       erschwert. Mexiko zieht nun nach. Grund dafür ist das Auflaufen des „Titels
       42“.
       
 (DIR) Flüchtlinge an US-Grenze: Der Pass nach Norden
       
       Am Donnerstag ist die Abschieberegelung „Title 42“ der früheren
       Trump-Regierung ausgelaufen. Zehntausende Menschen sind an der Grenze und
       wollen in die USA. Ein Ortsbesuch in El Paso.
       
 (DIR) Brandkatastrophe in Mexiko: Die Zellen blieben verschlossen
       
       Beim Brand in einem Internierungslager nahe der US-Grenze sterben 38
       Migranten. Jetzt wird die Schuldfrage ermittelt.
       
 (DIR) Drogenkrieg in den USA: Mexikos Drogenbekämpfer vor Gericht
       
       Der Prozess gegen Mexikos früheren Polizeichef hat begonnen. García Luna
       arbeitete gegen die Kartelle und bekam gleichzeitig Gelder der Narcos.
       
 (DIR) US-Präsident in Mexiko: Keine einfache Agenda
       
       Joe Biden hat erstmals die US-mexikanische Grenze besucht. Neben der
       Migration steht bei seiner Visite in Mexiko ein weiteres schwieriges Thema
       an.
       
 (DIR) Krieg verfeindeter Banden in Mexiko: Massaker bei Gefangenenbefreiung
       
       Beim Angriff auf ein Gefängnis im mexikanischen Ciudad Juárez werden 14
       Menschen getötet. 24 Gefangene entkommen, darunter ein Bandenchef.
       
 (DIR) US-Grenzkontrolle bei El Paso: Trumps „Titel 42“ bleibt erst mal
       
       Die US-Grenzstadt El Paso registriert eine Rekordzahl an Geflüchteten.
       Zehntausende warten an der Grenze zu den USA und hoffen auf einen
       Abschiebestopp.
       
 (DIR) Sturm aufs Kapitol: Ausschuss macht Trump verantwortlich
       
       Der Untersuchungsausschuss zum Putschversuch vom Januar 2021 sieht Trump
       als Drahtzieher. Republikaner tun die öffentliche Anhörung als Theater ab.
       
 (DIR) Unruhen an der Grenze zur USA: Mexiko schiebt Migranten ab
       
       Hunderte Migranten haben in Tijuana versucht, die Grenze zu überwinden. Die
       USA reagieren mit Tränengas, Mexiko reagiert mit Abschiebungen.
       
 (DIR) Sanctuary Cities in den USA: Texas erzwingt Hatz auf Immigranten
       
       Viele Kommunen in den USA bieten Einwanderern ohne Papiere Schutz. Der
       texanische Gouverneur Abbott droht ihnen mit drakonischen Strafen.
       
 (DIR) Gegen Australiens restriktive Politik: Canberra schickt Flüchtlinge in die USA
       
       Washington nimmt Asylsuchende aus den Internierungslagern in Nauru und
       Papua-Neuguinea auf. Doch Trump könnte dies torpedieren.