# taz.de -- Kommunalwahl in Sachsen: Alternative für Grimma
       
       > Der Sozialarbeiter Tobias Burdukat tritt zur Wahl des Bürgermeisters an:
       > ein junger, linker Kandidat, der provoziert und Hoffnungen weckt.
       
 (IMG) Bild: Tobias Burdukat und Laura Merz auf dem Fest der Demokratie in Grimma am 21. 5.2022
       
       Tobias Burdukat will es jetzt genau wissen. In was für einer Stadt lebt er?
       Gibt es Unterstützung für seine Ideen, sein Engagement? Lassen sich die
       politischen Verhältnisse im sächsischen Grimma, 30 Kilometer südöstlich von
       Leipzig, nicht doch zum Tanzen bringen, wenigstens ein bisschen? „Sachsen
       gilt als rechts“, sagt er. „Überall wird man damit in Verbindung gebracht.
       Ich will zeigen, dass es normale Leute hier gibt. Wir sind nicht die
       Mehrheit, aber wir sind da.“ Ob die Zahl der Gleich- oder Wohlgesinnten
       groß genug ist, um eine relevante Minderheit zu bilden, wird sich am 12.
       Juni zeigen. An dem Tag tritt Burdukat bei den Kommunalwahlen in Sachsen
       für das Amt des Oberbürgermeisters in Grimma an.
       
       Tobias Burdukat, 39 Jahre alt, ist lang, dünn, bärtig, tätowiert,
       parteilos. Käppiträger, Raucher. Die Linke hat ihn nominiert, die Grünen im
       Landkreis unterstützen ihn, ebenso Leute aus der lokalen SPD. 2016 erhielt
       Burdukat den Preis der taz Panter Stiftung und die Goldene Henne – die
       kennen Sie nicht? Ein gut dotierter Medienpreis des MDR für soziales
       Engagement und sein Projekt „Dorf der Jugend“. Der Sozialarbeiter hat vom
       sächsischen Justizministerium außerdem Fördergelder für sein Konzept
       erhalten, in Grimma einen der „Orte der Demokratie“ zu schaffen. Burdukat
       ist nicht nur stadtbekannt, ein bunter Hund, ein schräger Vogel, ein
       bodenständiger Anarcho, sondern hat längst über Grimma hinaus einen Ruf als
       Aktivist und Vertreter einer Generation, die neue, innovative Wege geht.
       
       Um für seine Projekte ein Crowdfunding zu organisieren, ist er 2021 sechs
       Wochen allein über die Alpen gewandert. Auf staatliche oder kommunale
       Gelder will er nicht warten, kann er nicht hoffen. Über das „Dorf der
       Jugend“ in der ehemaligen Spitzenfabrik am Flussufer der Mulde gab es
       dauerhaft Streit. 2014 pachtete Burdukat die leer stehende Fabrik samt
       Gelände vom ehemaligen Besitzer privat, seit 2020 wird sie von der gGmbH
       Between the Lines betrieben, deren Geschäftsführer Burdukat ist. An einem
       Freitag im April hat er Dienst im Containercafé, einem umgebauten
       ehemaligen Schiffscontainer vor dem Fabrikgelände. Der Mulde-Radweg führt
       direkt vorbei und schlängelt sich durch die hügelige Landschaft. Burdukat
       klappt die hell gestrichenen Läden der Theke hoch, rückt Stühle und einen
       Tisch heran.
       
       „Ich will einen Wahlkampf machen, der zu mir passt“, sagt er und dreht sich
       eine Zigarette. Er hat sich vorgenommen, alle 64 Ortsteile von Grimma
       abzulaufen. Grimma, knapp 30.000 Einwohner, 217 Quadratkilometer groß. Wie
       der Kleinstaat San Marino, sagt Burdukat mehr verwundert als spöttisch. Er
       kandidiere für eine Stadt, die Ortsteile habe, in denen er noch nie war. Er
       selbst ist gebürtig aus Großbothen, das zu Grimma gehört, wo er trotz
       Lehraufträgen in Leipzig und Nürnberg beständig lebt.
       
       Bei seinem Marsch über die Dörfer verteilt Burdukat Postkarten und Flyer
       mit Fragen: „Was ist Ihr größtes Problem?“ „Was wünschen Sie sich?“ Viele
       Ortschaften hätten nur einen Schulbus, keinen öffentlichen Nahverkehr, so
       viel hat er schon herausgefunden. Manche Dörfer fühlten sich von der
       Kreisstadt abgehängt, hätten keine Ansprechpartner. Burdukat möchte die
       Selbstverwaltung und Autonomie der Ortsteile stärken. „Ich habe einen
       Master in Sozialmanagement“, sagt er, der vor seinem Bachelorstudium der
       Sozialen Arbeit bei der AOK Sozialversicherungsfachangestellter gelernt
       hat. „Warum soll man eine Verwaltung nicht hierarchiefrei organisieren
       können? Es gibt dafür Modelle.“
       
       ## Die Skaterfläche wurde geschlossen
       
       Die Sonne scheint an diesem Aprilnachmittag, es ist wenig los. Die
       Innenräume der alten Spitzenfabrik sind vom Bauamt wegen Brandgefährdung
       gesperrt. Burdukat, der auch Konzerte veranstaltet, scharrt genervt mit den
       langen Beinen. Der Bauantrag für den Ausbau des Veranstaltungsraums sowie
       einer Skaterhalle lief wegen Corona aus, dann fehlte das Geld.
       
       Laura Merz, die als Streetworkerin für Between the Lines arbeitet, setzt
       sich dazu. Sie will später zum Rewe-Parkplatz, wo nachmittags oft
       Jugendliche abhängen. „Es braucht Zeit, an sie heranzukommen.“ Sie hätten
       keine Orte, um sich zu treffen, und wo es Orte gebe, seien sie nicht
       erwünscht. Die Skaterfläche neben der Spitzenfabrik wurde von der Stadt
       geschlossen. „Die Jugendlichen haben keine Lust auf Aufsicht“, sagt Merz.
       Die drei Jugendzentren der Stadt reichten nicht, um alle Jugendlichen zu
       erreichen, beziehungsweise es kämen dort nur wenige an, ergänzt Burdukat,
       der das gängige Konzept von Jugendarbeit kritisiert.
       
       Ihm geht es um Freiräume, emanzipative Prozesse. Auf der Wellblechwand der
       Toiletten im Hinterhof prangt weiterhin das knallbunte Graffito „Kacken ist
       wichtiger als Deutschland“, das Jugendliche aufgesprüht haben. Das hat für
       viel Ärger im Stadtrat gesorgt, wo Burdukat bis 2018 aktiv war. Irgendwann
       wurde ihm die Aufregung rund um seine Person zu viel, er trat zurück, das
       Graffito blieb.
       
       „Jugend ist keine Frage des Alters“, sagt Burdukat, der eine eigene
       Definition entwickelt hat. „Jugend ist eine Form der Vergesellschaftung“,
       erklärt er, und man spürt den Vortragsreisenden, der sein Thema gefunden
       hat. Burdukat ist kein Berufsjugendlicher, der auf jung macht, sondern der
       jugendlich geblieben ist, weil er entsprechend handeln gelernt hat. „In der
       Jugend geht es darum, sich abzugrenzen, Probleme zu erkennen und
       Handlungsfähigkeit zu erlangen.“
       
       Was er für ein Jugendlicher war? Einer, der in der Schule viel Prügel
       einstecken musste, der Stress mit den Nazis hatte, den sie verhöhnt haben,
       er hätte „Pudding in den Armen“. Den Spitznamen trägt er bis heute, und
       zwar liebevoll. Weiterhin bekommt Burdukat hasserfüllte Nachrichten,
       hämisch, diffamierend. „Ich lasse das nicht an mich heran, sonst könnte ich
       hier nicht leben.“ Die Anhängerschaft der Freien Sachsen käme mit seiner
       Kandidatur gar nicht klar. Die vom sächsischen Verfassungsschutz als
       rechtsextrem eingestufte Partei schickt in Grimma mit Rainer Umlauft einen
       eigenen Kandidaten in die OB-Wahl. Dritter Kandidat ist der bisherige
       parteilose Oberbürgermister Matthias Berger, der zum vierten Mal antritt.
       2015 erhielt der knapp 90 Prozent der Stimmen.
       
       ## Angefeindet, verprügelt, geblieben
       
       Warum ist Burdukat in Grimma geblieben? „Ich konnte mich austoben. Ich habe
       hier meine Nische gefunden. Konzerte veranstaltet, eine Band gegründet. In
       den 90ern gab es noch viel Leerstand. Ich konnte so sein, wie ich bin.“ Das
       klingt paradox: Da wird einer angefeindet, verprügelt und findet dabei zu
       sich. Viele seiner Freunde sind mittlerweile weggegangen.
       
       Auch Jonas Siegert vom Jugendforum in Grimma gehört zu denjenigen, die nach
       dem Abi weggehen wollen zum Studieren. „Ob ich wiederkomme?“ Er zuckt die
       Achseln. Es fehle an Orten und Ideen gerade für ältere Jugendliche und
       junge Menschen. Was er von einem Oberbürgermeister Burdukat erwarten würde?
       „Dass sich das, was er im Dorf der Jugend angefangen hat, auf die Stadt
       ausweitet. Dass es mehr solche Räume gibt, wo man sich einbringen und
       mitbestimmen kann. Der Wille ist da, etwas zu verändern. Aber man muss es
       auch umsetzen können.“
       
       Der Schüler, knapp 18, noch länger und dünner als Burdukat, mit
       hellrosafarbenem Kapuzenpulli, gehört wie Streetworkerin Laura Merz zum
       Aktionsbündnis „Grimma zeigt Kante“, das ein paar Wochen später, am 21.
       Mai, ein „Fest der Demokratie“ organisiert. Es ist eine Gegenveranstaltung,
       denn nebenan auf dem Marktplatz vor dem alten Rathaus mit dem
       Renaissancegiebel veranstaltet die AfD ihr „Frühlings- und Familienfest“.
       Auch die Freien Sachsen haben trotz eines Unvereinbarkeitsbeschlusses der
       AfD einen Stand dort. Blaue Hüpfburg, lange Bierbänke, Bratwurststand. Zwei
       Pärchen in Trachten proben ihre Schrittfolge für den Auftritt. Später wird
       eine Blaskapelle Volksmusik einspielen. Der AfD-Kandidat für den Landkreis
       Leipzig, Jörg Dornau, wird sprechen, auch Björn Höcke soll kommen. Viel los
       ist nicht.
       
       Es ist windig an diesem 21. Mai, Tobias Burdukat baut in der Nebenstraße
       zum Marktplatz seinen Stand auf. Mit Kabelbindern stellt er sicher, dass
       die Postkarten mit seinem Wahlkampfslogan nicht wegfliegen: „Fantasie statt
       Fürstentum“. Fürstentum zielt auf Matthias Berger, den parteilosen jetzigen
       Oberbürgermeister, der sich in einem Interview bei Muldental TV als
       „stabile Mitte“ zwischen dem Kandidaten der „extremen Linken“ (Burdukat)
       und der „extremen Rechten“ (Umlauft) präsentiert.
       
       ## Die dünn besetzte Mitte
       
       Dass diese Mitte im Stadtrat bei insgesamt 28 Sitzen mit nur zwei der CDU,
       zwei der Linken und einem für die SPD dünn besetzt ist (die Grünen sind gar
       nicht vertreten), scheint ihn nicht verzagen zu lassen. Die AfD ist mit
       vier Sitzen die stärkste Partei, über die meisten Sitze (elf) verfügt die
       Freie Wählervereinigung. Knapp 28 Prozent der Grimmaer:innen haben bei
       den Bundestagswahlen 2021 die rechtsextreme AfD gewählt. „Das macht mich
       echt fertig“, sagt Burdukat. Während er an seinem Stand bastelt, kommt der
       AfD-Kandidat für den Bürgermeisterposten in der Nachbarstadt Wurzen vorbei.
       Bodo Walther streckt Burdukat die Hand hin. „Ich möchte Ihnen nicht die
       Hand geben“, sagt dieser. „Ich will mit Ihnen wirklich nicht reden.“
       
       Burdukat, der Sozialarbeiter, hält nichts von Dialog, jedenfalls nichts
       vom Dialog mit der AfD. „Dieses ‚Man muss mit denen reden‘ geht mir auf die
       Nerven“, sagt er. „Konsens und Dialog sind eine Form der Akzeptanz. Warum
       soll ich mich auf Höcke und Konsorten einlassen? Es geht um Streit, nicht
       um Dialog oder Verständigung. Ich würde immer einen Konflikt dem Dialog
       vorziehen. Weil ein Konflikt die Probleme zeigt, die da sind.“ Ein Konzept,
       das für Burdukat dem „Hufeisendenken“ entspringt und einen „demokratisch
       agierenden Anarchisten wie mich“ erstens nicht zur Mitte zählt, zweitens
       ins linksextreme Lager abdrängt und drittens, was vielleicht am schwersten
       wiegt, mit den Rechtsextremen gleichsetzt. „Diese Mitte existiert hier
       nicht. Und wir werden damit aus dem demokratischen Diskurs ausgeschlossen.“
       
       Grimma ist keine ganz kleine Gemeinde, es profitiert von der Bahnanbindung
       an Leipzig. Dennoch gibt es keine Hochschule, kein Theater, nur eine
       Buchhandlung und ein Kino. Die bürgerliche Mitte ist zumindest kulturell
       unterrepräsentiert. Langsam füllt sich die Nebenstraße zum Markt. Auch beim
       Fest der Demokratie drängen sich keine Massen – und es gibt leere Flächen,
       wo weitere Stände hätten stehen sollen. Die angefragte Jugendfeuerwehr und
       einige Sportvereine hätten unter Verweis auf das Neutralitätsgebot
       abgesagt, berichten die Organisator:innen Jonas Siegert vom
       Jugendforum und Laura Merz von Between the Lines. Zufall, dass ihre
       Vereinssprecher namentlich auf der Unterstützerseite des Bürgermeisters
       stehen?
       
       Siegert und Merz haben das Aktionsbündnis Grimma zeigt Kante Anfang des
       Jahres mitgegründet, um den Montagsspaziergängen der Querdenkerbewegung in
       Grimma etwas entgegenzusetzen. Diese entfallen mittlerweile, das
       Aktionsbündnis hat stattdessen das Fest der Demokratie organisiert, das in
       dieser Form zum ersten Mal zustande kommt. Auch die Linke-Abgeordnete
       Kerstin Köditz, die aus Grimma stammt und im sächsischen Landtag
       innenpolitische Sprecherin ihrer Partei ist, ist gekommen. Der Ortsverein
       der Linken hat Burdukat nominiert, die lokale SPD ist im letzten Moment
       ausgeschert. „Es ist mir wichtig zu unterstützen, was Tobias hier über
       Jahre aufgebaut hat“, sagt Köditz am Rande der Veranstaltung. Er motiviere
       die jungen Leute.
       
       ## Antifa-Slogans im Chor
       
       Gerade hält sie auf der kleinen Bühne eine Rede, als aus Leipzig gut 30
       Aktivist:innen von „Leipzig nimmt Platz“ Einzug halten. Schwarz
       gekleidet, im Chor Antifa-Slogans skandierend, machen sie Halt an der von
       der Polizei errichteten Absperrung zum Marktplatz. Ihre Transparente müssen
       sie dahinter anbringen, ihre Aktivitäten werden von der Polizei
       misstrauisch beäugt. Die Anwesenden beklatschen den Einmarsch, der Bewegung
       in die Veranstaltung bringt.
       
       Auch das Fest der Demokratie verfügt über eine Hüpfburg (rot), die Grünen
       verteilen Kochlöffel aus Holz und Windrädchen, statt Bratwurst gibt es
       selbst gekochte Linsen und Kuchen – gegen Spende. Matthias Berger habe sich
       für 16 Uhr als Redner angekündigt, sagt Jonas Siegert vom Jugendforum, aber
       der Oberbürgermeister taucht unangekündigt nicht auf. Auf die schriftliche
       Nachfrage der taz zwei Tage später reagiert er nicht.
       
       Dafür hat Tobias Burdukat bereits gesprochen. Etwas unbeholfen steht er auf
       der Bühne, die Hände in den Taschen seiner knielangen Hose. Es soll kein
       Wahlkampfbeitrag sein, es wird doch ein halber. Eine Rede hat er nicht
       vorbereitet, Burdukat sieht die Wahl als Stimmungsabfrage: Wie sieht es im
       ländlichen Raum aus? Wie schafft man es hier, die Gleichheitsfrage zu
       stellen? Wer bleibe, könne nicht viel anders, als sich zu engagieren.
       Erneut stellt er infrage, dass die politischen Lager miteinander ins
       Gespräch kommen müssten. „Wir wollen mit euch keinen Dialog führen“, sagt
       er mit Blick auf die Veranstaltung nebenan. „Wir wollen, dass ihr versteht,
       dass sich unsere Welt weiterdreht.“
       
       Sollte er die Wahl gewinnen, wird er diese Haltung beibehalten? Kann er
       sich leisten, mit „denen“ nicht zu reden? „Umgehen muss man mit ihnen“,
       sagt Burdukat. Seine Meinung dürfe man nicht ins Amt einfließen lassen,
       doch eine Meinung haben dürfe man. Er überlegt kurz: „Aufs Handgeben kann
       ich aber schon verzichten.“ Es wird Leute geben, die ihn wegen seiner
       Unverstelltheit oder Unbekümmertheit wählen werden, und andere, die ihm
       genau deswegen ihre Stimme verweigern werden. Die Frage ist, wie viele es
       sind. „Ich möchte wissen, ob sich meine Arbeit hier lohnt“, sagt Burdukat.
       „Wie viele unterstützen mich? Sind es 5 oder 30 Prozent? Bei 30 lohnt es
       sich.“
       
       „Es gibt in unserer Stadt viel Nachbarschaftshilfe“, sagt Ingo Runge, „aber
       das ist noch lange nicht gleichzusetzen mit einer aktiven
       Zivilgesellschaft.“ Runge ist Vorsitzender des SPD-Ortsvereins in Grimma.
       Er hat vor sieben Jahren selbst einmal für das Amt des Oberbürgermeisters
       kandidiert. Nicht weil er glaubte, eine Chance zu haben, sondern um für
       eine Alternative bei der Wahl zu sorgen. Auf ihn und einige Linke geht die
       Idee zurück, Burdukat für eine Kandidatur zu gewinnen. „Die Menschen hier,
       die progressiv denken, die können jetzt Position beziehen“, sagt Runge bei
       einem Treffen in Berlin, wo der 52-Jährige bei der Bahn arbeitet. Doch
       ausgerechnet bei der Aufstellungsversammlung waren er und einige
       Gleichgesinnte durch eine Corona-Erkrankung verhindert. Der Vorschlag fiel
       durch. „Parteiinterne Willensbildung“, nennt es Runge.
       
       ## „Bei uns wird alles pragmatisch gelöst, nicht ideologisch.“
       
       48 Mitglieder zählt die SPD in Grimma, der Altersdurchschnitt sei hoch. Wie
       läuft die politische Arbeit in Grimma? Runge seufzt. „Es ist ja kein echtes
       politisches Arbeiten. In kleinen Städten geht es oft mehr um das Konkrete
       und Menschliche. Bei uns wird alles pragmatisch gelöst, nicht ideologisch.“
       Der Pragmatismus heiße dann aber zu oft: unter den Tisch kehren. Runge
       beklagt den Rückzug ins Private, die Wagenburgmentalität der Stadtoberen,
       das Delegieren in Ausschüsse und kleinere Zirkel. „Diskussionen finden
       nicht statt.“
       
       Auch dem SPDler geht es um das Sichtbarmachen von Positionen, das Abstecken
       eines Resonanzrahmens. „Die Wahl ist eine Möglichkeit, etwas sichtbar zu
       machen, was man sonst nicht sieht“, sagt Runge.
       
       Tobias Burdukat, der Herausforderer, ist ein Typ, den man nicht so schnell
       übersieht, er wirkt authentisch. Was, glaubt Runge, macht einen Menschen
       aus, der sein Leben lang gegen Autoritäten rebelliert? „Man wird nicht so,
       sondern bleibt einfach, wie man ist“, meint der SPD-Mann.
       
       Zwischen Grimmaer Marktplatz und Hohnstädter Straße, wo das Fest der
       Demokratie seinen Lauf nimmt, steigt die Spannung, ohne aggressiv zu sein.
       Kommt Höcke noch? Als der Mann des als rechtsextrem eingestuften „Flügels“
       gegen 18 Uhr doch auftaucht, hat gerade nebenan die Hardcore-Punkrockband
       20 Liter Joghurt zu spielen angefangen. Plötzlich ist die Musik nicht mehr
       zu hören, jemand hat den Strom gekappt. Kurz darauf wird den
       Organisator:innen ein vom Versammlungsamt nachträglich,
       handschriftlich verfasstes Verbot überreicht, weiterzuspielen – die Musik
       sei zu laut. Björn Höcke kann ungestört reden, mehr als 100 Personen sind
       es dennoch nicht, die ihm zuhören.
       
       ## „Das hat nichts mit radikalem Umsturz zu tun“
       
       Ein etwas bitterer Ausklang, auch für Burdukat. Der Auftritt hat ihm
       gehässige Kommentare beschert. Ihm sei klar, dass er „mit dieser Kandidatur
       in einer ländlichen Idylle den Konflikt provoziert“. Konflikt, wohlgemerkt,
       positiv verstanden. Bezeichnet er sich weiter als Anarchist? „Durchaus“,
       sagt er. „Ich richte mein Handeln so aus, dass es der Utopie einer anderen
       Gesellschaft entspricht. Das hat nichts mit radikalem Umsturz zu tun. Dafür
       bin ich zu sehr Sozialarbeiter. Das muss wachsen.“ Vor zwei Jahren war
       Burdukat schon mal so weit, aus Grimma wegzuziehen. Nicht weit weg, nach
       Leipzig. Dann kam Corona, er ist geblieben. In der Langen Straße hat die
       Between the Lines gGmbH Anfang des Jahres ein Ladenlokal eröffnet. Die
       Stellen für Streetworking und Gemeindewesensarbeit sind auf drei Jahre
       durch das Programm „Orte der Demokratie“ finanziert.
       
       Was fehlt, ist ausgerechnet die Jugendarbeit: eine Stelle, die bislang von
       der Stadt finanziert und zum 1. Januar 2022 gestrichen wurde. 17 Ortsteile
       stehen bei Burdukats Wanderung durchs gesamte Grimma am letzten
       Maiwochenende noch aus. „Die schaffe ich noch“, sagt er. Endspurt. Was ist,
       wenn er bei der Wahl scheitert?
       
       Bisher sei ihm immer etwas Neues eingefallen, sagt er.
       
       10 Jun 2022
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sabine Seifert
       
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       Mit einem Projekt kämpft er in Sachsen gegen rechts. Behörden kritisieren
       Tobias Burdukats politische Haltung – und verweigern mehr Geld.
       
 (DIR) Jugendarbeiter über Rechtsextremismus: „Wir sind nicht mehr“
       
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       Projekten im ländlichen Raum unterwegs ist, wisse: So ganz stimmt das
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 (DIR) taz-Sommerfest in Grimma: Ein magischer Ort zum Feiern
       
       500 Besucher*innen feiern auf dem taz-Sommerfest in der Alten Spitzenfabrik
       in Grimma – eine Gelegenheit für kontroverse Diskussionen.
       
 (DIR) Antifaschistische Jugendarbeit in Grimma: „Wenn alle gehen, ändert sich nichts“
       
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