# taz.de -- Queeres Happening im Molotow-Club: Mittelfinger und Zärtlichkeiten
       
       > Endlich wieder Konzerte mit Publikum und feministischen Hip-Hop, Rap &
       > Co. – und Awarenesskonzept. Über ein Event der schönen Art in Hamburg.
       
 (IMG) Bild: Damit mensch sich ein Bild machen kann: Kerosin 95
       
       Als ich aus dem S-Bahn-Ausgang auf den Vorplatz des [1][Molotow-Clubs]
       stolpere, haben sich meine Freund:innen bereits versammelt. Schnellen
       Schrittes bahne ich mir den Weg zu ihnen: einmal kurz durchatmen. Einige
       haben schon ihre Gruppe gefunden, umarmen sich und lächeln sich an. Sie
       berühren sich sachte an den Oberarmen und mit Blicken. Bekannten Gesichtern
       wird gewinkt oder verheißend „Hallo“ gesagt. Ein schöner Anblick, diese
       Zärtlichkeiten.
       
       Die Security beim Einlass entspricht so gar nicht dem Bild des grimmig
       dreinblickenden und arroganten Sicherheitspersonals mit verschränkten
       Armen. Stattdessen gilt ein Awarenesskonzept: Die weiblich gelesene Person
       schaut uns nacheinander in die Augen und schärft uns ein, übergriffiges
       Verhalten sofort zu melden. Als wir zustimmend nicken und den Blickkontakt
       halten, können wir passieren.
       
       Es schafft wahnsinnig viel Sicherheit, dass klar ist: Macker haben heute
       keine Chance.
       
       Als die ersten Bässe ertönen, fangen die Köpfe an zu wippen. Immer mehr
       Menschen drängen sich vor die Bühne und bahnen sich den Weg in die erste
       Reihe. Den Auftakt macht das feministische Hip-Hop-Kollektiv [2][Fe*Male
       Treasure] aus Hamburg. Wir stehen dicht an dicht. Der Sauerstoff wird rar.
       Nasse Körper streifen meine Arme und Ellbogen schwingen aus. Wir fangen an
       zu tanzen und brüllen die Lyrics mit. Die Abrechnung mit
       Geschlechterklischees, Heteronormativität und TERFs (Trans-ausschließende
       radikale Feministinnen) hat begonnen.
       
       ## Die versammele FLINTA-Szene Hamburgs
       
       Das Konzert hier ist ein queeres Happening: [3][Kerosin 95] wird auftreten,
       bekannt für queer-feministischen Rap, der auch austeilt: „Ich bin trans*
       und hab gewonnen. Ihr seid Loser.“
       
       Entsprechend ist die [4][FLINTA-Szene] Hamburgs versammelt (Frauen, Lesben,
       inter, nicht-binäre, trans und agender Personen). Ob Vokuhila oder auf zwei
       Zentimeter getrimmt, ob Sidecut oder lange Haare, Make-up oder Nagellack,
       enge Tanktops oder kurze Kleider, einfarbige T-Shirts oder Hosen mit weitem
       Bein: Sie sind alle wunderschön.
       
       Der Bass knallt aus den Boxen, Kerosin 95 springt auf die Bühne und die
       Masse rastet aus: „Was gibt’s heut zum Mittagessen? Ich glaube Beef.“ Die
       Hände gehen nach oben und wir verschmelzen zu einer schwitzenden,
       springenden Einheit. Die schwarzen Silhouetten der Körper verschwimmen im
       grellen Nebeldunst. Wir schaffen uns unseren zärtlichen Safe(r) Space.
       Einen Raum, in dem wir uns gegen TERFs und alle Patriarchen verbünden. Für
       die gibt es an dem Abend nur den Mittelfinger.
       
       Der Rap und der Autotune-Kuschelpop von Kerosin 95 sind auch im
       Außenbereich zu hören. Wir sitzen unter einem zugeklappten Sonnenschirm,
       mein Puls pocht wild. Ich schlinge die Arme um meine Beine und vergrabe
       meinen Kopf darin. Wie Kerosin 95 gesagt hat: Konzerte sind nicht für alle
       sweete Orte. Wir schaukeln zu „Lass uns heute nicht fühlen. Meine Liebe,
       ich spür’ sie nicht. Frag mich, wo sie heute geblieben ist.“
       
       13 May 2022
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.molotowclub.com/programm/programm.php
 (DIR) [2] https://www.facebook.com/fe.male.treasure.kollektiv/
 (DIR) [3] https://www.facebook.com/kerosin95/
 (DIR) [4] /Antisemitismus-beim-Frauenkampftag/!5836637
       
       ## AUTOREN
       
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