# taz.de -- Kampf gegen Genderstereotype: „Der Girls' Day ist ein Puzzleteil“
       
       > Zum zehnten Mal verleihen die Berliner Grünen den Hatun-Sürücü-Preis für
       > Verdienste in der Mädchenarbeit. Sie kooperieren dabei nun mit dem Girls'
       > Day.
       
 (IMG) Bild: Zukünftige Metallbauerinnen: Schülerinnen am Hans-Böckler-OSZ in Berlin-Kreuzberg
       
       taz: Frau Haghanipour, der Girls' Day bietet jungen Frauen die Möglichkeit,
       männerdominierte Berufe besser kennenzulernen und will so gegen
       Chancenungleichheit in der Arbeitswelt vorgehen. Wo sehen Sie den Bezug zum
       [1][Fall Hatun Sürücü]?
       
       Bahar Haghanipour: Hatun Sürücü war eine mutige Frau, die selbstbestimmt
       ihren Weg gegangen ist. Sie hat ihren Hauptschulabschluss nachgeholt und
       stand kurz vor der Gesellinenprüfung zur Elektroinstallateurin, als sie
       ermordet wurde. Das ist ein typischer “Männerberuf“ – was zeigt, dass sie
       selbstbestimmt ihre eigenen Entscheidungen getroffen hat. Auch der Girls'
       Day möchte junge Frauen ermutigen, ihren eigenen Weg zu gehen, entgegen von
       Geschlechterstereotypen. Zum zehnten Jubiläum des Hatun Sürücü-Preises
       haben wir überlegt, ob dieser Preis sich vielleicht verändern sollte und da
       sind wir schnell auf einen gemeinsamen Nenner gekommen: Empowerment.
       
       Abgesehen von Elektroinstallateurin: welche Berufe sind denn Ihrer Meinung
       nach noch heute männerdominiert? 
       
       Vor allem Mathematik, Informatik und Technik, das belegen die Zahlen – und
       leider gibt es nur geringe Fortschritte. Das hängt eng zusammen mit
       Geschlechterstereotypen, die schon im Babybauch anfangen.
       
       Schon im Babybauch? 
       
       Wir wissen aus Studien, dass schon Schwangere sich unterschiedlich
       verhalten. Je nachdem, ob sie Mädchen oder Jungen erwarten, spielen sie
       ihren Babys andere Musik vor. Das geht mit den Farben rosa und hellblau
       weiter und auch im Kindergarten werden Stereotype verstärkt.
       
       Wie wirken sich diese Stereotype auf die Wahl des späteren Berufs aus? 
       
       Bis zur Pubertät entwickeln Mädchen ein ähnliches Interesse an
       naturwissenschaftlichen Fächern wie Jungen. In der Pubertät jedoch, wenn
       die Identifikationsphase beginnt, gibt es auf einmal einen Bruch. Wenn die
       Mädchen merken, Naturwissenschaften gelten nicht als typisch weiblich,
       lässt das Interesse nach.
       
       Und wie kann [2][eine Initiative wie der Girls' Day] dabei helfen,
       naturwissenschaftliche Berufe für Frauen mehr zu öffnen? 
       
       Der Girls' Day versucht das Interesse der Mädchen weiterhin aufrecht zu
       erhalten, zu bestärken und zu zeigen: Die Tür steht euch offen.
       
       Es gibt [3][seit 2011 auch den Boys' Day]. Wie relevant ist dieser in der
       Arbeit für mehr Chancengleichheit? 
       
       Wir brauchen den Boys' Day genauso, denn Geschlechterstereotypen wirken
       natürlich nicht nur auf Mädchen, sondern gleichermaßen auf Jungen. Wenn sie
       merken, dass gewisse Berufe in ihrem Umfeld nicht als typisch männlich
       wahrgenommen werden, schreckt sie das ähnlich ab wie Mädchen. Auch der
       Boys' Day zeigt Jungen: Geht euren Weg, fernab von Geschlechterstereotypen.
       
       Um auf den Hatun-Sürücü-Preis zurückzukommen: Auf welchen Initiativen liegt
       ihr Fokus? 
       
       Uns ist der intersektionale Ansatz wichtig, also dass die Projekte Mädchen
       mit unterschiedlichen Hintergründen erreichen. Wir wählen Initiativen und
       Bereiche, die einen großen gemeinsamen Nenner haben: Selbstbestimmt den
       eigenen Weg zu gehen und für diesen ermutigt zu werden. Das können auch
       ganz kleine Initiativen sein.
       
       Der Mord an Hatun Sürücü ist bereits 17 Jahre her. Wo sehen Sie noch heute
       die Aktualität? 
       
       Tötungen an Frauen haben leider an Aktualität nicht verloren. Im Schnitt
       versucht jeden Tag ein Mann seine Partnerin oder Ex-Partnerin umzubringen.
       Das zeigt, wir haben ein gesamtgesellschaftliches Problem. Mir ist wichtig,
       dass wir das anerkennen und beim Namen nennen. Es geht um Femizide, sprich
       die Tötung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts, und die gehen durch alle
       Gesellschaftsschichten.
       
       Als wie akut schätzen Sie das Thema Femizide in der gesellschaftlichen
       Debatte ein? 
       
       Ganz sicher ist, dass Gewalt an Frauen und Mädchen während den Lockdowns
       zugenommen hat – und das ganz besonders in Berlin. Das ist tragisch, und da
       müssen wir versuchen Mädchen und Frauen so gut es geht vor Gewalt zu
       schützen.
       
       Wie kann eine Initiative wie der Girls' Day gegen diese Gewaltstrukturen
       vorgehen? 
       
       Der Girls' Day versucht jungen Mädchen zu zeigen: Geht euren Weg, wir
       bieten euch eine Bühne. Aber der Girls' Day hat natürlich seine Grenzen, er
       findet nur einmal jährlich statt. Es ist gut, dass es dieses Angebot gibt,
       aber der Girls' Day ist nur ein Puzzleteil von vielen.
       
       29 Apr 2022
       
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