# taz.de -- Szene der „Querdenker“: Booster für Rechtsextreme
       
       > Die Coronaproteste sind erst der Anfang eines von Rechten orchestrierten
       > „Widerstands“. Dennoch wird die Gefahr von Politik und Medien
       > verharmlost.
       
 (IMG) Bild: Draußen ein Kostüm aus Masken, im Bundestag die Diskussion zur Impfpflicht. Berlin am 16. März
       
       Triggerwarnung: Dieser Text wird „Querdenker:innen“ verstören. Er soll es
       auch, gerade in diesen Tagen, in denen ein Hebel umgelegt werden soll. Die
       Maskenpflicht weitgehend aufgehoben, die Einführung einer allgemeinen
       Impfpflicht, wenigstens ab 60, gescheitert – und nun sollen auch die
       Coronaproteste neu bewertet werden.
       
       Sind sie nun doch ein berechtigter „Freiheitskampf“ von
       „Maßnahmen-Kritiker:innen“ und „Impfskeptiker:innen“ seit 2020 im Netz und
       auf der Straße? Sind es doch bloß „friedliche Spaziergänge“ und vielerorts
       gar nicht von Neonazis angezettelte gewalttätige Proteste? Ist die während
       der Pandemie von Soziolog:innen beobachtete Radikalisierung auch
       bürgerlicher Milieus eine Desinformation aus dem wissenschaftlichen
       Elfenbeinturm?
       
       Um die Frage zu beantworten, lohnt ein Rückblick in die Wochen, als alles
       anfing. Im April 2020 sagte Jörg Schönenborn als Moderator im
       ARD-„Presseclub“: „Ich habe gestern in der ‚Tagesschau‘ Bilder gesehen von
       Demonstranten in Berlin, die abgeschleppt wurden, weil sie gegen die
       Coronabeschränkungen demonstrieren. Da läuft’s mir schon ein bisschen kalt
       den Rücken runter.“
       
       Die Tagesschau hatte über eine „Hygiene-Demo“ vor der Berliner Volksbühne
       berichtet – ohne einzuordnen, wer sich dort tummelte: nämlich Rechte,
       Querfront-Aktivist:innen, Verschwörungstheoretiker:innen, Impfgegner:innen.
       Im Interview kam ein Demonstrant zu Wort, der sich über „den ganzen
       Aufruhr“ rund um die Coronakrise beklagte. So sollte sich die Legende
       entwickeln, laut der eine neue Bürgerbewegung am Entstehen ist, die sich
       gegen staatliche Willkür berechtigt zur Wehr setzt.
       
       ## Die Aggressivität wächst
       
       Zum Glück gab es zunächst einen weitgehenden Konsens: Coronaproteste sind
       nicht ohne. Wenn Leute in den Fußgängerzonen der Innenstädte ohne Maske
       „Frieden, Freiheit, keine Diktatur“ skandieren, sind sie egoistisch und
       verweigern sich der gesellschaftlichen Solidarität. Corona könnte
       „Einstiegsdroge“ werden, damit „normale bürgerliche Menschen“ in einen
       Widerstandsmodus versetzt werden, warnte 2020 der CDU-Politiker Sven-Georg
       Adenauer, Landrat des Kreises Gütersloh und Enkel des ersten deutschen
       Bundeskanzlers: „Das Thema hat Potenzial, der Nährboden ist bereitet.“
       
       Kommunalpolitiker:innen wurden und werden bedroht,
       Wissenschaftler:innen, Medienleute. Die Aggressivität wächst. 2021, nach
       dem tödlichen Schuss eines „Maßnahmenkritikers“ auf einen
       Tankstellenkassierer in Idar-Oberstein, sagte [1][Burkhard Jung (SPD),
       Leipziger Oberbürgermeister und damals Präsident des Deutschen Städtetags,
       er erlebe eine „Verrohung, wie wir sie bisher nicht kannten“.] Was 2015 mit
       der Flüchtlingsdebatte begann, habe sich „in der Pandemie fortgesetzt, von
       den Reichsbürgern bis zu den Coronaleugnern“.
       
       Letztere hatten zwar bei den Demonstrationen oft das Grundgesetz unterm
       Arm, im übertragenen Sinn. Aber sie gerierten sich, als würden sie darauf
       spucken. Von einer „Corona-Diktatur“ wurde schwadroniert. Protestierende
       erklären die Maske zum „Maulkorb“, das „Regime“ sei „totalitär“. Sogar von
       einem „Staatsstreich“ war im Zusammenhang mit den Maßnahmen zur Eindämmung
       der Pandemie schon die Rede. Kein Vergleich ist zu absurd, zu maßlos.
       
       In Ostdeutschland erklären „Querdenker:innen“ ihre Proteste zur „Revolution
       2.0“, die „Spaziergänge“ sollten in einer würdigen Nachfolge der
       Montagsdemonstrationen 1989 stehen. In ganz Deutschland wird Antisemitismus
       zum ideologischen Kitt der Proteste. Die gelben Sterne mit der Aufschrift
       „ungeimpft“ kommen über einen Neonazi-Versandhandel aus Halle an der Saale
       zu den Protestierenden.
       
       ## Konjunkturprogramm für Rechte
       
       All das ist nicht Geschichte. Bloß dass ausgerechnet jene Menschen, die die
       angeblich fehlende Meinungsfreiheit anprangern und Deutschland mit
       Nordkorea vergleichen, nun weitere Themen suchen, um ihre
       Widerstandsromantik zu pflegen: beispielsweise, indem sie sich zu
       Propagandamarionetten von Putin machen und behaupten, der Angriff auf die
       Ukraine sei „aus Notwehr“ erfolgt.
       
       So etwas war zuletzt immer wieder bei Coronaprotesten zu hören, während
       russische Fahnen geschwenkt wurden. Wie in den USA dürften verstärkt auch
       hierzulande Zweifel am menschengemachten Klimawandel laut werden. Es wird
       geleugnet, wo immer es geht. Und zugleich das „Lügenpresse“-Narrativ
       gepflegt.
       
       In Stuttgart meldete sich vor ein paar Monaten bei einer Veranstaltung zum
       Thema Coronaproteste eine Frau zu Wort: „Ich bin Anthroposophin. Meine
       Tochter ist bei der Antifa.“ Das mag es geben. Aber die Frau relativiert
       so, dass Rechtsradikale in der Coronakrise die gesellschaftliche Stimmung
       gedreht haben.
       
       Die als „Spaziergänge“ verharmlosten Demonstrationen sind zum
       Konjunkturprogramm für die extreme Rechte geworden. Zugespitzt: Viele
       „Querdenker:innen“ behaupten, die Demokratie sei bedroht, während von ihnen
       selbst eine Bedrohung der Demokratie ausgeht. Das wird kaum ernst genommen.
       Verharmlosung ist wieder in Mode. Medien warnen vor einer „pauschalen
       Stigmatisierung“ von Protestierenden.
       
       Weite Teile der Politik nehmen solche Erzählungen auf. Sie gehen der
       Konfrontation mit einem heterogenen Milieu aus dem Weg, das den Abstand zu
       Nazis nicht einhält. Könnte ja bei Wahlen schaden. Ein
       Grünen-Bundestagsabgeordneter fand, die
       [2][#allesdichtmachen]-Schauspieler:innen hätten „einen Nerv getroffen“.
       
       Immer wieder wird die Szene bedient: von der FDP, der AfD, von Friedrich
       Merz und Sahra Wagenknecht. Selbst die neue Bundesinnenministerin Nancy
       Faeser sagte, „nur eine ganz kleine Minderheit“ bei den Coronaprotesten sei
       „radikal unterwegs“. Was angezeigt wäre: ein gesellschaftlicher
       Klimawandel, wie ihn der Präsident des Zentralrats der Juden als Resultat
       der Coronakrise angeregt hat. Doch die Forderung von [3][Josef Schuster
       ist] verhallt.
       
       26 Apr 2022
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.zeit.de/gesellschaft/2021-09/idar-oberstein-oberbuergermeister-sorge-radikalisierung-gesellschaft
 (DIR) [2] /Aktion-Alles-dicht-machen/!5768434
 (DIR) [3] /Antisemitismus-bei-Coronaprotesten/!5836815
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Matthias Meisner
       
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