# taz.de -- Thrillerserie „Euer Ehren“: Jeder gegen jeden
       
       > In der israelischen Serie „Your Honor“ will ein Richter die Straftat
       > seines Sohnes vertuschen. Nach einem US-Remake folgt nun ein
       > deutschsprachiges.
       
 (IMG) Bild: Der angesehene Richter Michael Jacobi (Sebastian Koch) gilt als moralische Instanz
       
       Die besten Serien kommen aus Israel. Oder zumindest die besten Serienideen.
       Sonst würden israelische Seriendrehbücher – vor allem von US-Amerikanern –
       nicht am laufenden Band neuverfilmt werden: [1][„Homeland“],
       [2][„Euphoria“], [3][„In Treatment“] – alles Adaptionen israelischer
       Originale. Und jetzt „Euer Ehren“ – ein deutsch-österreichischer
       Sechsteiler, basierend auf „Kvodo“ (2017), natürlich aus: Israel.
       
       Natürlich waren auch hier die Amerikaner wieder schneller als ihre Kollegen
       aus Old Europe. [4][„Your Honor“] lief schon vor mehr als einem Jahr, auch
       bei uns. Mit wenig origineller, weil maximal naheliegender Besetzung: Bryan
       Cranston gab den titelgebenden Richter quasi als – eineiigen –
       Zwillingsbruder der Serienfigur, die ihn in „Breaking Bad“ berühmt gemacht
       hatte. Wie Walter White ist auch der titelgebende Richter ein eigentlich
       hochanständiger, höchst skrupulöser Mann, ein liebender Familienvater, den
       gerade diese Liebe dazu treibt, immer skrupellosere Dinge zu tun, zu
       improvisieren und zu manipulieren, schließlich sogar den Tod selbst
       unschuldiger Menschen billigend in Kauf zu nehmen …
       
       Da ist die Besetzung von „Euer Ehren“ nicht ganz so auf der Hand liegend,
       es bedarf schon eines etwas längeren Gedächtnisses: 1994 spielte der junge
       Sebastian Koch in dem sehr guten Zweiteiler „Der Mann mit der Maske“ einen
       Studenten und späteren Richter, der ein Serienvergewaltiger war, den seine
       juristische Brillanz davor bewahrte, überführt zu werden. Die kalte
       Arroganz, die Sebastian Koch praktisch allen von ihm gespielten Rollen
       mitgibt, unterscheidet seinen ehrenwerten Richter grundlegend von der
       Cranston-Interpretation mit ihrer typischen hilflosen Verzweiflung.
       
       Und apropos „kalt“: Während „Your Honor“ im subtropischen New Orleans
       angesiedelt ist, trägt sich die Handlung von „Euer Ehren“ rund um das tief
       verschneite Innsbruck zu. Die horizontlose Landschaft der umgebenden
       steilen Berghänge erzeugt eine gänzlich andere Atmosphäre. Und es gibt
       weitere signifikante Abweichungen: Der ganze Schlamassel fängt für den
       Richter ja mit dem von seinem Sohn, einem asthmatischen Sensibelchen,
       verursachten Verkehrsunfall mit anschließender Unfallflucht an. Die
       kunstvolle Choreografie des Unfallgeschehens gehörte zu den Höhepunkten der
       amerikanischen Serie. Wenn die deutsch-österreichische einsetzt, ist der
       Unfall hingegen bereits geschehen, es gibt nur ein paar wenige Bilder vom
       Unfallort.
       
       ## Von Drogen und verdorbenem Fleisch
       
       Seine erste Ansage an den Sohn (Taddeo Kufus), dass für ihn selbstredend
       nur eine Selbstanzeige in Betracht komme, muss der Richter bald revidieren:
       „Die Person, die du angefahren hast, ist der Sohn eines Mannes, den ich vor
       ein paar Jahren zu einer sehr langen Haftstrafe verurteilt habe. Und das
       verändert alles. […] Das sind sehr gefährliche Leute. Kriegsverbrecher.
       Drogendealer. Ein Menschenleben bedeutet denen nichts. Sie dürfen nie
       erfahren, was wirklich passiert ist.“
       
       Die serbischen Clan-Kriminellen freilich verdächtigen erst einmal die
       Konkurrenz: einen lokalen Fleischbaron und Drogenschmuggler im Auftrag der
       ’Ndrangheta. Tobias Moretti spielt ihn mit blondierter Volksmusiker-Tolle
       und offensichtlichem Vergnügen, endlich einmal seinen Tiroler Heimatdialekt
       sprechen zu dürfen. Als er einen zwischenzeitlich von den Serben
       entwendeten Laster voller Fleisch und Drogen wieder in seinen Besitz
       gebracht hat, scheint ihn das verdorbene Fleisch mehr zu kümmern als die
       Drogen: „Die haben die Kühlung ausgeschaltet. Diese Ratten. Das Eine
       versprech ich dir: Die radier ich aus!“
       
       Fun Fact: Moretti sagt das zu Rainer Bock, der bereits im „Breaking
       Bad“-Spin-off [5][„Better Call Saul“] dabei war, damals als kreuzbraver
       deutscher Ingenieur. Hier nun verkörpert er als Morettis rechte Hand das
       genaue Gegenteil, den Hitman fürs Grobe. Der Cast des Genrestücks ist also
       top bis in die Nebenrollen: Ursula Strauss, Sascha Alexander Geršak, Gerti
       Drassl, Andreas Lust … Paula Beer als weibliche
       Michael-Corleone-Wiedergängerin, für die der serbische Clanchef, ihr Vater,
       eigentlich eine andere Laufbahn vorgesehen hatte: „Du wirst die Erste von
       uns sein, die das alte Leben hinter sich lässt.“
       
       Es kommt anders. Wie in „Euer Ehren“ einiges anders kommt als bei den
       Vorläufern. So begreift man als Zuschauer erst in der letzten Folge, dass
       es Regisseur David Nawrath („Die kulinarischen Abenteuer der Sarah Wiener“)
       und seinem Drehbuch-Co-Autor David Marian bei ihrem Verzicht auf die
       Unfall-Choreographie nicht einfach nur darum ging, Zeit zu sparen (die
       US-Produktion ist vier Folgen länger). Das macht diese
       deutsch-österreichische Adaption des – ursprünglich israelischen – Stoffs
       auch und gerade für diejenigen interessant, die bereits die amerikanische
       gesehen haben.
       
       2 Apr 2022
       
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