# taz.de -- Lesung aus Essay „Verfluchte Neuzeit“: Die Moderne und ihre Gegner
       
       > Karl-Heinz Ott liest in Hamburg, Lüneburg und Hannover aus seinem Essay
       > „Verfluchte Neuzeit“. Darin beschäftigt er sich mit reaktionärem Denken.
       
 (IMG) Bild: „Ja zum Leben“: Demonstration gegen das Recht auf Abtreibung in Madrid am 27. März 2022
       
       Hamburg taz | „Kann man die Neuzeit verdammen? Die Neuzeit als ganze?“ Das
       fragt der Essayist Karl-Heinz Ott ganz zu Beginn und sucht dann erst mal
       ein paar wichtige Begriffe zu klären: Was ist das eigentlich genau, diese
       Neuzeit? Dasselbe wie [1][die Moderne]? Und was haben beide mit der
       Aufklärung zu tun?
       
       Vielleicht noch wichtiger: Was soll nach ihr kommen, es kann schließlich
       nichts neuer sein als neu – oder doch? Dass aber ein Ende nahe sei, ihr
       eigenes Ende, diagnostiziert der vielfach ausgezeichnete Autor, das sei
       immer mit im „Bild der Neuzeit“. Die steht für Freiheit, so Ott, und damit
       in zunehmend mehr Augen für „Bodenlosigkeit“.
       
       Beziehungsweise: „Was die einen [2][als Freiheit rühmen], verdammen die
       anderen als Sinnlosigkeit.“ Manche dieser anderen krakeelen heute auf
       höchst politischen „Spaziergängen“ herum und beanspruchen, selbst für eine
       abstrakte Freiheit zu streiten: von vermeintlich überbordender politischer
       Korrektheit oder auch schlicht vom Infektionen erschwerenden
       Mund-Nasen-Schutz. Zunehmend führen sie ihre Attacken aber auch vom
       Schreibtisch aus, sitzen gar auf Ministerposten.
       
       Ist der Protestantismus Schuld am allgemeinen Verfall; eine Sicht, die Ott
       [3][bei den Romantikern] Novalis und Eichendorff findet, aber auch dem nach
       Rechts offenen Staatsrechtler Carl Schmitt? Oder ist die radikale
       protestantische Grüppchenbildung, weiß Gott nicht nur in Nordamerika,
       vielmehr eine weitere Ausformung des „reaktionären Denkens“?
       
       Und welche Rolle kommt denn nun den vielfach französischen
       Vertreter*innen des Poststrukturalismus zu, aus nicht immer berufenem
       Mund zuletzt wieder so gerne [4][für allerlei Übel verantwortlich] gemacht,
       vom Verschwörungsglauben bis hin zu [5][emanzipatorisch verbrämter
       pädosexualisierter Gewalt]? Anders als manche*r Kritiker*in hat Ott
       Foucault wenigstens gelesen (und verstanden wohl auch).
       
       So alt wie die Moderne sei auch ihr Gegenteil, so Ott, und gewinnen könne
       die Vernunft nur, wenn sie ihre Gegner kenne. Erneut hat er ein enorm
       belesenes, materialreiches Buch vorgelegt. Dessen Relevanz sich eigentlich
       auch Menschen erschließen sollte, denen manches von Otts früheren Themen –
       etwa Musik und Leben Georg-Friedrich Händels oder „Hölderlins Geister“ –
       allzu speziell erschienen sein mag.
       
       16 Apr 2022
       
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