# taz.de -- Wieviel Schlechtes verträgt das Gute: Gut sein fürs eigene Karma
       
       > Ist es legitim, Gutes zu tun, nur um sich selbst besser zu fühlen? Der
       > Ethikrat sieht das pragmatisch.
       
 (IMG) Bild: Ein Pudding wäre kein zu hoher Preis für die Antwort auf eine Lebensfrage
       
       Kürzlich saß ich am Schreibtisch, als der Ethikrat an der Tür klingelte.
       Der Rat, das sind drei ältere Herren von geringer Größe, die mir
       gelegentlich Hinweise in Fragen praktischer Ethik geben. Wegen der Ferien
       waren die Kinder zu Hause und ich im Homeoffice, wo es mir nicht gelang,
       den Text zu beginnen, den ich in zwei Stunden abgeben musste. „Guten Tag“,
       sagte ich und versuchte, freudige Überraschung in meine Stimme zu legen,
       aber es gelang mir nicht.
       
       „Guten Tag, Frau Gräff“, sagte der Ratsvorsitzende, „wir möchten den Besuch
       bei Ihnen als praktische Übung zum Konzept der Absichtslosigkeit
       gestalten.“ „Tatsächlich“, sagte ich und schaute auf die Uhr. „Natürlich
       ist es eine sehr vereinfachte Auffassung“, sagte der Ratsvorsitzende und
       schlüpfte an mir vorbei in die Küche, wohin ihm die beiden anderen
       Ratsmitglieder folgten. „Was bedeutet das für den Besuch?“, fragte ich,
       während der Rat die Kühlschranktür öffnete.
       
       „Es bedeutet, dass es kein pädagogisches Element in unserem Besuch gibt“,
       sagte der Ratsvorsitzende und öffnete den Deckel des Puddings, den ich für
       mich nach Beendigung des Textes vorgesehen hatte. „Gut“, sagte ich
       schmallippig, denn das pädagogische Element war in den letzten Begegnungen
       mit dem Ethikrat ohnehin schwer zu entdecken gewesen. So ging ich in mein
       Zimmer und sah an meinem Computer vorbei an die Wand, während die Kinder
       nebenan lärmten und aus der Küche Geschirrgeklapper zu hören war.
       
       „Absichtslos, sehr lustig“, dachte ich, und dann fiel mir ein, wie ich
       beiläufig gegenüber einer Freundin erwähnt hatte, auf wie vielen
       [1][Ukraine-Demos] wir gewesen waren und kurz danach ohne tiefere
       Notwendigkeit, dass wir auf einer Aufnahmeliste für Geflüchtete standen.
       „Wird soziales Engagement entwertet, wenn es vor allem Teil des
       Selbstkonzepts ist, wenn man letztendlich nicht die anderen, sondern nur
       die eigene Richtigkeit im Blick hat?“
       
       Die Wand sagte nichts und ich dachte, dass die Frage möglicherweise Teil
       des Problems war. Aber alles, was mir an Lösung zur Verfügung stand, saß
       absichtslos in der Küche und aß meine Vorräte auf.
       
       ## Soziales Engagement zur Steigerung des eigenen Marktwertes
       
       Ich erinnerte mich, dass ich vor langer Zeit überlegt hatte, ehrenamtlich
       im Ausland alte Leute zu betreuen. Schon damals erschien mir meine
       Motivation zweifelhaft, aber ein wohlmeinender Mensch hatte angemerkt, dass
       es den Leuten möglicherweise gleichgültig sei, warum ich kam, solange ich
       meine Arbeit gut machte.
       
       Aber hatten die KritikerInnen des [2][verpflichtenden Sozialen Jahres]
       nicht zu Recht gesagt, dass sie es alten Menschen nicht zumuten wollten,
       von Unwilligen versorgt zu werden? Und dass die Bedürftigen nicht taugten
       als Dummys im Sozialengagementstrophäenkampf von young professionals. „Was
       ist denn, wenn das soziale Engagement den eigenen Marktwert steigern soll?“
       Ich bemerkte, dass ich laut mit mir selbst sprach, und verstummte.
       
       Nebenan stritten sich die Kinder, aber in der Küche war das Geklapper
       verstummt. Es klingelte erneut an der Tür: draußen stand der Ethikrat. „Wir
       haben unsere praktische Übung beendet, um bei einem neuen Besuch direkt
       Stellung nehmen zu können“, sagte der Ratsvorsitzende, und ich schämte
       mich, weil ich dem pädagogischen Ernst des Rats Unrecht getan hatte. „Wir
       möchten Sie auf die Ideen des [3][Utilitarismus] verweisen“, fuhr er fort.
       
       Ich sah ihn fragend an. „Es geht darum, vor allem die Folgen einer Handlung
       in den Blick zu nehmen“, sagte der Vorsitzende. „Können Sie das näher
       erklären?“, fragte ich. „Natürlich“, sagte er heiter. „Aber es ist nicht
       unsere Absicht“.
       
       13 Mar 2022
       
       ## LINKS
       
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