# taz.de -- Eine Übung in Verzicht: Das Leben zum Alter hin
       
       > Was tut ihr mit eurem Leben, um im Alter mehr zu sein als nur eine welke
       > Blüte? Der Ethikrat schlägt Askese vor.
       
 (IMG) Bild: So vom Askesestandpunkt gesehen eine wirkliche Versuchung
       
       Kürzlich suchte ich in einem Supermarkt Schutz vor dem Regen, als ich vor
       dem Keksregal auf den Ethikrat traf. Der Ethikrat, das sind drei ältere
       Herren von geringer Größe, die mir gelegentlich Hinweise in Fragen
       praktischer Ethik geben. Der Ratsvorsitzende legte gerade drei
       Keksschachteln in einen Einkaufswagen, während sich die beiden anderen
       Ratsmitglieder dem benachbarten Schokoladenregal zuwandten.
       
       „Guten Tag, Frau Gräff“, sagte der Vorsitzende heiter, während er nach
       einer Schachtel mit Florentinern griff, „wir haben Sie eine Weile nicht
       gesehen“. „Nun“, sagte ich unbestimmt und dachte, dass das nicht an mir
       lag, sondern an der Unwilligkeit des Rats, so etwas Banales wie
       Sprechstunden einzurichten. „Planen Sie ein Fest?“, fragte ich ausweichend
       und deutete auf die Keksschachteln. „Nein“, sagte der Ratsvorsitzende, „wir
       bereiten eine praktische Übung zu [1][Epiktets] [2][Askesekonzept] vor.“
       
       „Ist das nicht auch mit der Idee von Verzicht verbunden?“, fragte ich
       misstrauisch. „Natürlich“, antwortete der Ratsvorsitzende, „wir haben uns
       dazu entschieden, eine Woche lang eckige Süßwaren zu meiden“, und er wies
       zufrieden auf eine Auswahl von Cookies und Doppelkeksen.
       
       „Könnte ich an der Übung teilnehmen?“, fragte ich, aber der Vorsitzende
       schüttelte bedauernd den Kopf. „Leider ist es eine Veranstaltung, die dem
       Lehrkörper vorbehalten ist.“
       
       ## Schokotrüffel im Wagen
       
       Die beiden anderen Ratsmitglieder erschienen und warfen Schokoladentrüffel
       in den Wagen. „Können wir Ihnen bei einer anderen Frage weiterhelfen?“,
       fragte der Ratsvorsitzende. Ich zögerte. Ich hatte das Wochenende in einem
       Kloster verbracht und dort in einem Buch des Gründers gelesen. „Was tut ihr
       mit Eurem Leben, um im Alter mehr zu sein als nur eine welke Blüte?“, hieß
       es darin, und ich hatte keine Antwort gewusst. In der folgenden Woche
       zerfielen mein Knie und mein Rücken ebenso wie meine Vorsätze, meiner
       irrlichternden religiösen Suche so etwas wie ein Fundament zu geben.
       
       Der Rat schob seinen Einkaufswagen in Richtung Kasse und ich folgte ihm
       schweigend. „Nun?“, fragte der Ratsvorsitzende. Ich war alt, aber der Rat
       war noch älter, und auch wenn der Rahmen mäßig geeignet schien, hatte ich
       niemand anderen, um ihm meine Sorge vorzulegen. „Muss die Bilanz des Alters
       nicht mehr sein als eine Liste von Irrtümern und irrelevanten Erfolgen, die
       mit den Jahren eben länger wird?“, fragte ich. „Ich meine, das ist jetzt
       eine sehr private Frage, aber haben Sie den Eindruck, in den wesentlichen
       Fragen vorangekommen zu sein?“
       
       Mein Knie muckte und ich blieb stehen. „Aber vielleicht bin ich auch nur
       geistiges Opfer einer Zeit, in der körperliche Autonomie als höchstes Gut
       gehandelt wird“, murmelte ich. Der Ratsvorsitzende betrachtete mich mit
       einem vage mitleidigen Ausdruck. „Die Freiheit von Furcht …“, begann er,
       aber da unterbrach ihn eines der beiden anderen Ratsmitglieder und
       flüsterte ihm etwas ins Ohr. Der Ratsvorsitzende runzelte die Stirn. Dann
       wandte er sich an mich. „Vielleicht ist dies der Moment, Sie stärker in
       unsere Arbeit einzubinden“, sagte er, und ich empfand mehr Stolz als mit
       dem Gebot philosophischen Gleichmuts vereinbar.
       
       „Kommen Sie“, sagte der Rat, und ich folgte ihm an der Kassenschlange
       vorbei zu einer Holzbude neben dem Eingang des Supermarkts. Darin lag ein
       Strohsack mit einer fadenscheinigen Decke und daneben stand auf einem
       Schild in schön geschwungener Schreibschrift: „Szenen aus dem Leben großer
       Philosophinnen und Philosophen – Heute: Epiktet“. „Sicher ist Ihnen
       bekannt, mit welcher Gelassenheit Epiktet der Verstümmelung seines Beines
       begegnet ist“, sagte der Ratsvorsitzende. „ Wir freuen uns darauf, Sie auf
       seinen Spuren zu sehen.“
       
       22 Feb 2022
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://de.wikipedia.org/wiki/Epiktet
 (DIR) [2] https://de.wikipedia.org/wiki/Askese#Griechische_und_r%C3%B6mische_Philosophie_und_Religion
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Friederike Gräff
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Kolumne Ethikrat
 (DIR) Schwerpunkt Stadtland
 (DIR) Altern
 (DIR) Schwerpunkt Stadtland
 (DIR) Kolumne Ethikrat
 (DIR) Bhutan
 (DIR) Philosophie
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Schuhe und Scham: Vom richtigen Umgang mit der Scham
       
       Um mit der Jugend ins Gespräch zu kommen, mag man es mit weißen Turnschuhen
       versuchen. Für den Ethikrat ist das auch eine Frage der Ästhetik.
       
 (DIR) Sich selbst neu erfinden: Die Traurigkeit des Abschieds
       
       Beim Umzug lässt man nicht nur schmutzige Tapeten, sondern auch
       Lebensabschnitte zurück. Doch der Ethikrat hat kein Verständnis für
       Abschiedswehmut.
       
 (DIR) Bruttonationalglück in Bhutan: Nur Reiche kommen in den Himmel
       
       In Bhutan wird nicht das Bruttosozialprodukt, sondern das
       „Bruttonationalglück“ gemessen. Das lacht indes nicht für alle Menschen
       gleich.
       
 (DIR) Distanz in der Philosophie: Meide die Masse
       
       Philosophen aller Zeiten empfahlen die Distanz. Jetzt kommen wir diesem
       Ideal zwangsweise näher. Das kann aufregend sein und erhebend.
       
 (DIR) Die Nahrung der Philosophen: Erst das Fressen, dann die Moral
       
       Entschlüpften dem Vegetarier Pythagoras andere Gedanken als dem
       Wurstfetischisten Sartre? Wirkt der Bauch auf den Kopf? Und wie dachten die
       Philosophen selbst darüber?