# taz.de -- Die Wochenvorschau für Berlin: Hier ist Berlin!
       
       > Im Berliner Ensemble kann man den Schauspieler Matthias Brandt erleben,
       > und den Schlager darf man auch mal feiern. Hossa, das wird eine schöne
       > Woche.
       
 (IMG) Bild: Zeremonienmeister des Deutschen Schlagers: Dieter Thomas Heck in der ZDF-Hitparade
       
       Die Welt erfassen, darum geht es doch in der Literatur, und die Beziehung
       zu ihr, sie wird erschrieben. Zwei Zitate dazu aus wirkmächtigen Beispielen
       der Literaturgeschichte: „Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht
       er die Geschichte dazu – man kann nicht leben mit einer Erfahrung, die ohne
       Geschichte bleibt, scheint es, und manchmal stellte ich mir vor, ein
       anderer habe genau die Geschichte meiner Erfahrung …“.
       
       Und, zweitens: „Hossa!“
       
       Das erstere, etwas längere Zitat stammt aus dem 1964 erschienenen Roman
       „Mein Name sei Gantenbein“, in dem der Schweizer Schriftsteller Max Frisch
       der Frage nach Identität nachspürt und was das überhaupt für eine
       Konstruktion sei, das „ich“, und ob man das nicht auch erfinden könne und
       sich andere Ichs aneignen, die Identitäten in spielerischer Aneignung
       durchprobieren. Leben im Konjunktiv: „Ich stelle mir vor“, ist der
       leitmotivische Satz, der immer wieder vorkommt in Frischs Roman, mit diesen
       vier Worten lässt er sich präzise zusammenfassen.
       
       Und „Hossa“ ist ein Textbaustein in dem von dem Sänger Rex Gildo 1972
       bekannt gemachten Lied „Fiesta Mexicana“, in dem es um einen Abschied geht
       und eine Carmencita geküsst wird, die nicht weinen solle. Zwischendurch
       wird immer wieder [1][ein Hossa geschmettert].
       
       Es geht also in dieser Woche um Schweizer Hochkultur und den Deutschen
       Schlager. Der wiederum wird ja weniger oben angesiedelt, sondern doch in
       den Niederungen der Kultur vermutet. So ein schwül dampfender Tümpel, wo er
       sich in seiner Einfalt suhlt. Seine Weihestätte hat der Deutsche Schlager
       übrigens in Berlin.
       
       Zuerst aber die Hochkultur, die mit Matthias Brandt auf die Bühne kommt.
       Den Schauspieler, den man aus dem Fernsehen zumindest aus dem Münchner
       „Polizeiruf 110“ kennen sollte, wie er sich da sieben Jahre lang
       traumwandlerisch in die Rolle des Hauptkommissars Hanns von Meuffels
       schmiegte. Jetzt aber gilt es seine Rückkehr auf die Theaterbühne zu
       feiern. Im [2][Berliner Ensemble gibt Matthias Brandt] in einer
       Monologfassung von Frischs Gantenbein-Roman dieses „Ich stelle mir vor“.
       Premiere ist am Freitag, Probeneinblicke die Tage davor, eventuell gibt es
       noch Restkarten an der Abendkasse.
       
       Und das mit der Einfalt des Schlagers mag manchmal stimmen und dann halt
       auch wieder nicht. In Sachen Vielfalt kann er es nämlich durchaus mit
       Frischs Figurenpersonal und dessen fluider Identitätssuche aufnehmen, wenn
       man nur mal die Auftretenden bei der allerersten ZDF-Hitparade (bestimmt
       die beliebteste Wiege des Deutschen Schlagers) ins Auge nimmt.
       
       Unter den 14 SängerInnen finden sich neben denen mit der mehr oder weniger
       treudeutschen Herkunft eben auch die mit einem schwedischen, britischen,
       französischen, niederländischen, tschechoslowakischen und jugoslawischen
       Hintergrund. In späteren Folgen wurde das durchaus noch diverser, was man
       schon auch mal feiern kann, mit dem Tag des Deutschen Schlagers, der immer
       am dritten Samstag im Januar stattfindet. Also jetzt am Samstag. In
       Erinnerung eben an die ZDF-Hitparade, die am 18. Januar 1969 erstmals
       ausgestrahlt wurde.
       
       Rex Gildo war übrigens gleich beim Auftakt dieser Weihestätte dabei, die
       das eigentlich in Mainz angesiedelte Zweite Deutsche Fernsehen dem
       Deutschen Schlager schenkte. Die Hitparade aber hatte ihren Sendeplatz
       hier, in Berlin. Ein Ort der Vielfalt und kulturellen Toleranz: Deswegen
       erinnert man sich doch gern, wie Hitparaden-Moderator Dieter Thomas Heck
       immer am Anfang der Sendung freudig erregt ins Mikro schrie: [3][„Hier ist
       Berlin!“]
       
       10 Jan 2022
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=smh834dsYu8
 (DIR) [2] https://www.berliner-ensemble.de/index.php/inszenierung/mein-name-sei-gantenbein
 (DIR) [3] https://www.youtube.com/watch?v=Mfc-WRZU1-0
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Thomas Mauch
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Wochenvorschau
 (DIR) Schlager
 (DIR) ZDF
 (DIR) Berliner Ensemble
 (DIR) Dokumentarfilm
 (DIR) Schwerpunkt Stadtland
 (DIR) Wochenvorschau
 (DIR) Schwerpunkt Coronavirus
 (DIR) Wochenvorschau
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Dokumentation über Rex Gildo: Eine schwule Tragödie
       
       Die Figur des Rex Gildo lädt zur Ironie ein. Doch Regisseur Rosa von
       Praunheim verweigert jegliche Komik und macht den Film damit herausragend.
       
 (DIR) Country versus Schlager: Waldorf und Statler an der Alster
       
       Nicht ohne Triggerwarnung: Hamburgs Kultursenator und der örtliche
       Literaturhauschef legen gegeneinander Platten auf.
       
 (DIR) Die Wochenvorschau für Berlin: Tanzen, Reisen, Menschen treffen
       
       Lust auf Neues? Die erste echte Woche des Jahres bietet einige
       Möglichkeiten, den Horizont zu weiten.
       
 (DIR) Wochenvorschau für Berlin: Retten, was nicht mehr zu retten ist
       
       Jetzt noch Silvester, dann ist es geschafft. Der Zoo verfüttert
       Tannenbäume, ein paar Weihnachtsmärkte haben noch auf, sonst ist nicht viel
       los.
       
 (DIR) Die Wochenvorschau für Berlin: Müllers letzte Runde
       
       Michael Müller regiert Berlin seit 2014. Diese Woche dürfte seine letzte im
       Amt sein. Sie führt ihn auch an den Breitscheidplatz, Ort des Attentats.