# taz.de -- US-Abtreibungsgegner ziehen vor Gericht: Abtreibungsrecht in Gefahr
       
       > In den USA ist eine Mehrheit für die Beibehaltung des Rechts auf
       > Abtreibung. Doch die GegnerInnen hoffen jetzt auf das Oberste Gericht.
       
 (IMG) Bild: Demonstrant fordert vor dem Supreme Court, die Entscheidung von 1973 zu respektieren
       
       New York taz | „Dobbs gegen Jackson Women’s Health Organization“ heißt der
       Fall, der seit Mittwoch [1][auf dem Tisch der neun Obersten RichterInnen
       der USA] liegt. Der südliche Bundesstaat Mississippi will das Recht auf
       Abtreibung auf die 15. Schwangerschaftswoche einschränken.
       
       Das klingt nach einer [2][neuerlichen Anfechtung eines Einzelaspekts im
       Recht auf Abtreibung]. Doch sollte sich Mississippi vor dem Gericht
       durchsetzen, wird das Verfahren dazu führen, dass in weiten Teilen des
       US-amerikanischen Südens und Zentrums Abtreibung zu einem Recht der
       Vergangenheit wird.
       
       „Es war ein historischer Fehler“, sagte Ex-Vizepräsident Mike Pence am
       Dienstag bei einer Demonstration von AbtreibungsgegnerInnen vor dem
       Obersten Gericht. Er meint das Grundsatzurteil „Roe gegen Wade“ von 1973.
       Das gab Frauen nach langem Kampf das Recht auf eine Abtreibung unabhängig
       von ärztlicher und religiöser Meinung, solange der Fötus nicht außerhalb
       des Uterus lebensfähig ist.
       
       Das so verbriefte Recht gilt bislang landesweit. Allerdings können Frauen
       es an vielen Orten der USA schon seit Langem nur noch mit zahlreichen
       Hürden bekommen. Unter anderem müssen sie dort, wo die RepublikanerInnen an
       der Macht sind, zahlreiche Dokumente vorlegen, obligatorische Gespräche
       führen, Wartezeiten einhalten, Ultraschallaufnahmen anschauen, Töne
       anhören.
       
       ## Evangelikale Konservative in der Offensive
       
       Ex-Vizepräsident Pence ist ein evangelikaler Konservativer. Und eine
       wichtige Figur in der Bewegung der AbtreibungsgegnerInnen. Er war schon zu
       seiner Amtszeit unter Donald Trump einer ihrer Hoffnungsträger. Am Dienstag
       beteten und sangen sie erneut vor den Stufen des Obersten Gerichtes gegen
       das Recht auf Abtreibung.
       
       So tun sie es schon seit Jahrzehnten. Doch nie waren sie einem Sieg so
       nahe. Seit Trump das Oberste Gericht mit drei ausgewiesenen
       AbtreibungsgegnerInnen neu besetzt hat, haben die Konservativen dort eine
       absolute Mehrheit. Sollten sie der Fristenregelung zustimmen, die
       Mississippi will, wäre das Grundsatzurteil von 1973 hinfällig.
       
       Bis zu einer Entscheidung des Obersten Gerichtes können Monate vergehen.
       Sie wird erst im nächsten Frühsommer erwartet. Aber die Tatsache, dass sich
       das Gericht überhaupt mit der Anfechtung aus Mississippi befasst, ist ein
       Zeichen dafür, wie sehr sich die Mehrheitsverhältnisse in der Institution
       verändert haben.
       
       Die BefürworterInnen des Rechts auf Abtreibung versammelten sich am
       Mittwochmorgen ab 7.30 Uhr vor den Stufen des Obersten Gerichtes in
       Washington. Für den Mittag hatten sie auch eine Demonstration in Jackson,
       Hauptstadt des konservativen Mississippi, angekündigt.
       
       In dem Bundesstaat, einem der ärmsten Gebiete der USA, gibt es nur eine
       einzige Klinik, an der Frauen noch eine Abtreibung bekommen können. Vor den
       Toren dieses rosafarbenen Hauses müssen Patientinnen durch ein Spalier von
       AbtreibungsgegnerInnen gehen, die sie mit Bibeln etc. behelligen.
       
       ## AbtreibungsbefürworterInnen mit dem Rücken an der Wand
       
       Auch unter den BefürworterInnen des Abtreibungsrechts sind zahlreiche
       Vertreter sämtlicher Religionen. So haben mehr als 1.000 RabbinerInnen
       kürzlich dieses Recht mit dem Argument der Thora verteidigt. Auch die
       BefürworterInnen singen und beten. Natürlich haben sie die Feministinnen,
       die Mehrheit der WissenschaftlerInnen sowie die gegenwärtige Regierung in
       Washington hinter sich.
       
       Seit Inkrafttreten des Rechts auf Abtreibung haben es Millionen Frauen in
       den USA in Anspruch genommen. Durchschnittlich jede vierte Frau im Land hat
       im Laufe ihres Lebens eine Abtreibung. Und für die öffentliche Meinung ist
       das Recht längst in die allgemeinen Sitten übergegangen. Umfragen zeigen,
       dass die überwiegende Mehrheit der US-AmerikanerInnen – darunter auch die
       der RepublikanerInnen – das Grundrecht verteidigt.
       
       Dennoch stehen die BefürworterInnen mit dem Rücken zur Wand. Sie haben vor
       1973 mit aller Kraft gekämpft. Seither haben sie das Recht umgesetzt,
       Kliniken und Beratungszentren aufgebaut und sich auf andere noch zu
       erreichende Reformen konzentriert.
       
       Unterdessen haben die AbtreibungsgegnerInnen eine Bewegung aufgebaut. Sie
       haben jede Menge Finanzmittel und nicht nur die Macht am Obersten Gericht,
       sondern auch in zahlreichen Bundesstaaten. Überall, wo gegenwärtig
       RepublikanerInnen regieren, liegen fertig ausgearbeitete Gesetzentwürfe
       vor, sollten sich die Konservativen am Obersten Gericht durchsetzen.
       
       1 Dec 2021
       
       ## LINKS
       
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