# taz.de -- Ausstellung zum Thema „Konflikte“: Austragen statt ignorieren
       
       > Eine Hamburger Ausstellung beleuchtet Konflikte im Privatleben, in der
       > Arbeit und in der Politik. Das tut sie meinungsstark und multimedial.
       
 (IMG) Bild: Finden Sie die tazler? Demonstration vor den Häusern in der Hamburger Hafenstraße, 13. 8. 1989
       
       Der Wunsch nach Harmonie geht am wenigsten in Erfüllung, wird alles Handeln
       danach ausgerichtet. Für eine Weile können innere Zwiespälte oder ein
       angespanntes Verhältnis zu anderen zwar ignoriert werden, sie verschwinden
       davon aber nicht. Diese Einsicht nimmt die Ausstellung „Konflikte“ im
       Hamburger Museum der Arbeit zum Ausgangspunkt: Sie lädt zur
       Auseinandersetzung mit alltäglichen Konflikt-Szenarien ein – und mit dem
       eigenen Konfliktverhalten.
       
       Das Thema ist breit und wird nur wenig eingegrenzt. Die Besucherin erfährt,
       dass Expertinnen und Experten aus Psychologie, Sozialwissenschaft und
       Medien sehr verschiedene Vorschläge zur Definition eines Konflikts
       anbieten. Sie soll also selbst entscheiden, was davon sie überzeugt, das
       sei eine „Frage der Perspektive“. Man kann das als Ausweichschritt vor
       einer begrifflichen Festlegung ansehen. Aber auch als bewusste Absage an
       die Erwartung, bereits vor der Betrachtung eines konkreten Konfliktfalles
       müssten Ursachen, Beteiligte und Lösungen bestimmbar sein.
       
       Anlass der Ausstellung, erläuterten Museumsdirektorin Rita Müller und
       Kurator Mario Bäumer, war die zunehmende „Empörungskultur“, die sich vom
       sachhaltigen Argumentaustausch entfernt, sowie das Auftreten neuer
       öffentlicher Konfliktfelder, etwa der Klimapolitik. Entsprechend ist sie
       entlang konkreter Konflikte aufgebaut, darunter Beziehungs-, Arbeits-,
       innere und gesellschaftliche Konflikte. Diese können in Filmszenen
       beobachtet, an szenischen Installationen miterlebt werden. Interviewte
       Akteurinnen und Akteure erzählen von ihren Konflikterfahrungen, weiteres
       Material bilden Fotografien, Collagen und einige historische Dokumente der
       Hamburger Arbeiterbewegung – selbstverständlich liegt in einem der Arbeit
       gewidmeten Museum ein Augenmerk auf Arbeitskämpfen.
       
       Es ist eine Stärke der Ausstellung, dass sie immer wieder Partei ergreift.
       So wird etwa das Engagement gegen den [1][Abriss der „Esso-Häuser“] oder
       für den [2][„Park Fiction“] – beides im Stadtteil St. Pauli – aus Sicht der
       beteiligten Initiativen dargestellt. Zum Konflikt um den Klimaschutz
       wiederum kommen Aktivistinnen und Aktivisten von Fridays for Future zu
       Wort.
       
       Auch in der vielerorts geführten Debatte um Denkmäler drängt die
       Ausstellung zur Stellungnahme, indem sie parallel die Geschichten der
       [3][örtlichen Bismarck- und Heine-Denkmäler] erzählt: Ersteres steht wegen
       seiner völkischen Symbolik und als Repräsentant des ehemaligen deutschen
       Kolonialreichs in der Kritik, Letzteres musste zweimal aufgebaut werden –
       weil die Nationalsozialisten das erste abrissen.
       
       Von Kämpfen um bessere Arbeitsbedingungen schließlich berichten
       Gewerkschafterinnen, couragierte Arbeiter und ehemalige Mitstreiter der
       Lehrlingsbewegung. Bemerkenswert ist, dass viele von ihnen voller Stolz
       zurückblicken: In Konflikten für sich und andere eingestanden zu sein, ist
       offenbar auch ein Grund für Zufriedenheit.
       
       Direkt neben einer Fotostrecke zu den Aktionen heutiger Hafenarbeiterinnen
       und Hafenarbeiter gegen Sozialdumping beim Sichern der Schiffsladung ist
       der Stummfilm „Brüder“ von Werner Hochbaum über den Hamburger
       Hafenarbeiterstreik zu sehen – immerhin schon von 1896/97. Bis man
       allerdings in diesem Bereich angekommen ist, haben die vielen bunten und
       interaktiven Stationen die Sensibilität für weniger spektakuläre Medien
       schon ziemlich gesenkt.
       
       Nicht immer ist die Wahl der Konfliktbeispiele treffsicher: Darüber, wie
       Hunde miteinander kämpfen, oder was die häufigsten Nachbarschaftskonflikte
       sein mögen, muss nicht unbedingt „zum Nachdenken angeregt“ werden. Auch
       kommen die szenischen Darstellungen alltäglicher Konfliktsituationen arg
       pädagogisch daher: Auf jeden eskalierenden Verlauf folgt ein alternativer,
       beschwichtigender, den sich die Zuschauerin wohl zum Vorbild nehmen soll.
       
       ## Zusammenleben als Zumutung
       
       Wie kompliziert es ist, gesellschaftliche Konflikte in ein anschauliches
       Modell mit klaren Kontrahenten zu übersetzen, wird am Thema Klima deutlich:
       Der größte Gegner der Bewegung für den Klimaschutz ist das Prinzip der
       Mehrwertproduktion. Verschwendung von Ressourcen und kurzfristige
       Gewinnkalkulationen lohnen sich einfach. Deshalb benennen die
       Vertreterinnen und Vertreter von Fridays for Future als ihren Gegenspieler
       auch weniger konkrete Akteure, als das Ausbleiben eines gemeinsamen
       Engagements der Menschheit. Dass diese Erwartung weltfremd wirkt, kann aber
       nicht denen zum Vorwurf gemacht werden, die dafür eintreten.
       
       In Zeiten, in denen das gesellschaftliche Zusammenleben häufig eher als
       Zumutung erlebt wird, denn als Realität, die es trotz verschiedener
       Interessen vernünftig zu gestalten gilt, leistet die Ausstellung eine Art
       Reanimationsarbeit. Nicht nur empfiehlt sie nämlich, Konflikte auszutragen,
       statt sie zu ignorieren. Auch fordert sie dazu auf, dass wir uns ein Bild
       von den Konflikten um uns herum machen, das unseren eigenen Standpunkt
       überschreitet.
       
       16 Nov 2021
       
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