# taz.de -- Globaler Klimastreik: Regieren und blockieren
       
       > Die Klimafrage ist ohne die soziale Frage nicht zu lösen. Geht das mit
       > der Ampelkoalition aus SPD, Grünen und FDP? Unser Autor bezweifelt das.
       
 (IMG) Bild: Fridays for Future Proteste in München am 15. Oktober
       
       Weniger als einen Monat nach dem Streik mit 100.000 Leuten in Berlin,
       findet am Freitag, 22. Oktober, wieder ein globaler Klimastreik von Fridays
       for Future statt. Wieder mit dabei: Initiativen wie „Deutsche Wohnen & Co
       enteignen“, NGOs, radikalere Bewegungen wie Ende Gelände und Jugendantifas.
       Es soll der Auftakt zu Aktionstagen bezüglich [1][der
       Koalitionsverhandlungen] werden.
       
       Unter dem Motto „Gerechtigkeit jetzt“ sind für die nächsten Tage Blockaden
       und Besetzungen in Berlin angekündigt. Den Abschluss bildet am Sonntag die
       „Solidarisch geht anders“-Demo. Doch wie groß ist die Auswirkung dieses
       Protests auf die [2][Verhandlungen der Ampelkoalitionäre] denn nun
       wirklich?
       
       Die Chance, dass wieder 100.000 Menschen auf die Straße gehen werden, ist
       gering. Trotzdem ist eine Sache bemerkenswert: Das Motto der Aktionstage
       ist ein anderes als bei vorherigen Klimaaktionen. Während es bis jetzt vor
       allem um Klimaschutz und CO2-Preise ging, liegt der Fokus diesmal auf
       Gerechtigkeit. Die Angst, dass beim Thema Klimaschutz die soziale Frage
       hinten herunterfällt, wächst in der Bevölkerung. Wer zahlt den CO2-Preis?
       Wie wird gerade in urbanen Gegenden energetische Sanierung finanziert?
       
       Unlängst hat selbst ein [3][FFF-Sprecher eine Reichensteuer gefordert.] Die
       wird es aber mit der FDP in der Koalition keinesfalls geben. Und auch die
       Sozialdemokraten werden eher als neue CDU denn als SPD regieren. Der Ex-SPD
       Abgeordnete Marco Bülow sagte in einem Interview über Olaf Scholz: „[Der]
       ist super mit Merkel. Gäbe es nicht dieses Lagerdenken, es würde gar nicht
       mehr auffallen, dass das noch zwei Parteien sind.“
       
       ## Drei Aktionstage am Wochenende
       
       Und die Grünen? Die müssen Klimaschutz jetzt spürbar machen. Das bedeutet:
       Schluss mit dem Fördern fossiler Energien, eine umfassende Verkehrswende,
       weg von der konventionellen Landwirtschaft. Und das alles so schnell, wie
       es nur geht.
       
       Die drei Aktionstage am Wochenende könnten den linken Flügeln der SPD und
       Grünen den Rücken stärken. Zum Beispiel bei internen Debatten zur
       Priorisierung einzelner Forderungen in den Koalitionsverhandlungen. Aber
       mehr vermutlich auch nicht.
       
       Richtet man den Blick nun in die unmittelbare Zukunft, 600 Kilometer
       südwestlich der Hauptstadt, so hat ein Ort mit nur einem Einwohner das
       Potenzial, die ganze Regierungsbildung zu sprengen. Der Bauer Eckhardt
       Heukamp in Lützerath bei Erkelenz. Eckhardt ist der letzte Bewohner eines
       Dorfes, das in den vergangenen Jahren aufgekauft und umgesiedelt wurde. Ab
       1. November soll es vollständig abgerissen werden. Von diesem Tag an kann
       der Hof des Bauern durch RWE enteignet und zwangsgeräumt werden.
       
       ## Eckhardt Heukamp aus Lütherath ist eine Ikone geworden
       
       Mittlerweile ist Heukamp wegen seiner Standhaftigkeit zu einer Ikone
       geworden. Unlängst bekam er [4][Besuch von den beiden Klimaaktivistinnen
       Luisa Neubauer und Greta Thunberg]. Die Klimabewegung hat den Abriss des
       Dorfes als ein Überschreiten der 1,5-Grad-Grenze ausgerufen.
       
       Gerade für die Grünen bedeuten die nächste Zeit in der
       Regierungsverantwortung vor allem eines: Probleme, Probleme, Probleme. So
       müssen sie den Kohleausstieg neu verhandeln, da ist von Wollen keine Frage
       mehr. Aber schaffen sie es auch, weitere Dörfer, so wie Lützerath, vor dem
       Abbaggern zu bewahren? Dürfte schwierig werden. Wie wollen sie die
       Wirtschaft gemeinwohlorientiert und sozialverträglich gestalten? Mit der
       FDP ist das eher unmöglich. Aber genau an solchen Schnittmengen wird sich
       die neue Koalition messen lassen müssen.
       
       22 Oct 2021
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Nachrichten-zur-Regierungsbildung/!5809995
 (DIR) [2] /Ende-der-Sondierungsgespraeche/!5805670
 (DIR) [3] /Klimaforderungen-an-neue-Bundesregierung/!5806123
 (DIR) [4] /Greta-Thunberg-im-Braunkohlerevier/!5803568
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jaromir Schmidt
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Fridays For Future
 (DIR) Schwerpunkt Klimawandel
 (DIR) taz Bewegung – die Kolumne
 (DIR) Schwerpunkt Klimaproteste
 (DIR) Weltklimakonferenz
 (DIR) Schwerpunkt Bundestagswahl 2025
 (DIR) Schwerpunkt Fridays For Future
 (DIR) Schwerpunkt Klimawandel
 (DIR) Sondierung
 (DIR) Schwerpunkt Bundestagswahl 2025
 (DIR) IG
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Klimaprotest in Lützerath: Im Hotspot der Bewegung
       
       In Glasgow wird geredet, in Lützerath versuchen Aktivist:innen, das Dorf
       vor RWE zu retten. Sie kämpfen auch für das 1,5-Grad-Ziel.
       
 (DIR) 49 Jusos im Bundestag: Links, divers, vernünftig
       
       Noch nie war eine SPD-Fraktion so jung und vielfältig. Ein Viertel von
       ihnen sind Jusos. Kevin Kühnerts Kampftruppe sind sie aber nicht.
       
 (DIR) Psychotherapeutin über Klimaangst: „Eine gesunde und normale Reaktion“
       
       Angst vor dem Klimawandel ist menschlich und sollte nicht pathologisiert
       werden, fordert die Psychotherapeutin und Aktivistin Lea Dohm.
       
 (DIR) Mit 860 Milliarden Euro bis 2030: Industrie will sich selbst retten
       
       Der BDI legt einen Plan vor, wie Deutschland die Treibhausgasemissionen
       mindern kann. Dabei geht es vor allem um sehr viel Geld.
       
 (DIR) Klimaforderungen an neue Bundesregierung: Schneller und konsequenter
       
       Fridays for Future kritisiert die Sondierungsergebnisse zum Klima – und
       gibt Hausaufgaben.
       
 (DIR) Aktionstage Gerechtigkeit jetzt: Zehn Tage lang Protest
       
       Klima, Rassismus, Ungleichheit: Initiativen fordern Lösungen von der
       kommenden Bundesregierung. Dafür setzen sie auch auf Zivilen Ungehorsam.
       
 (DIR) Grün-gelbes Streitgespräch übers Klima: „Wir müssen uns zusammenraufen“
       
       Können sie das Klima retten? Ein Streitgespräch mit der Grünen Kathrin
       Henneberger und Lukas Köhler von der FDP über Kohle, CO2-Preis und
       Subventionen.