# taz.de -- Elternrat kritisiert Schulleitung: „Kinder werden kriminalisiert“
       
       > Der Elternrat der Hamburger Ida-Ehre-Schule protestiert gegen die
       > Informationspolitik von Polizei und Schulbehörde nach dem Vorfall vor der
       > Schule.
       
 (IMG) Bild: Elternrat wehrt sich gegen Negativ-Berichterstattung: Die Ida Ehre Schule in Eimsbüttel
       
       Hamburg taz | Der Elternrat der Ida-Ehre-Schule hat die Informationspolitik
       von Schulleitung, Schulbehörde und Polizei kritisiert. Eine einseitige
       Darstellung und voreilige Bewertung dessen, was am 19. August bei einer
       handgreiflichen [1][Auseinandersetzung mit einem Polizisten vor dem
       Schultor] passierte, habe dazu geführt, dass Schüler „pauschal
       kriminalisiert werden“, heißt es in [2][einer Stellungnahme] des
       21-köpfigen Gremiums. Auch die Schülersprecher kritisieren diesen Punkt.
       
       „Zu unserer Stellungnahme hat uns nicht zuletzt ein Bericht der
       Schülervertretung bewogen“, berichtet die Elternrätin Antje Haubenreisser.
       „Die Kinder sehen sich in den sozialen Medien gebasht und als Schläger
       gebrandmarkt.“
       
       Ein Beispiel für negative Berichterstattung bot die Bild in ihrer
       Samstagsausgabe. Unter dem Titel „Die Gewalt-Akte der Ida-Ehre-Schläger“
       wurden über fünf Kinder aufgeführt, die es „auf dem Kerbholz“ hätten. Zu
       den angeblichen Taten zählte auch schlicht „Widerstand“.
       
       Wie die taz berichtete, kam an jenem Nachmittag ein Stadtteilpolizist mit
       dem Rad vorbei und versuchte einen Streit zwischen zwei Schülern zu
       schlichten. Da einer der beiden die Hand unter seiner Jacke nicht vorzeigte
       und der Beamte vermutete, er könnte bewaffnet sein, fixierte er die Arme
       des 13-Jährigen und brachte ihn zu Boden.
       
       ## Der Junge sagte, er bekäme keine Luft
       
       Ein vom [3][NDR veröffentlichtes Video] zeigt, wie der Junge unter dem
       Griff des Beamten zappelt und umstehende Kinder „Hören Sie auf, hören Sie
       auf“ rufen. Der Polizist bekam laut Polizeibericht „mehrfach“ Tritte an
       seinen Kopf. Es gibt ein zweites Video, das zwei Tritte von einem Kind aus
       zweiter Reihe zeigt, bevor der Polizist von dem um Luft ringenden Jungen
       ablässt und aufsteht.
       
       Bei Minderjährigen soll die Pressearbeit der Behörden zurückhaltend sein.
       Auslöser dafür, dass die Medien überhaupt berichteten, war eine
       [4][ausführliche Polizeimitteilung] am Folgetag, allerdings erwähnte die
       gar keine Schule und beschrieb nur Ereignisse auf der Straße. Ein Statement
       mit der deutlichen Zuordnung „zum Gewaltvorfall vor Ida Ehre Schule“
       verschickte wenige Stunden später Schulsenator Ties Rabe (SPD) und teilte
       gleich mit, die Schulleitung habe sich davon distanziert.
       
       Auch die Schulleiterin Nicole Boutez selbst veröffentlichte eine
       [5][Stellungnahme der Schule], in der sie eine erschütternde „Eskalation“
       beschrieb. Unter den vielen Schaulustigen seien auch Schüler ihrer Schule
       gewesen. Die Schulleitung sei entsetzt vom Gewaltpotenzial der Kinder und
       erschrocken, „mit welchem Selbstverständnis und in entfremdender
       Form,gegafft' wird“. Sie sei „bestürzt über die scheinbare
       Empathielosigkeit“ der Zuschauer. Wie berichtet, wurden elf Schüler
       suspendiert, die sich nicht auf Aufforderung der Lehrer entfernten.
       
       Der Elternrat schreibt nun, dass sich Schulbehörde und Schulleitung ohne
       Not und mit dünner Informationslage einseitig positionierten und damit über
       die Negativ-Berichterstattung „nicht wundern“ müssten. Es sei nicht
       richtig, das Beobachten einer Situation als „Gaffen“ zu diffamieren. Auch
       habe die Schulleitung nicht erwogen, dass die Schüler aus Zivilcourage
       stehen blieben. Viele Jugendliche hätten geschildert, dass der am Boden
       fixierte Junge nach ihrem Eindruck Hilfe brauchte. „Wir möchten nicht, dass
       unsere Kinder einfach vorbeigehen, wenn jemand schreit:,Ich bekomme keine
       Luft'“. Der Elternrat fordere nun die Verantwortlichen auf, die
       Vorverurteilungen zu reflektieren.
       
       ## Schulsprecher berichten von Bedrohung im Netz
       
       Diese Sicht teilt das Schulsprecherteam. „Unsere Schüler wurden in eine
       Situation gebracht, in der sie nicht hätten sein sollen“, sagt eine
       Schülersprecherin der taz. „Der Schüler lag auf dem Boden und rief, dass er
       nicht atmen kann. Uns wurde beigebracht, dass wir andere nicht allein
       lassen, wenn sie in Not sind“, so die junge Frau. Die anwesenden Schüler
       seien hilflos und überfordert gewesen. Nach Auswertung der Videos sei der
       Beamte dann von einem Schüler getreten worden.
       
       „Das geht absolut nicht, da sind wir uns alle einig“, so die
       Oberstufenschülerin, die in der jetzigen Situation nicht namentlich genannt
       werden möchte. „Wir kritisieren aber die Schulleitung, die uns in den
       Medien so darstellt, als hätten wir ein hohes Gewaltpotenzial“. Auch sei es
       schlimm für die Anwesenden gewesen, „dass sie die Schuld bekamen, obwohl
       sie nur nicht wissen, was sie tun sollen“. Das Ganze sei gefährlich für die
       Schüler. „Es gibt Bedrohungen und Hetze mit rassistischen Zügen gegen uns
       im Netz.“
       
       Schulleiterin Nicole Boutez erklärt, sie habe eine gute und vertrauensvolle
       Zusammenarbeit mit dem Elternrat und sei von dieser Stellungnahme
       überrascht, da darin die geforderte „Multiperspektivität“ fehle. Dass
       Schülerinnen und Schüler das Gefühl hätten, sie seien zu Unrecht
       kriminalisiert, habe sie gehört. Das hätten aber nur sehr wenige Schüler
       geäußert. Auch hier wäre die Schulleitung mit Beteiligten in Gesprächen. Es
       gebe eine Reihe von Eltern und Schülern mit anderen Positionen.
       Möglicherweise sei dies in der Stellungnahme „nicht so deutlich
       herausgearbeitet worden“.
       
       Der Sprecher der Schulbehörde, Peter Albrecht, verteidigt die
       Öffentlichkeitsarbeit. Die sei „nur reaktiv“ auf Anfragen von Medien
       erfolgt. So sei der Name der Schule schon öffentlich bekannt gewesen, als
       sie ihr Statement verschickte. Der Elternrat der Ida-Ehre-Schule weise zu
       Recht darauf hin, dass die Taten noch nicht aufgeklärt sind und „die
       Beteiligten als Kinder und Heranwachsende nicht zu Straftätern abgestempelt
       werden dürfen“.
       
       Gleichwohl werde vom Elternrat verschwiegen, dass die Kinder und
       Jugendlichen gegenüber einem Polizisten, der sie schützen wollte, „in einer
       ungewöhnlichen Weise gewalttätig geworden sind“. Es wäre in dieser
       Situation sehr wichtig, dass sich auch die Elternvertreter klar gegen
       Gewalt aussprechen.
       
       Das allerdings hatte der Elternrat schon vor zwei Wochen in einer ersten
       Stellungnahme getan.
       
       8 Sep 2021
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Eskalation-vor-Hamburger-Schule/!5794958
 (DIR) [2] https://er-ies.de/stellungnahme-2021/stellungnahme-zum-vorfall-am-19-08-2021/
 (DIR) [3] https://www.ardmediathek.de/video/hamburg-journal/hamburg-journal-oder-23-08-2021/ndr-hamburg/Y3JpZDovL25kci5kZS83MDY5N2FjNi0wNDM5LTRkYmMtOTU5MC1kMGVmNjM0YmExY2Q/
 (DIR) [4] https://www.presseportal.de/blaulicht/pm/6337/4998989
 (DIR) [5] https://www.idaehreschule.de/wp-content/uploads/Statement-der-Schule-zu-Gewaltvorfall-gegen-Cop-3.pdf
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Kaija Kutter
       
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