# taz.de -- Ein Jahr nach Nawalnys Vergiftung: Tiefsitzende Apathie
       
       > Die Repression in Russland ist noch schärfer geworden. Die kritischen
       > Stimmen verstummen nicht – aber der Staat nimmt ihnen alle Freiräume.
       
 (IMG) Bild: August in Moskau: die Aktivistin und Anwältin Ljubow Sobol mit elektronischer Fußfessel
       
       Erst an diesem Mittwoch waren die Polizisten in Zivil wieder ausgerückt.
       Mitten in der Nacht. Es galt diejenigen zu „besuchen“, deren
       E-Mail-Adressen Russlands Staatsapparat in den Datenbanken der
       Organisationen des inhaftierten Kremlkritikers [1][Alexei Nawalny] gefunden
       hatte: Organisationen, die Russlands willfährige Justiz [2][kürzlich für
       extremistisch erklärt hat]. Die Strukturen Nawalnys hat das Regime
       zerschlagen, mit der Einschüchterungstaktik der Bevölkerung fährt es quer
       durchs Land fort.
       
       An diesem Freitag jährt sich die Vergiftung des auch in Russland
       umstrittenen Oppositionspolitikers. Der heute 45-Jährige überlebte den
       Nervengiftanschlag, hinter dem wohl Russlands Geheimdienst FSB steckt, und
       kehrte nach seiner Behandlung in Deutschland nach Moskau zurück. Wohl
       wissend, dass seine Tage in Freiheit gezählt sind.
       
       Vor wenigen Tagen erst präsentierten die Behörden Nawalny eine neue
       Anklage; sie ist noch absurder als viele zuvor. Das Ziel: Freiheitsentzug,
       so lange wie möglich. Alles, was sich der direkten Kontrolle des Kremls
       entzieht, darf nach dessen Logik nicht existieren. Deshalb werden seit
       Nawalnys Rückkehr Gesetze verschärft, werden Bürger*innen zu
       „ausländischen Agenten“ erklärt, auch Medien zu „unerwünschten
       Organisationen“ abgestempelt.
       
       Kritiker werden als Feinde gebrandmarkt, Andersdenkende verurteilt,
       oppositionelle Politiker*innen ins Exil getrieben. Selbst die
       geduldete Opposition – wie die Kommunisten – wird mittlerweile ausgebremst
       und ihr aussichtsreichster Kandidat nicht zur Parlamentswahl im September
       zugelassen.
       
       Die kritischen Stimmen verstummen nicht, doch nimmt ihnen der Staat
       jegliche Freiräume. Die Lage verhärtet sich drastisch, Apathie hat sich
       hineingefressen in die Gesellschaft. Sich Putins Staat entgegenzustellen,
       wagen immer weniger Menschen, weil dieser Staat aus Angst vor dem Erstarken
       kritischer Geister immer schamloser vorführt, wohin solch ein Einsatz
       führen kann: zum Verlust der Arbeit, in die Strafkolonie oder zur
       Körperverletzung mit verbotenem Nervengift.
       
       20 Aug 2021
       
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