# taz.de -- Buch von Bernhard Hanneken: Folk gegen die Obrigkeit
       
       > In den 1960er Jahren setzte in Ost wie West ein Folkrevival ein. Bernhard
       > Hanneken untersucht in seinem Buch „Deutschfolk“ die Hintergründe.
       
 (IMG) Bild: Die Ost-Band Folkländer bei einem Auftritt im Klub Impuls in Prenzlauer Berg, 1977
       
       Es gab einmal den Wunsch nach einer besseren Volksmusik – die jugendlich
       war, rebellisch und international anschlussfähig. „Deutschfolk“ nannte sich
       das Phänomen, das in den 1970er-Jahren beiderseits der innerdeutschen Mauer
       auftauchte. Der Journalist und Festival-Macher [1][Bernhard Hanneken] hat
       es nun in einem dicken Buch beschrieben.
       
       Das Folkrevival kam aus den USA. In den 1960er Jahren war ein Folksong vor
       allem ein Protestsong mit akustischer Gitarre. Bob Dylan und Joan Baez
       waren die Stars. In Europa entdeckten dann auch Engländer:innen und
       Ir:innen, wie traditionelle Musik revitalisiert werden kann.
       
       Die Suche nach dem deutschen Folksong begann 1964 im Hunsrück bei den
       Festivals auf der Burg Waldeck. Hier starteten Liedermacher wie Franz Josef
       Degenhardt und Reinhard Mey ihre Karrieren. Auch spätere Deutschfolk-Helden
       wie Hannes Wader und Walter Mossmann waren schon dabei. Die Lieder waren
       poetisch oder politisch, auf jeden Fall selbst geschrieben.
       
       Zehn Jahre später tourten erste irische Bands in ganz Europa. Sie
       veränderten mit ihren Rebelsongs und ihren virtuosen Jigs und Reels das
       Leben vieler Musiker:innen, die jetzt auch Folk spielen wollten und nach
       einem eigenen Zugang suchten. Die bürgerlichen deutschen Volkslieder, die
       in Schulbüchern und Gesangsvereinen gepflegt wurden, sollten es nicht sein.
       Interessant waren aber die Lieder der gescheiterten 1848er-Revolution, etwa
       das „Bürgerlied“ oder „Die freie Republik“, ebenso die Sammlung des
       Ostberliner Forschers Wolfgang Steinitz („Deutsche Volkslieder
       demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten“).
       
       Die wichtigsten Bands waren damals Fiedel Michel, Elster Silberflug,
       Liederjan und Zupfgeigenhansel. Letztere verkauften einige 100.000 LPs.
       Bemerkenswert für Autor Hanneken, dass alle Bands angloamerikanische
       Spieltechniken übernahmen, etwa das Fingerpicking an der Gitarre.
       
       ## Singebewegung
       
       Das sei nicht die übliche Evolution von Volksmusik gewesen, sondern eine
       frühe Fusion mit anderen Stilen. Wichtiger als die Musik waren oft aber die
       Texte. Hanneken sieht den Deutschfolk West als Teil der aufkommenden
       Umwelt- und Alternativbewegung.
       
       In Ostdeutschland hatte die Staatspartei SED 1965 die aufkommende Beatmusik
       verboten. Stattdessen wurde eine Singebewegung mit Tausenden Singeklubs
       unter dem Dach des Jugendverbands FDJ verordnet.
       
       Aus dieser Singebewegung entwickelte sich Mitte der 1970er-Jahre die
       ostdeutsche Folkszene. Auch hier hatten irische Bands, die in der DDR
       touren durften, die Initialzündung gegeben. Gruppen wie Folkländer,
       Brummtopf, Wacholder und Landluper entstanden. Jährlich trafen sie sich in
       Leipzig zur gemeinsamen Folkwerkstatt.
       
       Als 1976 der [2][Sänger Wolf Biermann] ausgebürgert wurde, wussten die
       DDR-Liedermacher nicht mehr, wo die Grenzen zum Verbotenen lagen. Diese
       Lücke füllten die Folkies mit ihren historischen Liedern, insbesondere aus
       der Steinitz-Sammlung.
       
       ## Missbrauch der Volksmusik
       
       Weil das Volkslied in der DDR als „Kunst der unterdrückten Massen“ galt und
       als gerechte Anklage gegen Fürsten und Pfaffen, konnte man sich nun bequem
       darauf berufen, so der damalige Folkländer-Sänger Jürgen B. Wolff. Das
       Publikum verstand schon, welche Obrigkeit tatsächlich gemeint war. Dabei
       war die DDR-Folkszene zwar irgendwie oppositionell, sie wollte den
       Sozialismus aber nicht abschaffen, sondern verbessern. Teilweise wurde die
       Szene sogar staatlich gefördert.
       
       Doch Anfang/Mitte der 1980er-Jahre hatte sich der deutsch-deutsche Folkboom
       totgelaufen. Viele Musiker und auch größere Teile des Publikums hatten
       genug. „Ein Soldatenlied ist ein Soldatenlied, und selbst wenn es 50 gibt,
       reicht es, wenn man drei kennt. Dann ist das Thema durch“, argumentierte
       Jürgen B. Wolff.
       
       „Deutschfolk“ ist nicht das erste Buch über das deutsche Folkrevival. Aber
       es ist wohl das erste, das die Entwicklung in West- und Ostdeutschland
       gleich intensiv darstellt. Hanneken war in den 1980er-Jahren Chefredakteur
       des westdeutschen Szenemagazins Folk-Michel und ist seit 1990
       Programmdirektor des Rudolstadt-Festivals in Thüringen.
       
       Er hat es gemeinsam mit Leipziger Musikern zum führenden deutschen
       Weltmusikfestival aufgebaut. Hanneken umkreist das Sujet Deutschfolk sehr
       gründlich, von der Erfindung des „Volkslieds“ durch Johann Gottfried Herder
       Ende des 18. Jahrhunderts bis zum Missbrauch der Volksmusik durch den
       volkstümlichen Schlager heutzutage.
       
       Ausgerechnet das Repertoire der 1848er-Revolution wird nun auch von
       Rechtsradikalen wie dem NPD-Liedermacher Frank Rennicke feindlich
       übernommen. Das oft nationale Pathos dieser Lieder lässt sich eben auch gut
       völkisch aufladen. Noch interessanter seien für Rechtsextremisten aber
       Lieder, die die Bauernkriege im 16. Jahrhundert thematisieren, hat Hanneken
       festgestellt.
       
       19 Jul 2021
       
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