# taz.de -- Religiöse Erziehung von jungen Muslimen: 27 Jungen und der Koran
       
       > In Hannover sorgt ein geplantes Schülerwohnheim des konservativen
       > muslimischen Verbandes VIKZ für Aufregung. Ein Kritikpunkt ist das
       > Frauenbild.
       
 (IMG) Bild: Bisher eine klassische Hinterhof-Moschee, bald ein Schülerwohnheim für 2 Millionen Euro?
       
       Hannover taz | Mitten in der Calenberger Neustadt, im Zentrum Hannovers,
       soll ein muslimisches Schülerwohnheim entstehen. Diese Nachricht hat – in
       genau dieser Reihenfolge – Nachbarn, örtliche Zeitungen und die lokale
       Politik aufgeschreckt. Gibt es hier bald eine „Koranschule?“, wie ein
       Nachbar raunt, der aus seinen AfD-Sympathien keinen Hehl macht.
       
       Die „Schülerwohnheime“ sind eine etwas eigenwillige Konstruktion, die der
       „Verband der Islamischen Kulturzentren“ (VIKZ) [1][seit Anfang der
       2000er-Jahre im gesamten Bundesgebiet betreibt]. 22 sind es mittlerweile,
       jeweils angegliedert an eine Moscheegemeinde. Und Hannover ist nicht die
       erste Stadt, in der sie für Diskussionen sorgen.
       
       Es sind keine Internate im eigentlichen Sinn, aber so etwas Ähnliches. Die
       Schüler*innen kommen in der Regel aus der näheren Umgebung, gehen auf
       normale öffentliche Schulen, leben aber von Montag bis Freitag in dem Heim,
       wo sie einen strukturierten Tagesablauf, Hausaufgabenhilfe und religiöse
       Unterweisungen erhalten, aber auch an Freizeitangeboten teilnehmen können.
       
       Für Diskussionen sorgt dabei zuallererst die rigide Geschlechtertrennung:
       Der VIKZ betreibt nur fünf Wohnheime für Mädchen, weitere zwei sind in
       Planung. Die große Mehrheit ist ausschließlich Jungen vorbehalten, wie auch
       das in Hannover. Hier sollen in ein paar Jahren bis zu 27 Schüler im Alter
       von 12 bis 18 Jahren unterkommen.
       
       „Wir richten uns da nach der Nachfrage seitens der Moscheegemeinden und der
       Eltern“, sagt VIKZ-Sprecher Erol Pürlü. Und so ungewöhnlich sei die
       Geschlechtertrennung ja nun auch nicht, bei ihm in Köln gebe es ja
       schließlich auch ein katholisches Mädchengymnasium und sein Bruder sei
       früher in Bayern auf eine Knabenrealschule gegangen.
       
       Die Moscheegemeinde in Hannover, um die es hier geht, gehört zu den
       ältesten der Stadt. Seit 1979 residiert sie im Hinterhof des historischen
       Gemäuers an der Gerberstraße, irgendwann hat sie Grundstück und Gebäude
       gekauft.
       
       Für die bröckelnde Fassade zur Straße hin interessierte sich lange niemand,
       dabei gehört das Gebäude zu einem der wenigen Vorkriegsüberbleibsel im
       Viertel. 1898 erbaut, gehörte es zur „Königsworth“, einem weitläufigen
       Gastronomiebetrieb mit mehreren Sälen, in denen sowohl politische
       Versammlungen als auch große Bälle stattfanden, später waren hier auch mal
       Kegelbahnen und ein Kino angesiedelt.
       
       Unter Denkmalschutz steht das Ganze allerdings nicht, wie das Landesamt für
       Denkmalpflege der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ) mitteilte – dazu
       ist zu wenig Originalmasse übrig, zu viel wurde umgebaut, angebaut und
       zugebaut.
       
       Nun möchte die Gemeinde das Vorderhaus abreißen und ein modernes,
       mehrstöckiges Wohnhaus für die Schüler errichten. Kostenpunkt: circa zwei
       Millionen Euro. Auch das ist ein Punkt, an dem sich Beobachter immer wieder
       die Augen reiben. Woher hat der Verband so viel Geld? „Mitgliedsbeiträge,
       Spenden, Kredite“, lautet die immer gleiche Antwort.
       
       ## Gegenwind überall
       
       Dabei gehört das Bauprojekt der Gemeinde in Hannover noch zu den eher
       mickrigen. In Leinfelden-Echterdingen, südlich von Stuttgart, plant der
       VIKZ einen ganzen Gebäudekomplex aus Moschee, Wohnheim, Bibliothek, Café
       und Supermarkt für 3,5 Millionen Euro. Da hat allerdings die Stadt, die das
       Grundstück in Erbpacht vergeben hatte, einen Rückzieher gemacht und man
       streitet nun vor Gericht darüber, was jenseits der Moschee im ersten
       Bauabschnitt überhaupt noch entstehen darf.
       
       In Köln soll es eine große neue Verbandszentrale mit Ausbildungs- und
       Tagungszentrum für rund 70 Millionen Euro werden. Hier hat der Verband
       extra eine eigenen [2][Webseite] aufgesetzt und massiv in die Kommunikation
       und Öffentlichkeitsarbeit investiert, damit nichts schiefgeht.
       
       Der harte Gegenwind ist allerdings auch nicht neu. Im Hinblick auf die
       Schülerwohnheime hat vor allem ein Gutachten den Verband sehr getroffen. Es
       wurde 2004 im Auftrag des hessischen Sozialministeriums von Prof. Ursula
       Spuler-Stegemann, Turkologin an der Uni Marburg, verfasst. Spuler-Stegemann
       wirft dem VIKZ darin vor, die Kinder abzuschotten und zu indoktrinieren.
       Entgegen der offiziellen Verlautbarungen ginge es keineswegs um
       Integration, sondern um Elitenbildung, im Mittelpunkt stünde die religiöse
       Erziehung und nicht der Schulerfolg.
       
       Das Gutachten ist allerdings umstritten und wurde nie offiziell
       veröffentlicht. Es reichte für die Landesregierung aber trotzdem, um ein
       Schülerwohnheim in Hessen zu verbieten. In Versatzstücken kursiert es immer
       noch im Internet und wird auch nach mehr als 17 Jahren immer wieder
       zitiert, wenn es zum Streit um die Wohnheime kommt.
       
       Spuler-Stegemann selbst sagte 2011 der Neuen Westfälischen Zeitung, ihre
       Kritik habe sich damals wesentlich auf die verwendeten Lehrmaterialien
       gestützt, die unter anderem ein nicht akzeptables Frauenbild verbreiteten.
       Sie habe die Entwicklung des Verbandes aber seither nicht weiter verfolgt.
       
       ## Gutachten und Gegengutachten
       
       Der Verband hat schließlich 2010 ein [3][Gegengutachten] in Auftrag
       gegeben. Die Pädagogin Ursula Boos-Nünning von der Universität
       Duisburg-Essen befragte für die empirische Studie Schüler*innen,
       Fachpersonal und Eltern in allen der damals 19 Schülerwohnheime und führte
       Expert*inneninterviews in Jugendämtern und Schulen, die mit den
       Schülerwohnheimen in Verbindung standen.
       
       Sie zeichnet ein sehr viel differenzierteres Bild der Einrichtungen. Ihrer
       Darstellung nach ist der Bildungserfolg durchaus ein zentrales Motiv, vor
       allem für die Eltern und Schüler. Die Bildungsarbeit des VIKZ stoße damit
       auch in eine Lücke, die sich im diskriminierenden deutschen Bildungssystem
       nun einmal auftue.
       
       Sie sieht zwar Verbesserungsbedarf insbesondere bei der Mitbestimmung und
       der Medienerziehung der Schüler sowie bei der Abstimmung zwischen
       pädagogischem Fachpersonal, Imam und Gemeinde. Anzeichen für
       Indoktrination oder Kindeswohlverstöße sieht sie aber nicht. Mit dem
       Gutachten von Spuler-Stegemann geht sie hart ins Gericht: es verstoße gegen
       wissenschaftliche Standards, sei ressentimentgeladen und nenne keine
       Quellen.
       
       Dass sich die Kritik an den Wohnheimen so hartnäckig hält, liegt aber
       möglicherweise auch daran, dass sich die Gemeinden nicht so gern in die
       Karten gucken lassen. Auch in Hannover nehmen die der VIKZ zugerechneten
       Gemeinden – es gibt eine weitere in Stöcken – eher sporadisch an den
       interreligiösen Dialogen teil und bleiben meist für sich.
       
       Im Zuge des neuen Bauprojektes ist die Gemeinde immerhin auf die Nachbarn
       zugegangen und hat mit Broschüren um Verständnis und Unterstützung
       geworben. Ihr erster Bauantrag wurde allerdings abgelehnt, jetzt versucht
       man nachzubessern. „Grundsätzlich gilt, dass ein Bauantragsteller einen
       Rechtsanspruch auf eine Baugenehmigung hat, wenn er die gesetzlichen
       Voraussetzungen erfüllt“, erläutert eine Sprecherin der Stadt –
       baurechtlich entspreche die Nutzung ja weiterhin einer Wohnnutzung, wie sie
       in der Gegend vorgesehen sei. Daher gäbe es da auch keine weiteren
       Hindernisse.
       
       Erst wenn das klar ist, kann die Gemeinde die Betriebsgenehmigung für das
       Wohnheim beim Landesjugendamt beantragen. Dazu muss sie unter anderem
       pädagogisches Fachpersonal anstellen. „Das wird schon noch ein paar Jahre
       dauern“, sagt VIKZ-Verbandssprecher Erol Pürlü.
       
       Anm. d. Red.: In einer früheren Version des Artikels hieß es, der VIKZ
       betreibe zwei Wohnheime für Mädchen und weitere drei seien in Planung. Nach
       Angaben des VIKZ gibt es jedoch bundesweit fünf Wohnheime für Mädchen und
       zwei weitere sind in Planung. Wir haben den Text entsprechend dieser Angabe
       verändert.
       
       14 Jul 2021
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Beim-Verband-der-Islamischen-Kulturzentren/!5180842
 (DIR) [2] https://www.vikz-verbandszentrale.de/de/
 (DIR) [3] https://vikz.de/index.php/studien.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Nadine Conti
       
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