# taz.de -- Neues Gesetz in indischem Bundesstaat: Auf in die Zwei-Kind-Politik
       
       > Zum Weltbevölkerungstag legt die Regierung von Uttar Pradesh einen
       > Gesetzentwurf vor. Dieser benachteiligt Eltern von mehr als zwei Kindern.
       
 (IMG) Bild: In Indien wollen Hindunationalisten kleinere Familien durchsetzen
       
       „Eine wachsende Bevölkerung kann ein Hindernis auf dem Weg der Entwicklung
       sein“, sagte Ajay Mohan Bisht (BJP) bei seiner Ansprache anlässlich des
       Weltbevölkerungstags am Sonntag. Der Ministerpräsident des nordindischen
       Bundesstaates Uttar Pradesh (UP) verwaltet eine Bevölkerung, die größer ist
       als die Brasiliens. Seit den späten 1980er Jahren hat sich die
       Einwohnerzahl im „nördlichen Bundesstaat“ etwa verdoppelt auf geschätzte
       230 bis 240 Millionen. Bisht, [1][der wegen seiner Coronapolitik stark in
       die Kritik geraten ist], will drastische Schritte gehen und hat nun einen
       Gesetzentwurf für eine Zwei-Kind-Politik vorgestellt.
       
       Auch in anderen Bundesstaaten gibt es Anreize für kleine Familien – doch
       Bishts Vorschlag stellt die bisher stärkste Diskriminierung kinderreicher
       Eltern dar. Wer mehr als zwei Kinder hat, soll für Positionen in der
       Regierung ausgeschlossen werden, Beförderungen im öffentlichen Dienst
       sollen ausgesetzt werden. Dies sind nur zwei Maßnahmen eines ganzen
       Katalogs. Auf der anderen Seite soll es Steuererleichterungen für kleine
       Familien geben, etwa eine kostenlose medizinische Behandlung von
       Einzelkindern, wenn sich ein Elternteil sterilisieren lässt.
       
       Sujatha Rao, ehemalige hochrangige Beamte im indischen Gesundheitswesen,
       kritisiert den Vorstoß [2][auf Twitter als „extrem rückschrittliche
       Maßnahme, die den Armen schaden wird“]. Bei jüngeren Kampagnen in Indien
       ging es statt um Diskriminierung eher darum, ein Bewusstsein für die
       Vorteile von Familienplanung zu schaffen. Die Geburtenrate ging zurück,
       allerdings nicht überall im gleichen Maße. In UP liegt sie über dem
       Landesdurchschnitt von 2,2 bei etwa 2,9 Kindern pro Frau im gebärfähigen
       Alter. Die Bevölkerung wächst. Indien steuert bereits auf 1,4 Milliarden
       zu.
       
       Neben Uttar Pradesh hält auch die Regierung des kleinen nordöstlichen
       Bundesstaates Assam eine Zwei-Kind-Politik für nötig, um einen
       Bevölkerungsanstieg zu kontrollieren. Beide werden regiert von der
       hindunationalistischen Volkspartei BJP. In UP wie Assam kamen die
       Ankündigung im Vorfeld von Regionalwahlen. In Uttar Pradesh werden sie im
       nächsten Jahr abgehalten. In Assam wurde die BJP kürzlich im Amt bestätigt. 
       
       ## Hardliner behaupten, Muslime wollten Demografie ändern
       
       Hindu-Hardliner argumentieren immer wieder, dass Muslime kinderreicher
       seien und so die Demografie in Indien ändern wollten. Derzeit sind 80
       Prozent der Bevölkerung Hindus, 13 Prozent sind Muslime. Kurz nach der
       Unabhängigkeit Indiens im Jahr 1947 lag der Anteil der Hindus bei 84
       Prozent, der der Muslime bei unter 10 Prozent. In Uttar Pradesh ist der
       Anteil der muslimischen Bevölkerung nach Zahlen von 2012 mit 20 Prozent
       höher als im Durchschnitt.
       
       Teile der Bevölkerung sorgen sich bereits, dass die Regierung Maßnahmen mit
       Zwang durchsetzen wird. So etwa Ravi Rasool, Vater von zwei Kindern aus
       Uttar Pradesh. Er ist skeptisch: „Ich glaube, dass ein Paar, das zwei
       Mädchen bekommen hat, auf jeden Fall versuchen wird, die Erblinie
       fortzusetzen, bis sie einen Sohn bekommen“, – und das unabhängig von der
       Religion.
       
       Der Minister für Minderheiten Mukhtar Naqvi (BJP) nannte den Vorschlag
       einen willkommenen Schritt. Die oppositionelle Kongress-Partei sprach von
       einer „politische Agenda“, mit der man vor den Wahlen punkten wolle. Iqbal
       Mehmood, Abgeordneter der unter anderem bei der muslimischen Minderheit
       stark vertretenen Samajwadi Party, warnte vor einer „Verschwörung“ gegen
       Muslime. Der Anstieg der Bevölkerung sei auf Dalits, die Angehörigen der
       untersten Kaste, und Indigene zurückzuführen.
       
       In mehreren Bundesstaaten wie Maharashtra gibt es seit Längerem „Anreize“
       dafür, sich für kleinere Familien zu entscheiden. Beispielsweise können
       Personen mit mehr als zwei Kinder nicht für kommunale Stellen zur Wahl
       antreten.
       
       11 Jul 2021
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Indiens-Gesundheitssystem-in-der-Krise/!5765107
 (DIR) [2] https://twitter.com/sujakrao/status/1413882382499807233
       
       ## AUTOREN
       
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