# taz.de -- Anhörung im Landtag: Schlaflos in Langenhagen
       
       > In Hannover wird mal wieder über Fluglärm diskutiert. Der Flughafenchef
       > ist entsetzt: Die nächtlichen „Ferienbomber“ sind sein Kerngeschäft.
       
 (IMG) Bild: Für Tuifly kommt die Fluglärm-Debatte zur Unzeit
       
       Hannover taz | „Wenn nächtlicher Lärm wirklich so schädlich wäre, müsste
       ich ja längst unter der Erde liegen“, sagt Hannovers Airport-Chef Raoul
       Hille gleich zu Beginn seines Statements. Immerhin habe er kleine Kinder
       und arbeite seit Jahrzehnten am Flughafen. Welchen nächtlichen Lärmquellen
       der Ingenieur auch immer ausgesetzt ist: Feingefühl ist offenbar auch
       tagsüber nicht seine große Stärke.
       
       Denn bei der Anhörung zum Thema Fluglärm, die von den Landtagsfraktionen
       von CDU und SPD in Hannover gemeinsam organisiert worden ist, holzt Hille
       munter weiter. Wenn die Regierungskoalition ernsthaft eine weitere
       Einschränkung der Nachtflüge in Erwägung ziehen sollte, sollte sie als
       einer von zwei öffentlichen Trägern bitte schön auch gleich die dicken
       Scheckbücher mitbringen, sagt er: Für die Entschädigung des privaten
       Investors, die Sozialpläne, das dann absehbare Defizit des Flughafens.
       
       Das ist der Punkt, wo selbst CDU-Fraktionschef Dirk Toepffer unwirsch wird
       und den Flughafenchef in seine Schranken weist. Das ist allerdings auch
       der Punkt, an dem deutlich zu spüren ist, wie blank die Nerven in der
       Branche liegen. „Absolut kein Verständnis“ habe er für den Zeitpunkt der
       Anhörung, sagt Hille noch. Immerhin ist man gerade erst dabei, sich aus der
       Coronakrise zu berappeln. Es werde sicher noch bis 2024 oder 2025 dauern,
       bis man Vor-Corona-Niveau erreicht habe.
       
       [1][Die nächtliche Fliegerei ist] dabei ein wesentlicher Bestandteil des
       hannoverschen Geschäftsmodells – sehr zum Leidwesen der betroffenen
       Anwohner. In Norddeutschland gibt es keinen anderen Flughafen mit so
       wenigen nächtlichen Einschränkungen, was Hannover zum bevorzugten Start-
       und Landepunkt für touristische Charterflüge macht, im Volksmund:
       Ferienbomber.
       
       Gesellschaften wie [2][die heimische Tuifly können] damit die Maschinen
       besser auslasten und sie eine zusätzliche Runde Richtung Mittelmeer drehen
       lassen. Auch deshalb, mahnt der Tuifly-Vertreter bei der Anhörung, solle
       man mit Einschränkungen vorsichtig sein: Da entfielen dann nämlich nicht
       nur die Nachtflüge, sondern auch ein Teil des Tagesgeschäfts, weil es sich
       unter Umständen nicht mehr lohne, Hannover überhaupt anzusteuern.
       
       ## Hoffen auf die Technik
       
       Das sagt auch Holger Ulbrich, der bei der Stadt Hannover als Leiter der
       Beteiligungsmanagements für den Flughafen zuständig ist. 30 Prozent des
       Umsatzes und 2.400 Arbeitsplätze hängen seiner Einschätzung nach an den
       Nachtflügen. Immerhin werden die Hälfte der Luftfracht und gut 20 Prozent
       der Passagiere nachts abgefertigt.
       
       Der zuständige Staatssekretär aus dem Verkehrsministerium, Berend Lindner
       (CDU), betont außerdem die hohen rechtlichen Hürden für weitere Eingriffe:
       Die geltenden Lärmschutzgesetze würden ja eingehalten, der Flughafen
       unterhalte ein umfangreiches eigenes Messsystem, dessen Ergebnisse
       regelmäßig vom Umweltministerium überprüft würden. Und auch die bestehenden
       Darlehensverträge zur Bewältigung der Corona-Ausfälle basierten natürlich
       auf dem bestehenden Wirtschaftsplan – da mal eben die Geschäftsgrundlage zu
       ändern, sei schwierig.
       
       Erst vor anderthalb Jahren hatte das zuständige Verkehrs- und
       Wirtschaftsministerium eine Nachtflugregelung erlassen. Die sieht vor, dass
       dort nachts nur noch Maschinen starten und landen dürfen, die mindestens
       der Einstufung als Kapitel-4-Maschinen durch die Internationale
       Zivilluftfahrtorganisation ICAO entsprechen. Das sind fast alle neueren
       Maschinen, unter das lautere Kapitel 3 fallen allenfalls noch Flugzeugtypen
       wie die früheren Airbus-Modelle A300 und A310 oder Boeing 757 und 767 –
       sofern sie nicht nachgerüstet wurden.
       
       Auf technische Lösungen hoffen allerdings die meisten Branchenvertreter in
       dieser Runde, Tuifly hat beispielsweise unter anderem [3][Boeing 737 Max
       eingekauft] – die sollen viel leiser sein, wenn sie denn nach all den
       technischen Problemen, zwei Abstürzen und zwei Jahren Flugverbot nun
       endlich mal ausgeliefert werden und starten können. Das gehört zu den
       Hauptargumenten der Fluglärmgegner: Es dauert ewig, bis neue Flugzeugtypen
       den Markt so weit durchdringen, dass die Effekte messbar sind. Und vor
       allem die günstigen Charterflieger operieren häufig mit älteren Flotten.
       
       Dieter Poppe von der Bürgerinitiative BON-HA („Besser ohne Nachtflug
       Hannover Airport“) tritt auch dem oft gehörten Argument entgegen, hier
       würden sich nur Leute beklagen, die sich erst noch über günstiges Bauland
       gefreut hätten: „Als wir 1985 gebaut haben, gab es rund 850 Nachtflüge im
       Jahr. Mittlerweile sind es über 15.000 Nachtflüge im Jahr.“ Das zeigt auch
       der Jahresbericht des Fluglärmbeauftragten: Während die Gesamtzahl der
       Flüge in Hannover-Langenhagen zurückgegangen ist, ist die Anzahl der
       Nachtflüge gestiegen.
       
       ## Krank wegen des Lärms
       
       Poppe verweist deshalb noch einmal eindringlich auf die Erkenntnisse, die
       Prof. Dr. med. Thomas Münzel als Gesundheitsexperte zu Beginn der Anhörung
       referiert hatte. Zahlreiche Studien belegen einen deutlichen Zusammenhang
       zwischen Lärmbelastungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
       
       Vor allem die nächtlichen Schlafstörungen hätten einen messbaren Effekt auf
       den Blutdruck, der sich sogar zeige, wenn die Leute nicht einmal
       aufwachten, sagte Münzel. Auch die kognitive Entwicklung von Kindern werde
       eingeschränkt. Und natürlich sei der negative Effekt auf die Gesundheit
       noch einmal deutlich höher, wenn man sich über den Lärm ärgere.
       
       Die Bürgerinitiative hätte deshalb am liebsten ein komplettes
       Nachtflugverbot. Der Experte plädiert dafür, zumindest die möglichen
       aktiven Schallschutzmaßnahmen – wie etwa GPS-gesteuerte Routen über
       bevölkerungsarmen Gebieten und einen möglichst gleichmäßigen Auf- und
       Abstieg der Flugzeuge erst einmal vollständig auszuschöpfen.
       
       Ob Einschränkungen des nächtlichen Flugverkehrs möglich sind, ohne den
       Flughafen Hannover in den Ruin zu treiben, soll nun nach dem Willen der
       CDU- und SPD-Fraktionen ein Gutachten klären.
       
       23 Jun 2021
       
       ## LINKS
       
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