# taz.de -- Rebellenführer über Ziele für Tschad: „Wir sind keine Söldner“
       
       > Als Anführer der Rebellenarmee FACT fordert Mohamed Mahdi Ali einen
       > runden Tisch für Tschad. Die Rolle Frankreichs kritisiert er hart.
       
 (IMG) Bild: Wollen Dialog, geben sich aber kämpferisch: FACT-Rebellen in der Hauptstadt N'Djamena am 9. Mai
       
       Herr Mahdi, Ihre Rebellenarmee ist im April mit 3.000 Kämpfern [1][aus
       Libyen tief nach Tschad vorgedrungen] und der dortige Präsident Idriss Déby
       kam an der Kriegsfront zu Tode. Welche Ziele hat Ihre Organisation? 
       
       Mohamed Ali Mahdi: Die FACT (Bewegung für Wandel und Eintracht im Tschad)
       wurde 2016 in Südlibyen gegründet. Sie will eine Alternative zu der seit 30
       Jahren andauernden autokratischen Herrschaft im Tschad bieten. Es gibt
       mittlerweile eine ganze Generation im Tschad, die [2][nur diesen Herren
       (Idriss Déby)] an der Spitze ihres Landes kennt. Wir wollen aber auch
       niemanden aus dem derzeitigen Machtzirkel ausschließen, die FACT richtet
       sich an alle. Wir fordern einen inklusiven runden Tisch mit allen Parteien,
       um Tschads Probleme zu lösen. Nach den Wahlfälschungen der letzten Jahre
       haben wir uns entschlossen, nach Tschad zurückzugehen. Wir haben bewusst um
       die kleinen Armeegarnisonen an der libysch-tschadischen Grenze einen Bogen
       gemacht, erst nach französischer Luftaufklärung kam es zu Kämpfen mit der
       Armee.
       
       Aber Sie drohten, in die Hauptstadt N`Djamena einzumarschieren. Das ist
       doch das Gegenteil von Dialog. 
       
       Seit fünf Jahren sagen wir, dass der Konflikt nur mit politischen und
       friedlichen Mitteln gelöst werden kann. Aber das Regime hat unsere
       Vorschläge und Verhandlungen mit Oppositionsgruppen systematisch abgelehnt.
       Präsident Idriss Déby erklärt immer wieder, niemand könne ihn ersetzen –
       das Gefühl, eine Art Supermann zu sein, ist der Wesenskern vieler
       Diktatoren. Er warf uns vor, Söldner zu sein, dann waren wir angeblich mit
       Islamisten verbündet, dann mit dem [3][libyschen General Khalifa Haftar]
       und nun angeblich mit der russischen Wagner-Gruppe.
       
       Wurden FACT-Einheiten in Libyen von Experten der russischen Söldnerfirma
       Wagner ausgebildet? 
       
       Unsere Mission in Libyen war es, gegen den IS zu kämpfen. Nicht für Geld,
       denn wir sind keine Söldner. Unser Ziel war immer der Sturz des Regimes in
       unserer Heimat. Wir wurden nach Brak Shati und zu dem Militärflughafen
       Temenhint verlegt. In Brak Shati trafen wir auf Russen, in Temenhint auf
       französische Soldaten. Einige meiner Männer befanden sich also Seite an
       Seite mit Wagner, andere mit der französischen Armee. Wir hatten keine
       Informationen über deren Anzahl oder Mission. Wir haben sie bewacht. Es war
       eine bizarre Situation. Denn da meine Familie und ich lange in Frankreich
       gelebt haben, hielten mich die Wagner-Leute für einen Agenten Frankreichs.
       Zudem verdächtigten sie mich, mit den Tschadern befreundet zu sein, die in
       der Zentralafrikanischen Republik gegen Wagner-Leute kämpfen. Es war also
       kein einfaches Verhältnis.
       
       Französische Medien vermuten, dass Sie nur deshalb mit mehr als 400
       Fahrzeugen 2.000 Kilometer quer durch die Saharawüste fahren konnten, weil
       Sie im Dienst von russischen Militärberatern stehen. 
       
       Das ist Teil einer Kampagne, um uns zu diskreditieren. Tatsächlich habe ich
       gerade mal 400 Euro auf meinem Konto und bin zusammen mit meinen Leuten auf
       einer Mission, um mein Land zu retten. Wir als FACT haben stets klar
       gemacht, dass wir uns in Libyens Konflikt auf keine Seite schlagen wollen.
       Als laizistische Bewegung, die an freie Meinungsäußerung glaubt, sind wir
       von den Islamisten weit entfernt. Aber auch die Kooperation mit Haftar
       erwies sich als extrem kompliziert. Viermal haben uns Kämpfer des
       „Islamischen Staates“ (IS) 2017 und 2018 in Jufra angegriffen und erst
       danach haben wir uns entschlossen, gemeinsam mit Haftars Armee die
       Radikalen zu bekämpfen.
       
       Sie bestätigen also eine Kooperation zwischen FACT und der LNA Khalifa
       Haftars in Libyen? 
       
       Ja, aber für den Kampf gegen den IS. Für eine noble Sache, nicht für die
       Interessen Haftars. Immerhin gab es bei vielen LNA-Offizieren eine ähnliche
       Einstellung wie bei uns zu Laizität, der Trennung von Politik und Religion.
       Wir haben viele Kameraden bei den Kämpfen gegen den IS in Fugha verloren,
       aber auch den Islamisten empfindliche Niederlagen zugefügt. Die westlichen
       Geheimdienste wissen ganz genau, dass wir es waren, die den IS aus einer
       der strategisch wichtigsten Positionen Libyens ferngehalten haben. Wir
       wurden damals ebenso wie die Bevölkerung in Jufra fast jeden Abend von den
       IS-Kommandos angegriffen. Wir mussten uns mit Haftars Einheiten verbünden,
       um die Radikalen zu besiegen. Das ist die „Hypothek“, die auf uns lastet.
       
       Zuvor waren Sie mit Einheiten aus der Hafenstadt Misrata liiert, Haftars
       Gegner, die ebenfalls gegen den IS kämpften, in Gaddafis ehemaliger
       Heimatstadt Sirte… 
       
       Wir hatten damals keine Wahl! Den libyschen Kriegsparteien haben wir immer
       wieder unsere Neutralität betont. Ich bin glücklicherweise Muslim. Aber
       auch Anhänger der republikanischen Idee und des Laizismus. Ich habe in
       Europa die Kultur des politischen Diskurses kennengelernt. Daher ist es für
       mich so absurd, dass uns Tschadern, ja uns Afrikanern, ein politischer
       Diskurs verweigert wird. Wir sind Teil der politischen Opposition Tschads
       und waren nur in Libyen, weil in unserer Heimat ein Diktator an der Macht
       war. Rechtsstaat, Demokratie, Freiheit ist scheinbar nur für die Franzosen.
       
       Was ist denn aus Ihrer Sicht die [4][französische Strategie für Tschad] und
       die Region? 
       
       Frankreich verhält sich, als wären wir noch in den 1940ern, 50ern oder
       6oern. Aber heutzutage gibt es selbst in jedem kleinen Ort in der Sahara –
       ich bin gerade in einem – Internet und Informationen über die ganze Welt.
       Junge Leute im Sahel haben nicht mehr, wie noch ihre Großeltern, nur einen
       Stock um sich zu wehren. Aber ihnen wird ein Diktator aufgezwungen und ein
       Leben ohne Meinungsfreiheit. Das treibt sie schließlich quer durch die
       Sahara [5][in die Boote über das Mittelmeer nach Europa]. Idriss Déby hat
       eine effektive Armee aufgebaut, die die Interessen Frankreichs verteidigt,
       seit 1996 in der Demokratischen Republik Kongo, danach in der
       Zentralafrikanischen Republik und rund um den Tschad-See.
       
       In Tschads Hauptstadt N`djamena hat die französische
       Sahel-Antiterroroperation Barkhane ihr Hauptquartier. Kämpfen
       Barkhane-Einheiten derzeit gegen die FACT? 
       
       Sie greifen nicht wie in den letzten Jahren direkt in die Kämpfe gegen
       Oppositionsgruppen ein, aber sie setzen rund um die Uhr
       Aufklärungsflugzeuge gegen uns ein, denen tschadische Bombardierungen
       folgen. Dieser indirekte Krieg ist aber nicht weniger gefährlich. Letztlich
       haben französische Berater Déby radikalisiert, zuletzt wollte er jeden
       umbringen, der ihm gefährlich werden könnte. Der Mord an der Mutter des
       Oppositionsführers Yaha Dillo im Dezember ist Beweis genug dafür.
       Frankreich trägt für solche Verbrechen des Regimes letztlich die
       Verantwortung.
       
       Die EU hat die illegale Machtübernahme der Militärs nach Débys Tod nicht
       verurteilt. Sind Sie überrascht? 
       
       Es ist bizarr, dass in Afrika andere Maßstäbe angewandt werden und Freiheit
       hier weniger wichtig sein soll. Europa sollte wissen, dass [6][Frankreich
       im Sahel] ausschließlich seine eigenen Interessen vertritt und sonst
       nichts. Aber ich bin überzeugt davon, dass diese koloniale
       Selbstherrlichkeit ein Ende hat.
       
       Akzeptieren Sie den Militärrat, der nach dem Tod des Präsidenten Tschad
       regiert? 
       
       Persönlich habe ich kein Problem mit seinen Mitgliedern. Wir werden mit
       ihnen letztlich irgendwann sprechen müssen. Aber ist der Rat legitim an der
       Macht? Nein. Laut Verfassung übernimmt der Parlamentspräsident nach dem Tod
       des amtierenden Präsidenten bis zur Abhaltung von Neuwahlen. Während der
       Beerdigung von Déby sagte der französische Präsident Macron, er würde die
       Destabilisierung des Tschad nicht zulassen. Indem er den Putsch der
       Generäle billigt, spricht er den Tschadiern die Grundwerte der Demokratie
       ab. Die Werte der französischen Revolution scheinen in Afrika für Macron
       nicht zu gelten. Ich verstehe ehrlich gesagt nicht mehr, was hier vor sich
       geht.
       
       Sind Sie antifranzösisch? 
       
       Überhaupt nicht! Ich habe im französischen Exil gelebt, meine Frau und
       meine vier Kinder sind noch immer in Frankreich. Aber ich kritisiere die
       noch immer nach kolonialen Methoden funktionierende Politik und das
       Schweigen Europas.
       
       Sie sind in Tschad bis zur Stadt Mao vorgestoßen. Wie ist die militärische
       Lage rund um Mao zur Zeit? 
       
       Mit Unterstützung der französischen Flugzeuge hat Mahamat Déby die Schlacht
       um Mao gewonnen. Aber nicht den Krieg. Von Mao aus hätten wir den Vormarsch
       auf die Hauptstadt fortsetzen können.
       
       Können Sie sich erklären, warum [7][Idriss Déby persönlich an die Front
       fuhr]? Wie kam es zu seiner Verletzung, an der er später starb? 
       
       Als Marschall muss er natürlich an der Front sein, gerade in einer von
       schlecht ausgebildeten Offizieren geprägten Truppe, in der
       Stammeszugehörigkeit eine so große Rolle spielt. Er hat seit 2016 als
       „Marschall“ einen Rang in der Armee – eigentlich hätte Déby zurücktreten
       müssen, da der Staatschef laut Verfassung ein Zivilist sein muss. Dies ist
       ein Beispiel für die systematische Verletzung der verbliebenen
       demokratischen Institutionen des Staates. Déby reiste nach unseren
       Informationen an die Front 200 Kilometer nördlich von N´djamena, weil ein
       General ihn warnte, dass die Soldaten nicht bereit waren zu kämpfen. Am
       Sonntagabend, nach dem Ende der Kämpfe, berichtete General Ibrahim
       Abdelwahed an Idriss Déby per Telefon, dass seine Leute nicht kämpfen
       würden. Am Montagmittag sahen wir dann einen Helikopter in der Nähe der
       Frontlinie landen. Wir dachten, ein hochrangiger Offizier wäre verwundet
       worden.
       
       Ein großer Teil des Zaghawa-Stammes und der Familie von Idris Déby stammt
       aus der Darfur-Region im Sudan. Stimmt es, dass bewaffnete Gruppen aus
       Darfur in N`djamena eingetroffen sind und auch gegen die FACT kämpfen? 
       
       Ja, wir kämpfen auch gegen Darfuris und die sind für viele Kriegsverbrechen
       verantwortlich. Es gibt Videos von diesen Gruppen auf sozialen Medien, auf
       denen die Erschießung von gefangen genommenen Fact Kämpfern zu sehen sind.
       In Frankreich sind diese Kriegsverbrechen bekannt. In N´Djamena werden
       Demonstranten gefoltert und FACT-Anhänger exekutiert.
       
       Sie werfen Frankreich die Mittäterschaft bei Kriegsverbrechen vor? 
       
       Die Schutzherren des Regimes haben keine Verantwortung? Ich denke schon.
       Ohne die Hilfe aus Paris wäre das System Déby schon lange verschwunden. Die
       französische Armee hilft bei Logistik, Transport und Aufklärung gegen uns
       und die Opposition.
       
       Was fordern Sie von Regierungen in Europa in der aktuellen Krise? 
       
       Die französische Politik manipuliert die Öffentlichkeit über uns und die
       Lage im Tschad. Europa sollte sich nicht von den kolonialen Interessen
       Frankreichs blenden lassen. Das Resultat der Aufrechterhaltung von
       autoritären Regierungen wie der von Déby und dem jetzigen Militärrat ist
       doch dass die jungen Afrikaner ihre Zukunft in Europa suchen.
       
       Das Interview wurde am 12. Mai per Whatsapp geführt. Mahdi befindet sich an
       einem unbekannten Ort im libysch-tschadischen Grenzgebiet.
       
       13 May 2021
       
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