# taz.de -- Ärmel hochkrempeln zum Wohle aller: Das Virus und die Verantwortung
       
       > Gerne aufs Schärfste kritisieren, meint unsere Autorin. Dezidiert, aber
       > bitte differenziert, solidarisch und eventuell sogar mit Lösungsansätzen.
       
 (IMG) Bild: Ein paar Standbilder der Internetaktion #allesdichtmachen
       
       Knapp vier Tage noch, dann ist es soweit. In der Praxis meiner Hausärztin
       werde ich gegen Covid-19 endlich durchgeimpft. Ganz ehrlich, ich kann es
       kaum erwarten, den Ärmel hoch zu krempeln.
       
       Mit den bislang bekannten Risiken und Nebenwirkungen habe ich mich
       auseinandergesetzt, und zwar mit einer geradezu psychosomatischen Passion.
       Schlussendlich nehme ich alles in Kauf. Zum einen bin ich eh nicht
       schwanger. Das sagt mir zumindest mein Bauchgefühl, wobei vom Umfang her
       ein Coronababy allmählich in Betracht käme. „Der Teufel steckt in der
       Taille“, wie der Titel eines meiner Chansons lautet. Überdies bin ich im
       60. Lebensjahr und schon deshalb reif für die Spritze. So dürfte ich
       inmitten dieser dosierten Dystopie, die wir spätestens seit März 2020 als
       die Pandemie kennen, ein wenig aufatmen. Durch eine Maske aufatmen, wohl
       bemerkt. Denn auch nach der Impfung ist noch lange nicht alles überstanden.
       Stichwort Mutationen.
       
       Die Hedonistin in mir begnügt sich also weiterhin mit der Ménage-à-mois.
       Die Humanistin in mir sehnt sich sogar nach einer zusätzlichen Impfung.
       Letztere wäre, um die Gesellschaft gegen den gefährlichen Zynismus zu
       schützen, der durch die Coronaleugner*innen seuchenartig verbreitet
       wird.
       
       Die Bewegung Querdenken hat nahezu 70 Ableger bundesweit, und nach einer
       empirischen Studie des Soziologen Oliver Nachtwey wollen 30 Prozent der
       Querdenken-Anhänger in der kommenden Bundestagswahl der AfD ihre Stimme
       geben. Und zu den Mitmarschierenden zählen die üblen Verdächtigen: Reichs-
       und Wutbürger*innen, Identitäre, militante Impfgegner*innen und
       antisemitische Verschwörungsgläubige, von einem mit Haftbefehl gesuchten
       Gourmet mit den zufälligen Initialbuchstaben „A. H.“ ganz zu schweigen.
       Anfangs gaben sie sich als freiheitsliebend, aber allerspätestens mit der
       Stürmung der Reichstagstreppe letzten August ließen sie gewissermaßen die
       Masken fallen.
       
       ## GEZ’s noch?
       
       So enttäuscht es, dass ausgerechnet einige Ermittler*innen aus der
       [1][„Tatort“-Reihe] dabei in flagranti ertappt wurden, die Initiative
       [2][#allesdichtmachen] salonfähig zu machen. GEZ’s noch?
       Öffentlich-rechtliche Kommissar*innen, ob vorsätzlich oder nur grob
       fahrlässig, in der Komplizenschaft der Coronaleugner*innen? Auch einige
       Tage nach der Eilmeldung bleibt es eine Staatsaffäre, die noch nicht als
       Cold Case zu den Akten zu legen ist. Viele melden sich zu Wort. Auch ein
       CDU-Kanzlerkandidat quasi beim Laschet-Minute-Versuch, an Systemrelevanz zu
       gewinnen. Sein Fazit? Man dürfe das sagen. Wow, diese klare Kante. Wem
       genau soll dieser Zuspruch imponieren?
       
       In ihren jeweils 90 Sekunden langen Videobotschaften, die jüngst auf
       Youtube erschienen, haben die Beteiligten in der Tat nichts Verbotenes über
       ihre hämisch grinsenden Lippen gebracht. Es herrscht grundsätzlich die
       Meinungsfreiheit, wie es sich in einer Demokratie geziemt. Aber was spräche
       dagegen, auch die Meinungsverantwortung zu beachten?
       
       Fakt ist, der „Tatort“ gilt seit mehr als einem halben Jahrhundert als
       Königsdisziplin der TV-Krimis. Schauspieler*innen, die das Glück genießen,
       dort in Hauptrollen als Held*innen aufzutreten, haben deshalb eine
       besondere Verantwortung, und zwar neben einem fetten Gehalt, von dem echte
       Polizist*innen nur träumen können.
       
       ## Nee, nee, nee!
       
       Durch ihren Bekanntheitsgrad üben sie, nolens volens, einen großen Einfluss
       auf weite Teile des am Bildschirm klebenden Publikums aus. Gerade inmitten
       der Pandemie agieren sie als Superspreader, wie es in der
       Infektionsepidemiologie heißt. Sie propagieren diffuse
       Verschwörungstheorien, sie verhöhnen unermüdlich arbeitende
       Mediziner*innen und Pfleger*innen. Und wenn sie erwischt und
       kritisiert werden, wollen sie alles plötzlich als dreidimensionale Satire
       verkaufen. Nee, nee, nee. Mit so einer schäbigen, schamlosen
       Schutzbehauptung sollten sie nicht davonkommen.
       
       Wenn Fernsehermittler*innen unreflektiert aus dem Drehbuch der
       Demagog*innen lesen, ist es kein Kunstgriff. Denn Corona ist ein
       Serienmassenmörder, der sogar weitaus mehr Leichen hinterlässt, als man in
       einer durchschnittlichen Murot-„Tatort“-Folge auffinden kann. Alleine in
       Deutschland sind mindestens 81.000 Menschen an dem schweren, akuten
       Atemwegssyndrom gestorben. Und die Autopsien der Covidopfer sind irgendwie
       nicht so lustig wie die Obduktionen, die im Sektionssaal am Set der
       Münsteraner Rechtsmedizin stattfinden.
       
       Die Coronapolitik der Regierung lässt in der Tat viel zu wünschen übrig.
       Die erbarmungslose Vernachlässigung des Kulturbetriebes und der
       Gastronomie, die fehlende Transparenz bei der Aufklärung von Maskengate,
       das Testdebakel, die schleppende Impfung, das Hin und Her mit den
       Lockdownmaßnahmen, und, und, und. Gerne aufs Schärfste kritisieren.
       Dezidiert, aber bitte differenziert, solidarisch und eventuell sogar mit
       Lösungsansätzen.
       
       2 May 2021
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.daserste.de/unterhaltung/krimi/tatort/index.html
 (DIR) [2] https://allesdichtmachen.de/
       
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 (DIR) Michaela Dudley
       
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