# taz.de -- Lüge und Wahrheit in der Politik: Halbwahr ist nicht fake
       
       > Gern wird Politikern vorgeworfen, zu lügen. Doch meist stimmt das nicht.
       > Und will man wirklich, dass sie unter allen Umständen immer die Wahrheit
       > sagen?
       
 (IMG) Bild: Ein bestimmter Politikertypus hat die freche Lüge zum Mittel der Politik gemacht
       
       Keineswegs erwarte ich, dass Politiker und Politikerinnen immer die
       Wahrheit sagen. Damit meine ich nicht, dass ich hohe Amtspersonen für
       moralisch verkommen oder grundsätzlich für unehrlich halte. Ich meine nur,
       dass sie nicht immer die Wahrheit sagen können und dass das schon okay ist
       so. Denn vollkommene Ehrlichkeit kann negative Folgen haben. Wenn eine Bank
       oder ein Land finanziell konkursgefährdet sind, würde ein offenes,
       schonungslos realistisches Wort dazu führen, dass der Konkurs, der bis
       dahin nur eine Möglichkeit war, mit ziemlicher Sicherheit eintritt. Die
       „Wahrheit“ selbst hätte böse Effekte. Es ist ganz verständlich, dass man
       nicht in jeder Funktion alles sagen kann.
       
       Wenn Politiker und Politikerinnen etwa im Hintergrund in zähen Gesprächen
       Koalitionskonflikte zu entschärfen versuchen, dann werden sie gut daran
       tun, über diese Hintergrundgespräche möglichst zu schweigen oder, wenn sie
       auf diese angesprochen werden, irgendwie ausweichend herumzuschwurbeln. Es
       ist dann vielleicht nicht okay, völlig wahrheitswidrig zu lügen, aber es
       kann sehr wohl in Ordnung sein, nicht die ganze Wahrheit zu sagen.
       
       Gewiss balanciere ich mit dieser Aussage auf sehr dünnem Eis. Berüchtigt
       ist die seinerzeitige Aussage des damaligen Innenministers Thomas de
       Maizière, der – es ging um Terrorgefahr – meinte, ein Teil der „Antworten
       würde die Bevölkerung verunsichern“. Sicherlich war diese Aussage noch
       einmal speziell blöde, da gerade diese Antwort die Bevölkerung besonders
       verunsicherte. Aber abgesehen davon: Wer entscheidet, mit welchen Antworten
       wir als Bürger und Bürgerinnen noch umgehen können, welche man aber von uns
       fernhalten müsse?
       
       Zugleich ist natürlich auch wahr, dass „Verunsicherung“, wenn sie etwa zu
       Massenpanik führt, im Extremfall sogar gefährlicher sein kann als die
       Gefährdung selbst, über die man uns im Unklaren lässt. Wir sehen aber
       schon, dass man gewisse Unwahrheiten durchaus legitimieren kann und dass
       sie sich von der dreisten, frechen Lüge unterscheiden.
       
       ## Sebastian Kurz' PR-Maschine
       
       Ein Staatsmann oder eine Staatsfrau dürfen die Wahrheit verschweigen, aber
       sie dürfen nicht dreist lügen. Weil aber der Alltagsverstand da nicht immer
       einen Unterschied macht, meinen viele Menschen, dass „die Politiker“
       sowieso allesamt Lügner seien, was den wirklich dreisten Lügnern das Leben
       erleichtert. Motto: Machen doch alle so.
       
       Nein, es machen nicht alle so. Ein bestimmter Politikertypus hat die freche
       Lüge zum Mittel der Politik gemacht. [1][Donald Trump] war hier eine Liga
       für sich. Aber er wird fleißig kopiert.
       
       Nehmen wir nur die PR-Maschine des österreichischen Bundeskanzlers
       Sebastian Kurz. Die trommelte in den letzten Tagen: „Seit Wochen hat sich
       Sebastian Kurz für eine faire Verteilung des Impfstoffes in der EU
       eingesetzt. Nun bekommt Österreich noch im 2. Quartal zusätzlich 1 Million
       Dosen Impfstoff von Pfizer/Biontech.“ An diesen zwei Sätzen stimmt nichts.
       Erstens erhält Österreich nichts „zusätzlich“, sondern nur früher.
       Großartig! Nur ist der Beitrag von Sebastian Kurz dazu null. Biontech kann
       einfach 50 Millionen Dosen schneller liefern, und [2][Österreich] erhält
       davon 1 Million.
       
       Zweites Exempel: Nachdem der grüne Gesundheitsminister [3][Rudolf
       Anschober], zermürbt von 15 Monaten in einem Horrorjob, erschöpft und
       klapprig zurückgetreten ist, hatte der Kanzler doch glatt die Stirn, zu
       säuseln, „vielleicht ist dieser Rücktritt ja eine Chance für eine andere
       politische Kultur“, beispielsweise eine mit weniger Opposition gegen
       Regierende. Nicht nur verband Kurz diese Aussage direkt mit den
       Korruptionsskandalen, in denen seine Partei gerade unterzugehen droht, er
       ignorierte auch schamlos den Umstand, dass es nicht zuletzt die vielen
       schäbigen Fouls der Kanzlerpartei selbst waren, die den grünen
       Gesundheitsminister fertigmachten.
       
       Das Bemerkenswerte am neuen politischen Stil der dreisten Lüge ist, dass es
       sich dabei ja um Lügen handelt, die das durchschnittlich informierte
       Publikum als Lügen leicht erkennt. Das macht den Propagandatrommlern aber
       nichts, da sie denken, ein ausreichend großer Teil des Elektorats würde
       dennoch niemals erfahren, dass es Lügen sind. Das ist neu und verstörend:
       Denn es stört die Lügenverbreiter nicht einmal mehr, wenn sie ertappt
       werden – für sie ist nur mehr relevant, ob ein ausreichend großer Teil der
       Menschen die Lügen glaubt.
       
       Wer herumkeppelt, dass doch „alle Politiker“ Lügner seien, wer nicht bereit
       ist, den Unterschied zwischen unklaren Antworten und der Unwahrheit zu
       erkennen, der betreibt das Geschäft gerade der übelsten Figuren und ist,
       ohne es zu wollen, mitverantwortlich für den Aufstieg der dreisten Lüge zum
       Instrument der politischen Kommunikation.
       
       17 Apr 2021
       
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