# taz.de -- Pressefreiheit in China: Ernüchternde Entwicklung
       
       > Einreiseverbote, Visa-Sperren, Einschüchterungsversuche: Mit der Pandemie
       > haben sich die Arbeitsbedingungen für China-Korrespondenten verschärft.
       
 (IMG) Bild: Einreise für Journalist:innen nicht garantiert: Pandemiekontrolle am Flughafen Peking Ende Oktober 2020
       
       Peking taz | Korrespondent:in in China zu sein ähnelt seit Ausbruch der
       Coronapandemie immer stärker [1][einem nicht endenwollenden
       Durchhaltewettbewerb]. Die Regeln in diesem Spiel sind simpel: Es geht vor
       allem darum, auf unbestimmte Zeit im Land auszuharren. Wer jedoch in die
       Heimat fliegt, etwa um seine pflegebedürftigen Eltern oder lange vermisste
       Ehepartner:innen zu besuchen, hat verloren – und die Regierung, so
       scheint es, ein weiteres Mal gewonnen.
       
       Immer deutlicher zeichnet sich ab, dass die Staatsführung in Peking die
       Pandemie als Vorwand nutzt, um die internationale Presse auszudünnen. Im
       Gegensatz zu Geschäftsleuten oder anderen Expats bleibt ausländischen
       Journalist:innen die Rückreise in die Volksrepublik grundsätzlich
       verwehrt – trotz mehrwöchiger Quarantäne und negativer Coronatests. Rund
       zwei Dutzend Korrespondent:innen stecken derzeit in ihren
       Herkunftsländern fest, ohne Hoffnung auf baldige Rückkehr nach China.
       
       Wie schwierig unabhängige China-Berichterstattung in Zeiten von Corona
       geworden ist, demonstriert ein am Montag publizierter Jahresbericht des
       Korrespondentenclubs in China. Zum dritten Mal in Folge gab demnach kein
       einziges der 150 befragten Mitglieder an, dass sich die Arbeitsbedingungen
       im Land verbessert hätten.
       
       Praktisch jeder der Kolleginnen und Kollegen hat die Zensur am eigenen Leib
       zu spüren bekommen: Wer in „sensible“ Gegenden reist, wird spätestens am
       nächsten Morgen in der Hotellobby von der Lokalpolizei in Empfang genommen.
       Dem US-Kollegen vom Fernsehen wurden während einer Recherche zum Ursprung
       des Coronavirus die Autoreifen zerstochen.
       
       Die letzten zwei verbliebenen australischen Korrespondenten bekamen
       zeitgleich kurz vor Mitternacht Besuch von Sicherheitsbeamten, um sie über
       eine Ausreisesperre zu informieren: Sie suchten Unterschlupf in der
       Botschaft, ehe sie im September letzten Jahres nach fünftägigen
       Verhandlungen auf höchster diplomatischer Ebene das Land verlassen durften.
       
       ## Ausreiseverbote gehören zum Repertoire
       
       „Davor hatten wir angenommen, dass wir im schlimmsten Fall abgeschoben
       würden“, sagt Michael Smith, mit Bill Birtles, Korrespondent des
       australischen Fernsehsenders ABC, einer der Betroffenen. Doch die alten
       Präzedenzfälle gelten nicht mehr, längst gehören auch Ausreiseverbote zum
       Repertoire der chinesischen Staatsmacht.
       
       Nur Verhaftungen, die letztmögliche Eskalationsstufe, treffen bislang
       vorwiegend eigene Staatsbürger:innen: Haze Fang, angestellt als
       Rechercheurin bei der Nachrichtenagentur Bloomberg, sitzt seit letztem
       Dezember im Gefängnis. Ihr wird vorgeworfen, die „nationale Sicherheit
       gefährdet“ zu haben. Einzelheiten blieb die Staatsanwalt – wie so oft –
       schuldig.
       
       Neu ist zudem, dass die Behörden epidemiologische Maßnahmen zur Bekämpfung
       der Pandemie gezielt gegen kritische Journalist:innen anwenden. So
       werden Korrespondent:innen regelmäßig willkürlich mit
       Quarantäne-Androhungen von Reportagereisen in „sensible“ Regionen wie
       Xinjiang abgehalten.
       
       Im letzten Jahr haben die Behörden so viele Journalist:innen
       abgeschoben wie zuletzt 1989 nach der blutigen Niederschlagung der
       Studentenbewegung am Tiananmen-Platz. „Ich habe meine Arbeit mit 15
       Reportern begonnen und wollte unser Büro weiter ausbauen“, sagt etwa
       Jonathan Cheng, der vor rund zwei Jahren für das Wall Street Journal von
       Seoul nach Peking gezogen ist: „Mittlerweile haben wir nur mehr vier
       Journalisten vor Ort in China.“
       
       Natürlich gehen [2][die Ausweisungen von 18 US-amerikanischen
       Korrespondent:innen] der New York Times, Washington Post und Wall
       Street Journal auch auf Ex-Präsident Donald Trump zurück, der mit
       fahrlässigen Visa-Restriktionen gegen chinesische Staatsjournalisten
       Pekings Vergeltung geradezu provoziert hat.
       
       ## Anzeigen in deutschen Blättern
       
       Dennoch zeichnet sich eine für die Branche ernüchternde Entwicklung ab:
       Chinas Staatsführung, die sich von westlichen Medien fundamental
       missverstanden fühlt, verweigert sich einem kritischen Dialog und setzt
       stattdessen auf Kontrolle und Unterdrückung.
       
       Gleichzeitig laufen die Anstrengungen auf Hochtouren, das eigene Narrativ
       in die Welt zu posaunen – durch englischsprachige Propagandasender, die in
       ihren Nachrichtensendungen krude Thesen über den Virusursprung oder
       scheinbar glückliche Uiguren in der westlichen Provinz Xinjiang
       ausstrahlen. Gleichzeitig schaltet die Regierung auch Anzeigen in der
       heimischen Presse, zuletzt in der Donnerstagsausgabe der Frankfurter
       Allgemeinen Zeitung.
       
       Die deutschsprachige Medienlandschaft hat dem immer weniger
       entgegenzusetzen. In den letzten Jahren hat sich die Anzahl an
       Korrespondent:innen der heimischen Presse auch ohne Abschiebungen und
       Visasperren dezimiert.
       
       Die immer schwierigeren Arbeitsbedingungen, eine hohe Luftverschmutzung und
       drastisch gestiegene Lebenskosten haben dazu geführt, dass immer weniger
       Kolleg:innen aus den Redaktionen überhaupt gewillt sind, aus der
       bequemen „Berliner Bubble“ nach Peking zu ziehen. Weit entfernt scheinen
       die Zeiten, als der Titel „China-Korrespondent“ noch als journalistischer
       Ritterschlag galt, der an langgediente Kolleg:innen jenseits der
       Mittvierziger verliehen wurde.
       
       ## Begrenzte Neugierde
       
       Gleichzeitig scheint die Neugierde über das bevölkerungsreichste Land der
       Welt begrenzt. Als Beleg reicht ein willkürlicher Jahresrückblick auf den
       Spiegel: 2020 hat das größte Nachrichtenmagazin Deutschlands insgesamt acht
       USA-Cover gedruckt, jedoch nur zwei Titel mit China-Bezug – trotz Wuhan,
       Hongkong und Xinjiang.
       
       Das Missverhältnis spiegelt sich auch in der Belegschaft wider: Während der
       Spiegel einen China-Korrespondent:innen für das Land von 1,4 Milliarden
       unterhält, gibt es immerhin noch vier festangestellte Journalist:innen
       in den Vereinigten Staaten.
       
       Wenn China seine Grenzen nicht bald öffnet, dann ist es nur eine Frage der
       Zeit, dass in den kommenden Monaten weitere Kolleg:innen das Handtuch
       schmeißen werden oder aufgrund ausgelaufener Verträge das Land verlassen.
       Da jedoch seit Beginn der Pandemie praktisch keine Visa an westliche
       Journalist:innen vergeben wurden, können die Stellen nicht nachbesetzt
       werden. Der Verdacht liegt nahe, dass die Regierung unter dem Vorwand des
       Virus die Reihen der Auslandspresse regelrecht ausdünnen möchte.
       
       Spätestens in den kommenden Monaten wird die Angelegenheit auch auf dem
       Schreibtisch von Heiko Maas landen. Dass der deutsche Außenminister im
       Alleingang eine Erleichterung der Situation erreichen könnte, erscheint
       fraglich. Zudem kann Peking auf die täglichen Infektionszahlen verweisen,
       die in China gegen null tendieren und in Deutschland ungleich höher liegen.
       
       Dabei sollte Chinas Staatsführung einsehen, dass der derzeitige
       Konfrontationskurs eine klassische „Lose-lose-Situation“ ist. Der Frust
       unter den verbliebenen Korrespondent:innen schlägt sich auch in der
       Berichterstattung nieder, die zunehmend die Repressalien der Behörden
       thematisiert. Und je weniger Journalist:innen vor Ort sind, desto
       klischeebehafteter werden die Zeitungsartikel. Wer wirklich nuanciert
       berichten möchte, kann dies nicht ausschließlich aus der redaktionellen
       Ferne tun.
       
       7 Mar 2021
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Fabian Kretschmer
       
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