# taz.de -- Verhinderte Straßenumbenennung: Lieber Hindenburg als Sophie Scholl
       
       > In Northeim wollten SPD und Grüne die Hindenburgstraße in
       > Sophie-Scholl-Straße umbenennen. CDU, FDP, AfD und eine Wählerliste
       > machten da nicht mit.
       
 (IMG) Bild: Konnten gut miteinander: Hitler und Hindenburg, hier im „Reichsehrenmal“ am 27. August 1933
       
       Göttingen taz | Im südniedersächsischen Northeim gibt es eine
       Hindenburgstraße. Zeitgleich mit dem Adolf-Hitler-Wall und der Göringstraße
       bekam die frühere Bergstraße ihren Namen im April 1933, kurz nach der
       Machtübernahme der Nationalsozialisten. Während Hitler und Göring kurz nach
       Ende des Zweiten Weltkrieges als Namensgeber dran glauben mussten, blieb
       Hindenburg unangetastet.
       
       Doch nun, nach 88 Jahren, sei es allerhöchste Zeit für einen neuen Namen,
       befanden SPD und Grüne im Northeimer Stadtrat. Die Hindenburgstraße solle
       künftig Sophie-Scholl-Straße heißen, forderten die Parteien in einem
       Antrag, die Umbenennung solle zum 100. Geburtstag der Widerstandskämpferin
       erfolgen. Doch der rot-grüne Vorstoß scheiterte im Kommunalparlament. CDU,
       FDP, AfD und die Freie Unabhängige Liste (FUL) lehnten den Antrag für ein
       Umbenennungsverfahren am 25. Februar mit 19 gegen 15 rot-rot-grüne Stimmen
       ab.
       
       Paul Ludwig Hans Anton von Beneckendorff und von Hindenburg, dem 1933
       gemeinsam mit Hitler und Göring auch die Ehrenbürgerwürde der Stadt
       Northeim verliehen worden war, verdiene keine Ehrung, so der
       Grünen-Ratsherr Hans Harer, der den Antrag initiiert und bei der
       Einbringung in den Stadtrat am 25. Februar begründet hat. In den beiden
       letzten Jahren des ersten Weltkriegs hatte Hindenburg als Chef der Obersten
       Heeresleitung quasi diktatorisch die Regierungsgewalt ausgeübt. Im Herbst
       1918 erklärte er, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen sei.
       
       Vor dem Untersuchungsausschuss der Weimarer Nationalversammlung verbreitete
       er 1919 gleichwohl die so genannte Dolchstoßlegende, wonach das Heer „im
       Felde unbesiegt“ von den Novemberrevolutionären und Politikern durch einen
       Waffenstillstand „von hinten erdolcht“ worden sei. Mit dieser Behauptung
       trug er in der Folge wesentlich zum Legitimationsverlust und zur
       Destabilisierung der Weimarer Republik bei.
       
       Als Reichspräsident ernannte Hindenburg am 30. Januar 1933 Hitler zum
       Reichskanzler. Damit sowie durch die Dolchstoßlegende trug er wesentlich
       zum Untergang der Weimarer Republik und zum Entstehen der totalitären
       NS-Diktatur bei. Hindenburg starb im August 1934 im Alter von 86 Jahren.
       
       Die Northeimer CDU-Fraktion brachte zur betreffenden Ratssitzung einen
       Gegenantrag ein. Demnach sollten die Bürger bei einer Befragung mit der
       Kommunalwahl im September entscheiden, ob die Straße umbenannt werden
       solle.
       
       Inhaltlich wandten sich die Christdemokraten gegen eine Umbenennung. Zwar
       könne die Rolle Hindenburgs bei der Machtübernahme Hitlers „als
       mitentscheidend angesehen“ werden, auch „legitimieren wir damit keinesfalls
       die Handlungen von 1933, noch heißen wir sie gut“. Aber: „Ob es uns gefällt
       oder nicht, Paul von Hindenburg war Teil der deutschen Geschichte“:
       „Löschen wir nun diesen Namen aus dem Stadtbild, so löschen wir Teile
       unserer Erinnerungskultur aus, die uns anhält, uns mit dem Thema im Alltag
       auseinanderzusetzen.“
       
       Im Übrigen, gab die CDU zu bedenken, müsse im Fall einer Umbenennung der
       Straße die Frage der Kostenübernahme für die Anwohner geklärt werden. Das
       gelte „insbesondere natürlich für die ansässigen Arztpraxen“. In der
       Hindenburgstraße wären 94 Haushalte und drei Praxen betroffen. Tatsächlich
       entstehen für eine Ummeldung im Bürgerbüro keine Kosten. Ausgaben für neue
       Visitenkarten etwa können Ärzte von der Steuer absetzen.
       
       In der Ratssitzung wurde zunächst über den rot-grünen Antrag abgestimmt.
       Nach der Ablehnung zog die CDU ihren Antrag zurück. Eine Bürgerbefragung
       wird es also nicht geben. „Gegen unseren Antrag haben sich alle ohne
       Ausnahme rechts von der SPD versammelt“, sagte Grünen-Ratsherr Harer der
       taz.
       
       Inhaltlich sei nicht darüber diskutiert worden: „Man faselte von der
       Entsorgung der Geschichte, verwies auf den Bürgerwillen und zog dann die
       Forderung nach der Befragung aller Bürger zurück.“ Unterm Strich habe der
       Rat am 25. Februar mit Mehrheit einen Ehrungsbeschluss des NS-Stadtrats vom
       April 1933 bestätigt, dass Hindenburgs Verhalten mit der Machtübertragung
       an Hitler im Zusammenhang gestanden habe.
       
       Aus Sicht von Harer eifern die Northeimer Christdemokraten ihren
       Parteifreunden in Hannover nach. Auch dort hat sich die CDU lange gegen die
       Umbenennung der Hindenburgstraße gewehrt. SPD, Grüne und Linke konnten aber
       durchsetzen, dass die Straße dort künftig Loebensteinstraße heißt. Die neue
       Namensgeberin Lotte-Lore Loebenstein lebte als Kind mit ihrer jüdischen
       Familie in der Straße und wurde 1943 von Nationalsozialisten in einem
       Konzentrationslager ermordet.
       
       3 Mar 2021
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Reimar Paul
       
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