# taz.de -- Doku über Billie Eilish bei Apple TV: Sanfte Heiserkeit der Seele
       
       > Die Doku „The World’s a Little Blurry“ ist großzügig und feinfühlig. Und
       > sie zeigt, warum Billie Eilishs Weltschmerz so viele Menschen anzieht.
       
 (IMG) Bild: Die Familie als emotionaler Halt: Sängerin Billie Elish (rechts) mit ihrer Mutter
       
       Dass Billie Eilish geweint haben soll, als sie den Dokumentarfilm über ihre
       Teenagerjahre gesehen hat, [1][ist bereits überliefert]. Wahrscheinlich hat
       sie auch ein Gesicht gemacht wie ein Schrei–Emoji oder sich in einen
       übergroßen Pulli verkrochen. Solche verschämten Gesten gehören zu den
       Erkennungszeichen der 19-jährigen Erfolgsmusikerin Billie Eilish, die mit
       13 ihren ersten Hit landete, mit 17 ein Nummer-eins-Album und mit 18 fünf
       Grammys auf einmal einsammelte.
       
       Apple, das erste Unternehmen, das Billie Eilish einst unter Vertrag nahm,
       hat sich für seine Video-Sparte Apple TV früh den Zugang zu Haus, Tourbus
       und Privatleben des Superstars gesichert, sowie das Vertrauen ihrer
       Familie. Herausgekommen ist ein Film, der großzügig und feinfühlig
       gegenüber seiner Protagonistin ist. Verantwortlich für „The World’s a
       Little Blurry“ zeichnet Regisseur R. J. Cutler, der schon Filme über die
       Schauspieler John Belushi und Marlon Brando und über den Republikaner Dick
       Cheney gedreht hat.
       
       Die US-Künstlerin Billie Eilish, mit vollem Namen Billie Eilish Baird
       O’Connell, ist Sängerin, Songwriterin und Performerin. Bekannt ist sie als
       Streetwear-Ikone, für die tiefe Ernsthaftigkeit ihrer Texte; und für ihre
       Stimme, die ohne den im Pop üblichen Druck auf Kehlkopf und Stirnraum
       auskommt, stattdessen mit dem Kratzen und Springen an den natürlichen
       Übergängen zwischen Brust- und Kopfstimme spielt. Eine Art sanfte
       Heiserkeit der Seele.
       
       Die Vertonung übernimmt Bruder Finneas, mit dem Billie Eilish ihre Songs in
       Kooperation textet und komponiert. Billie Eilish ist [2][ohne diese
       Symbiose von Bruder und Schwester kaum vorstellbar], ebenso wenig ohne die
       wertschätzende Aufmerksamkeit und Tough Love ihrer Eltern, so die These,
       die der fast zweieineinhalb Stunden lange Film verfolgt.
       
       Überraschend gut darin, Superstar zu sein 
       
       Und doch ist Billie Eilish, der Superstar, letztlich mit dem Starsein
       allein. „Ich kann nicht mal einen schlechten Moment haben“, sagt sie im
       Film nach einem missglückten Meet-and-Greet. Ein einziges Mal hat die
       professionelle Lächlerin und Umarmerin keine Lust, noch endlos Menschen
       anzulächeln und zu umarmen. „Ich habe einmal einen schlechten Moment und
       schon schreibt jemand darüber in den sozialen Medien.“
       
       Billie Eilish, die sich „nie bewusst entschieden hat“, so freigiebig ihr
       Innerstes offenzulegen, wie sie es tut, ist überraschend gut darin, ein
       Superstar zu sein. Sie hat früh verinnerlicht, was von ihr erwartet wird,
       wie sie in Interviews durch ihre besondere Rezeptur Sympathien gewinnt: ein
       Teil schüchtern, ein Teil too cool for school, ein Teil
       Ich-muss-nicht-hier-sein-IHR-wolltet-das.
       
       Die Familie, die sich entschieden hat, ihr emotionaler, kreativer und
       professioneller Halt zu sein (Mutter Maggie Baird begleitet ihre Kinder auf
       jeder Tournee), hat sich offenbar auch entschieden, mit diesem Film alles
       ausleuchten zu lassen. Das scheint erstaunlich, wo doch Billie Eilish schon
       jetzt mit Stalkern zu tun hat, die vor ihrem Elternhaus campen.
       
       Aber für das Unternehmen Billie Eilish scheint Verbergen keine Option mehr,
       es bleibt nur der Transparenz-Angriff nach vorn. Als Billie Eilish dreizehn
       ist, wird sie mit dem Song „Ocean Eyes“ ihres Bruders über die
       Musikplattform Soundcloud ein Netzphänomen, noch vor dem ersten
       Plattenvertrag. Verstecken war in ihrer Welt nie eine Option.
       
       Was ist schon gewöhnlich? 
       
       Der Film beginnt mit dem Songwriting für Billie Eilishs Debütalbum
       [3][„When We All Fall Asleep, Where Do We Go“], zunächst vor allem aus
       selbstgedrehten Handyaufnahmen der Familie geschnitten. Später schleicht
       sich ein professionelles Kamerateam dazu, das von da an die Familie
       begleitet, in kreativen Momenten, auf Tournee, bei der ersten Liebe und
       auch bei so gewöhnlichen Momenten wie der Anmeldung zur Fahrschule. Aber
       was sind schon gewöhnliche Momente im Leben eines Teenagers?
       
       Nur in einem Punkt hebt sich der Teenager Billie Eilish dann doch ab. Sie
       versteht den Umgang mit Worten und Harmonien, mit Ästhetik und Performance.
       Anstatt dass ihre erratische Teenagerhaftigkeit und ihr Weltschmerz also
       Erwachsene und Gleichaltrige nervt und in die Flucht schlägt, wird sie zu
       Kunst, die anziehend wirkt. Für Billie Eilish, die unter der Last ihrer
       Sensibilität zu leiden scheint, war der Erfolg womöglich die Rettung, auch
       wenn er sie körperlich und psychisch belastet.
       
       Welche Kinderstar-Geschichte endete noch mal nicht in einer Katastrophe?
       Diese Frage möchte man immer wieder wegschieben. Und Hoffnung setzen in das
       Familienunternehmen Baird O’Connell und dass dessen Mix aus Rampenlicht und
       Selbstsorge Billie Eilish vor Schlimmerem schützen wird.
       
       1 Mar 2021
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.rtl.de/cms/billie-eilishs-dokumentation-the-world-s-a-little-blurry-brachte-sie-zum-weinen-4704668.html
 (DIR) [2] /Grammys-fuer-US-Saengerin-Billie-Eilish/!5656708
 (DIR) [3] /Debuetalbum-von-Billie-Eilish/!5586612
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Peter Weissenburger
       
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