# taz.de -- Neun Stimmen zur Amtsübergabe: Was kommt nach Trump?
       
       > Joe Biden ist offiziell im Amt als 46. US-Präsident. Was bedeutet das für
       > Menschen in Deutschland? Die taz hat neun Personen angerufen.
       
 (IMG) Bild: Amerikanische Flaggen weisen den Weg zum Capitol am Tag der Amtseinführung von Joe Biden
       
       Donald Trump ist erst mal Geschichte. Die USA haben seit Mittwoch eine neue
       Regierung. Und was bedeutet das für uns auf der anderen Seite des
       Atlantiks? Neun Anrufe in Deutschland.
       
       ## „Das Irangeschäft wurde schwieriger“
       
       taz: Herr Kerber, Sie leiten ein mittelständisches Unternehmen, das in
       Raffinerien Turbinen wartet und repariert. Überall auf der Welt, auch im
       Iran. Wie haben Sie die vier Jahre Donald Trump erlebt? 
       
       Sebastian Kerber: Als Trump im Mai 2018 das Atomabkommen aufgekündigt hat,
       [1][wurde das Irangeschäft für uns immer schwieriger]. Wir hatten zunächst
       noch drei Banken, mit denen wir das Irangeschäft abwickeln konnten. Zuerst
       hat uns die Volksbank das Irangeschäft eingestellt, dann eine weitere Bank
       und zum Schluss die Sparkasse. Alle drei, weil sie aus Angst vor
       US-Sanktionen kein Geld aus dem Iran mehr annehmen wollten.
       
       Die EU hat ja an dem Atomabkommen festgehalten und auch ein Gesetz
       erlassen, das es Firmen verbot, sich an die US-Sanktionen zu halten. 
       
       Offiziell haben die Banken nicht zugegeben, dass sie sich wegen der
       US-Sanktionen zurückziehen. Sonst hätte man sie verklagen können. Sie haben
       argumentiert, der Verwaltungsaufwand sei zu groß, weil Exporte in den Iran
       vom Bundesamt für Ausfuhrkontrolle genehmigt werden müssen – diese
       Genehmigungen hätten sie als Bank alle noch mal nachvollziehen müssen, das
       sei zu viel Arbeit. Wir haben früher 25 Prozent unseres Umsatzes mit Iran
       gemacht, heute sind es noch etwa 7 Prozent.
       
       Und die Bezahlung dafür kam hier nicht an? 
       
       Wir haben eine Bankverbindung in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Da
       liegt das Geld aus dem Iran und wartet auf bessere Zeiten.
       
       Die jetzt mit Joe Bidens Amtsantritt kommen? 
       
       Hoffentlich. Ich gehe davon aus, dass die neue US-Regierung dem
       Atomabkommen früher oder später wieder beitritt und dann der
       wirtschaftliche Druck nachlässt. Dass von der EU weiter streng kontrolliert
       wird, was in den Iran exportiert wird, ist verständlich und auch richtig.
       Wir wollen dort nichts hinliefern, was zu Folterzwecken oder für die
       Atomindustrie missbraucht werden kann. Aber es gibt ja auch noch ein
       normales Leben im Iran, und irgendwie müssen die Menschen ja ihren
       Lebensunterhalt verdienen.
       
       Was machen Sie jetzt als Nächstes? 
       
       Ich will mal bei meiner alten Sparkasse anrufen und hören, wie es nun
       aussieht. Ich vermute, dass sie vorsichtig das Geschäft wieder ankurbeln
       werden. Aber klar ist auch: Ich würde nie mein ganzes Geschäft auf den Iran
       setzen. Die Regierung dort ist auch unberechenbar. Es kann sein, dass die
       EU sich wegen irgendwelcher Rechtsverletzungen irgendwann zu neuen
       Sanktionen genötigt sieht.Interview: Jan Pfaff
       
       ## „Meine Gastfamilie dort kenne ich schon seit 2002“
       
       taz: Frau Künzel, Sie koordinieren ehrenamtlich die Städtepartnerschaft von
       Hamm mit Chattanooga in Tennessee. Was machen Sie da so? 
       
       Ruth Künzel: Kernstück sind ein Schüleraustausch und eine Erwachsenenreise,
       die wir alle zwei Jahre im Wechsel durchführen. In der Regel fliegen wir in
       den Herbstferien mit 15 Leuten in die USA, verbringen ein paar Tage mit
       Gastfamilien in Chattanooga und reisen dann noch durchs Land. Die
       Partnerschaft ist ziemlich lebendig.
       
       Tennessee ist eine Hochburg der Republikaner, richtig? 
       
       Ja, auch wenn Chattanooga noch eine relativ liberale Stadt ist.
       
       Wie sind Sie damit während der Trump-Jahre umgegangen?
       
       Meine Gastfamilie dort kenne ich seit 2002. Mit denen kann ich sehr offen
       über politische Themen reden, sie sind aber auch selbst keine großen
       Trump-Fans. Bei vielen anderen weiß ich gar nicht, wie sie politisch
       einzuordnen sind. Wenn man in Deutschland jemanden kennenlernt, fragt man
       ja auch nicht sofort: Wen hast du bei der letzten Wahl gewählt?
       
       Die Trump-Präsidentschaft hat Ihrer Städtepartnerschaft also nicht
       geschadet? 
       
       Nein, wir merken eher Corona, weil wir jetzt alles absagen müssen. Nach
       Trumps Wahl im Herbst 2017 gab es zwar vereinzelt welche, die gesagt haben:
       Nee, beim nächsten Mal fliege ich nicht mit. Aber letztendlich waren wir
       doch wieder eine regulär große Gruppe.
       
       Städtepartnerschaften können also auch in politisch schwierigen Zeiten eine
       Konstante sein? 
       
       Ja, gerade weil diese Partnerschaft schon so lange besteht, viele bei jeder
       Reise dabei sind und feste Gastfamilien haben. Ohne meine persönlichen
       Kontakte in die USA hätte ich mir in den letzten vier Jahren vielleicht
       manchmal gedacht: Die sind ja alle völlig verrückt. Aber so weiß ich, dass
       es dort auch Menschen gibt, die anders denken. Sogar in Tennessee.
       Interview: Tobias Schulze
       
       ## 
       
       ## „Buy American, hire American, das hat uns am meisten bewegt“
       
       taz: Guten Tag Frau Pucher, wie geht es Ihnen? 
       
       Sonja Pucher: Bewegt. Ich bin froh, wenn vielleicht etwas mehr Ruhe
       einkehrt in unser Business hier. Unter Donald Trump gab es ständig
       einwanderungsrechtliche Ad-hoc-Entscheidungen, die dann von den Gerichten
       revidiert und hinterher doch wieder neu implementiert wurden. Es war also
       eine stürmische Zeit – für uns, aber insbesondere auch für unsere Kunden.
       
       Wer sind Ihre Kunden? 
       
       Wir arbeiten im Schwerpunkt für Unternehmen, die Mitarbeiter in die USA
       entsenden. Für viele Firmen war das Problem, dass sie gar nicht wussten,
       was als Nächstes kommt, was neu eingeführt und was wieder umgestoßen wird.
       
       Haben Sie ein Beispiel? 
       
       Am prominentesten war der [2][sogenannte Muslim Ban, den Biden direkt
       kippen will.] Also Reisereglementierungen für Staatsangehörige bestimmter
       Staaten mit Schwerpunkt auf muslimischen Ländern. Das wurde mehrmals von
       Gerichten gekippt und dann neu eingeführt. Unsere Arbeit hat das aber noch
       nicht mal so rasend tangiert, weil wir viele klassisch deutsche Unternehmen
       als Kunden haben. Uns hat zum Beispiel viel stärker die Aussetzung
       bestimmter Arbeitsvisa letztes Jahr betroffen.
       
       Was hat es damit auf sich? 
       
       Es gibt bestimmte Visa wie die H-1B-Visa oder die L-1-Visa, die zum
       Beispiel bei vielen Tech-Unternehmen beliebt sind. Die können seit der
       Pandemie nicht mehr beantragt werden oder nur noch erschwert. Das gilt auch
       für bestimmte Green Cards. Dabei geht es weniger um den Infektionsschutz
       als mehr um den Schutz des Arbeitsmarkts in den USA, womit wir wieder bei
       Donald Trumps Lieblingsthema wären: America First. Buy American. Hire
       American. Das hat uns in den Jahren am meisten bewegt.
       
       Und unter Joe Biden wird es wieder besser? 
       
       Es wird für uns erst mal wieder eine turbulente Zeit, weil er sicherlich
       einige Dinge, die Trump implementiert hat, wieder zurücknehmen wird. Wir
       erhoffen uns aber zumindest mittelfristig, dass man wieder ein etwas
       verlässlicheres Einwanderungsrecht hat, wenn diese Anfangszeit erst mal
       vorbei ist. Interview: Tobias Schulze
       
       ## „Es wird kleinere Handelsmandate geben“
       
       taz: Frau Hartmann, Freihandelskritiker:innen wurden in den
       vergangenen Jahren in eine Ecke gestellt mit Donald Trump, weil der mit
       Strafzöllen in den Freihandel eingegriffen hat. Sind Sie froh, dass das
       aufhört? 
       
       Alessa Hartmann: In diese Ecke wollen wir uns auf keinen Fall stellen
       lassen. Ich persönlich habe mich davon auch nicht angesprochen gefühlt.
       Denn was wir wollen, hat nichts damit zu tun, was Donald Trump will.
       
       Wo ist der Unterschied? 
       
       Wir sind gegen den Welthandel in der jetzigen Form und für einen fairen
       Welthandel, der Menschen- und [3][Klimaschutz voranbringt.] Dazu gehören
       nachvollziehbare Lieferketten und dass Unternehmen Verantwortung für ihr
       Tun übernehmen. Das will Donald Trump nicht.
       
       Ändert sich mit dem Amtsantritt von Joe Biden Ihre politische Arbeit? 
       
       Es wird sehr interessant. Joe Biden stellt am Donnerstag seine
       Handelsstrategie vor, dann sehen wir weiter. Wenn von ihm positive Impulse
       kommen, freuen wir uns. Wir werden seine Politik mit unserem europaweiten
       Netzwerk aus NGOs und unseren US-amerikanischen Partner:innen
       kritisch-konstruktiv begleiten.
       
       Der Abschluss des transatlantischen Handelspakts zwischen der EU und den
       USA ist spätestens mit der Wahl von Donald Trump gescheitert. Wird es mit
       Joe Biden eine Wiederauferstehung von TTIP geben? 
       
       Zumindest in den ersten zwei Jahren nicht. Die EU will die öffentlichen
       Beschaffungsmärkte in den USA öffnen, das will Joe Biden nicht. Die USA
       wollen den Agrarsektor in ein Abkommen einbeziehen, das will die EU nicht.
       Wir rechnen damit, dass es kleinere Handelsmandate und Nebenabsprachen
       geben wird. Das Problem: Das ist noch intransparenter als ein großes
       Handelsabkommen.
       
       Ist die Wahl von Joe Biden ein Schritt in Richtung eines gerechteren
       Welthandels? 
       
       Das steht ziemlich weit unten auf der Prioritätenliste von Joe Biden, aber
       auch auf der der EU. Was ich mir vorstellen könnte: dass Joe Biden
       Handelsverträge als Hebel benutzt, um Klimaziele zu erreichen. Er könnte
       zum Beispiel Zölle auf Importe erwägen, für die viel CO2 produziert wurde.
       Das wird ja auch in der EU diskutiert. Aber die Frage ist, ob er damit
       durchkommt, denn es gibt in den USA viel Gegenwehr dagegen. Interview: Anja
       Krüger
       
       ## „Die Hochschulen agieren autonom“
       
       taz: Frau Knieps, Sie betreuen das Stipendienprogramm Nordamerika beim
       DAAD. Wie hat Trump Ihre Arbeit verändert? 
       
       Gabriele Knieps: Das Interesse der US-Hochschulen an Kooperationen mit
       Deutschland war groß, vielleicht sogar größer als vor Trump. Die
       Hochschulen waren sich bewusst, wie wichtig internationale Kontakte sind,
       auch wenn sie nicht mehr durch die Regierung gefördert wurden. Man muss
       bedenken, dass die Hochschulen in den USA sehr autonom agieren können, weil
       sie selbst über die Zulassung ihrer Studierenden und die Höhe der
       Studiengebühren entscheiden.
       
       Wie gerne sah die Trump-Regierung den transatlantischen
       Wissenschaftsaustausch? 
       
       Unter Trump war die Willkommenskultur generell sehr stark beeinträchtigt.
       Es gab Versuche der US-Regierung, die akademische Mobilität durch eine
       restriktivere Visumvergabe zu reglementieren. Gleichzeitig sind die
       internationalen Studierenden ein großer Wirtschaftsfaktor. Die USA würden
       sich selbst schaden, wenn sie weniger ausländische Studierende ins Land
       ließen.
       
       Wie interessiert waren deutsche Studierende und Wissenschaftler*innen
       zuletzt an den USA? 
       
       In den letzten Jahren gab es eine kontinuierliche Abnahme deutscher
       Bewerber für die USA. Dies lag sicherlich nicht nur an der Trump-Regierung,
       sondern insbesondere an den sehr hohen Kosten eines Studiums in den USA.
       Jedoch hat sich dieser Trend Ende 2020 komplett aufgelöst. Wir haben sowohl
       von US-Amerikanern als auch von Deutschen deutlich mehr Bewerbungen
       erhalten.
       
       Was wird unter Biden anders? 
       
       Ich denke, es wird eine andere Willkommenskultur geben, die auch Einfluss
       auf Visumfragen hat. Außerdem plant der designierte Bildungsminister,
       öffentliche Bildungseinrichtungen zu stärken und mehr Bildungschancen für
       alle Teile der Gesellschaft zu schaffen.Interview: Franziska Schindler
       
       ## „2019 ist hier eine F16 abgestürzt“
       
       taz: Frau Tillmann-Steinbuß, Sie wohnen in der Nähe der US Air Base
       Spangdahlem und sind damit nicht ganz glücklich. Richtig? 
       
       Agnes Tillmann-Steinbuß: Richtig. Die Umweltgefahren der Air Base werden
       völlig unterschätzt. Grundwasser und Oberflächenwasser sind in der ganzen
       Region mit Schadstoffen kontaminiert, und das kann nur von der Base
       oberhalb unseres Wohnhauses kommen. 2019 ist hier eine F16 abgestürzt – in
       einem Waldgebiet, naturbelassen, wichtig für die Trinkwasserversorgung der
       ganzen Region. Offiziell wurde hinterher nichts gefunden, aber bei den
       BUND-Untersuchungen haben wir zum Beispiel unzulässige PFAS-Kontaminationen
       nachgewiesen.
       
       Donald Trump wollte US-Truppen aus Deutschland abziehen. Die Flugzeuge aus
       Spangdahlem wollte er nach Italien verlegen. Für die Umwelt wäre es wohl
       gut gewesen, für die Wirtschaft in der Region aber eher ein Schlag. 
       
       Viele Leute hier meinen, die US Air Base brächte große wirtschaftliche
       Vorteile. Aber das ist sowieso schon rückläufig. Die Amerikaner ziehen sich
       aus Sicherheitsgründen schon länger zurück. Sie nutzen die Gastronomie und
       die Geschäfte hier nicht mehr so intensiv wie früher. Mehrere Bekannte
       haben jetzt ihre Immobilien verkaufen müssen, weil sie sie nicht mehr an
       die Amerikaner vermietet bekommen.
       
       Unter Joe Biden wird aus dem Truppenabzug wohl nichts. Trauern Sie Donald
       Trump schon hinterher? 
       
       Nein! Für mich wäre die Welt untergegangen, wenn Trump die Wahl gewonnen
       hätte! Wie er bis zum Schluss noch seine Anhänger mobilisiert hat:
       fürchterlich! Natürlich sagen Kinder und Narren auch mal die Wahrheit, und
       was den Abzug angeht, lag er ausnahmsweise richtig. Aber das war auch schon
       alles. Ich bin heilfroh, dass er weg ist. Interview: Tobias Schulze
       
       ## „Die Hausaufgaben nachholen“
       
       taz: Frau Schwarz, Joe Biden will zurück ins Pariser Weltklimaabkommen. Was
       bedeutet das für die internationalen Klimaverhandlungen? 
       
       Rixa Schwarz: Erst mal ist es ein schönes Signal, dass Biden den Schritt
       gleich für seinen ersten Tag angekündigt hat, weil die Weltmacht USA immer
       noch ein Orientierungspunkt für viele Länder ist.
       
       Auch noch nach vier Jahren aktiver Antiklimapolitik von Donald Trump? 
       
       Die USA müssen sich erst wieder in eine Position bringen, in der man sie
       beim Klima als führende Kraft wahrnehmen kann. Entscheidend dafür ist es,
       dass die USA ihre Hausaufgaben nachholen. Das heißt: Sie müssen einen
       nationalen Klimaaktionsplan für 2030 abliefern. Außerdem warten wir auf
       eine Langfriststrategie. Beides wäre bis Ende des Jahres fällig gewesen.
       
       Das heißt, das Paris-Abkommen wird insgesamt wirksamer? 
       
       Genau, denn es geht um einen großen Emittenten, der in das Abkommen
       zurückkehrt. Die USA sind aber auch bei einem weiteren Punkt sehr wichtig –
       und zwar bei der internationalen Klimaschutzfinanzierung.
       
       Alle Industriestaaten sind zur Zahlung von Klimahilfen an arme Länder
       verpflichtet, Trump hat die US-Zahlungen aber einstellen lassen. 
       
       Wenn wir wieder mit Beiträgen von den USA rechnen können, ist das
       hilfreich. Die Entwicklungsländer brauchen diese Gelder für ihren eigenen
       Klimaschutz und für die Anpassung an die Folgen des Klimawandels. In
       internationalen Klimaverhandlungen selbst hatte sich die US-Delegation
       während des Austritts etwas zurückgehalten, aber in einigen Bereichen, was
       etwa Regeln für internationale Transparenz beim Klimaschutz angeht, sogar
       durchaus eine konstruktive Rolle gespielt. Interview: Susanne Schwarz
       
       ## „Die USA haben gefehlt“
       
       taz: Frau Rosin, was bedeutet der Regierungswechsel für Ihre Arbeit? 
       
       Juliane Rosin: Für mich ist extrem wichtig, dass der Sexist Trump von der
       politischen Bildfläche verschwindet. Für den Deutschen Frauenrat bin ich
       bei den Vereinten Nationen oder in den Frauendialogen der G20 unterwegs. In
       den letzten vier Jahren haben dort die USA als Partner für progressive
       Ziele gefehlt. Die Trump-Administration hat alles blockiert, was mit
       sexuellen und reproduktiven Rechten zu tun hat. Sie haben die Zahlungen für
       UN-Programme eingestellt, die Frauen weltweit Zugang zu Verhütungsmitteln
       ermöglichen wollen. Das ist verheerend.
       
       Spüren wir das auch in Europa? 
       
       Durch das Verhalten der USA in den vergangenen vier Jahren sind auch in
       Europa mehr Staaten aus einer progressiven Politik ausgeschert. Dass
       Island, Nicaragua oder Ruanda in Sachen Gleichstellung vorn liegen,
       interessiert niemanden – was die USA machen, schon. Polen will zum Beispiel
       die Istanbul Konvention aufkündigen, das Übereinkommen gegen Gewalt gegen
       Frauen. Wenn die Kleinen sehen, der Große macht es auch nicht besser, hat
       das enorme Fliehkräfte.
       
       Was heißt Biden für die Gleichstellungspolitik in Deutschland? 
       
       Deutschland stellt sich gern als Land dar, in dem Gleichstellung längst
       erreicht ist. Das ist einfach, wenn der Vergleichsmaßstab ein Typ ist, der
       Gerichtsverfahren am Hals hat, weil er Frauen sexuell belästigt. Dass
       hierzulande PopulistInnen lauter werden, denen Frauenrechte ein Graus sind,
       hängt auch damit zusammen. Ich hoffe, dass die Wahl von Biden den
       Stellenwert von Gleichstellungspolitik auch hierzulande pusht. Interview:
       Patricia Hecht
       
       ## „Die Familien haben Fragen“
       
       taz: Herr Eckstein, Sie organisieren Informationsmessen für
       Schüleraustausch. Was hat sich während der Präsidentschaft von Donald Trump
       bei den Austauschprogrammen in die USA getan? 
       
       Michael Eckstein: Rein formal hat sich nichts geändert, auch die
       Einreisbestimmungen sind gleich geblieben. Denn parteiübergreifend – und
       das gilt wohl auch für Herrn Trump – besteht in den USA ein Konsens
       darüber, dass die Bildungsaufenthalte von Austauschschülern auch im
       Interesse des Landes sind. Aber die Nachfrage ist rückläufig, und das hat
       eindeutig mit Trump und seinen Äußerungen zu tun.
       
       Was heißt das in Zahlen? 
       
       Die USA sind noch immer auf Platz 1 der beliebtesten Länder. Aber während
       sich vor 15 bis 20 Jahren 80 bis 90 Prozent der Schüler auf den Weg dorthin
       machten, sind es jetzt gerade noch ein Drittel. Dennoch ist der Rückgang
       nicht so stark, wie man hätte vermuten können, denn man muss bedenken: Die
       USA sind ein großes Land, und wenn Sie irgendwo im mittleren Westen leben,
       ist Washington weit weg.
       
       Was hat sich ganz konkret an Ihrer Arbeit während der Trump-Jahre
       verändert? 
       
       Durch den Regierungswechsel in den USA haben die Familien viel mehr Fragen.
       Sie wollen ganz genau wissen, wie so ein Auslandsschuljahr abläuft und
       worauf sie sich einstellen müssen.
       
       Welche Veränderungen für den Schüleraustausch in die USA erwarten Sie durch
       den Regierungswechsel, gesetzt den Fall, dass die Pandemie etwas abklingt? 
       
       Corona hatte auf den Schüleraustausch noch massivere Auswirkungen als die
       Frage, wer in Washington gerade Präsident ist, aber eines ist klar: Die
       Erwartung besteht, dass Biden die Abkapselung vom Rest der Welt zurücknimmt
       und sowohl auf die Amerikaner als auch die transatlantischen Partnerländer
       offener zugeht. Wenn das eintritt, wird das Interesse der Schüler und auch
       der Eltern Richtung USA wieder wachsen. Interview: Franziska Schindler
       
       21 Jan 2021
       
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