# taz.de -- Öffentlicher Streit unter HipHoppern: Komm, grab deinen toten Kumpel aus
       
       > Einst ritualisiert, um Bandenkriege zu zivilisieren, längst sind sie
       > kapitalisiert: aus aktuellem Anlass eine Kulturgeschichte des
       > US-HipHop-Beefs.
       
 (IMG) Bild: Roxanne Shanté, Sängerin des ersten „Diss-Songs“ „Roxannes Revange“
       
       Rapper:Innen wetteifern ständig darum, ihre Musik zu verbessern und Erfolge
       und die Glaubwürdigkeit zu steigern. Es ist alles Teil eines Masterplans
       vom Aufbau und der Verteidigung des eigenen Rufs. Die Konkurrenz
       untereinander ist groß. Ihre Meinungsverschiedenheiten, Beefs genannt,
       entstehen aus gescheiterten Geschäftsbeziehungen, geografischen Allianzen
       oder schlicht Eifersucht.
       
       Wie ritualisiert dieses Messen mit Sprüchen, Drohungen, dem Andeuten von
       subtiler Gewalt und der Möglichkeit einer Eskalation im Zeitalter von
       Social Media und Onlinefernsehen inzwischen geraten ist, zeigte vor wenigen
       Tagen die Sendung „Verzuz TV“, gestreamt von [1][Apple Music,] Instagram
       und Tidal.
       
       Das ursprünglich für DJs gegründete Format ließ am 19. November die
       US-Rapstars Gucci Mane und Young Jeezy gegeneinander antreten wie zwei
       Profiboxer bei einem Titelkampf. Allein bei Instagram folgen diesem
       Spektaktel an die 400.000 Follower.
       
       Was in den frühen 1970ern als Befriedung der Straßenkämpfe zwischen New
       Yorker Gangs in der Bronx diente, fand mit der Zeit seinen Weg zurück zur
       realen Gewalt und ist im Zeitalter von Social Media Teil des
       Vermarktungswahnsinns im Internet geworden.
       
       1971 fand das „Hoe Avenue Peace Meeting“ statt, die mächtigsten Gangs der
       New Yorker Bronx trafen sich, um einen Waffenstillstand auszuhandeln. Die
       Banden tauschten gewalttätige Auseinandersetzungen gegen friedfertige
       Rap-Battles in den New Yorker Parks ein und streuten so die Saat für eine
       HipHop-Bewegung, die über New York hinaus in die ganze Welt expandieren
       würde.
       
       ## Roxannes Rache
       
       In den frühen 1980ern verlagerten sich die Dispute der Rapper von der
       Straße auch auf Tonträger. Es wurden nun sogenannte „Diss-Songs“
       komponiert, Schmählieder, um die Abneigung gegenüber Konkurrenten
       musikalisch wirkmächtig zu untermalen.
       
       Obwohl das Genre, damals wie heute, von Männern dominiert wird, sind die
       Hauptfiguren im ersten großen Rap-Streit zwei Frauen. 1984 veröffentlichte
       das Kollektiv U.T.F.O. den Song „Roxanne, Roxanne“, er wurde zum Radiohit.
       Darauf sagten U.T.F.O. einen Auftritt in einer Radiosendung ab, die von den
       New Yorker Rap-Legenden Mr. Magic, Marley Marl und Tyrone Williams
       moderiert wurde. Ihren Unmut über die Absage äußerte das Trio, indem es die
       14-jährige [2][Rapperin Roxanne Shanté] rekrutierte, um den Diss-Song
       „Roxannes Revenge“ aufzunehmen, als Anspielung auf U.T.F.O.s Hit.
       
       „Roxannes Revenge“ verkaufte allein in New York über 250.000 Exemplare.
       U.T.F.O. engagierte wiederum die Rapperin The Real Roxanne, die ein
       Rachelied aufnahm, das auch erfolgreich war. So wurden die „Roxanne Wars“
       geboren. Andere Künstler:Innen mischten sich ein, es entstanden bis zu 100
       Lieder, bevor die Fehde schließlich nachließ.
       
       ## Mutter aller HipHop-Schlachten
       
       Mitte der 1990er Jahre wurde HipHop zum Big Business, damit eskalierte auch
       erstmals ein Beef zwischen zwei Rappern von der symbolischen Ebene zurück
       zur Gewalt: Der Konflikt zwischen dem [3][kalifornischen Rapper Tupac] und
       seinem New Yorker Konkurrenten The Notorius B.I.G. gilt als Mutter aller
       HipHop-Schlachten.
       
       Es ging um größere Streitigkeiten wie Ostküste versus Westküste und die
       Rivalität zwischen New York und Los Angeles. Neu an diesem Streit waren die
       vielen Ebenen und Plattformen, auf denen er ausgetragen wurde. Es hagelte
       Diss-Songs, gegenseitige Provokationen in den Medien, und es gab handfeste
       Gewalt.
       
       Der Beef im HipHop-Genre erlebte eine krasse neue Qualität, die weit über
       musikalische Anfeindungen hinausging und bis hin zum Mord reichte. Es wurde
       wiederbelebt, was die Bandenchefs in den 1970ern gerade durch friedfertige
       Rap-Battles am Mikrofon verhindern wollten. Der Streit erreichte im
       September 1996 seinen brutalen Höhepunkt, als Tupac aus einem
       vorbeifahrenden Auto in Las Vegas erschossen wurde. Sechs Monate später
       stirbt B.I.G. bei einer Schießerei in Los Angeles. Wie die beiden Taten
       zusammenhängen, ist bis heute nicht richtig aufgeklärt worden.
       
       ## 10.000 Dollar Kopfgeld
       
       Es sollte nicht der letzte Konflikt unter Rappern sein, bei dem Menschen
       ums Leben gekommen sind. Öffentliche Rivalitäten generieren Reichweite, das
       haben neben den Rappern auch Unternehmen und Streamingdienste verstanden.
       Eine Rapper-Fehde die nicht über Social Media ausgetragen wird, ist
       heutzutage unvorstellbar.
       
       Auch das Aufeinandertreffen bei „Verzuz TV“ von Gucci Mane und Young Jeezy,
       die ihr musikalisches Duell auf einer kleinen Bühne ohne Zuschauer
       ausgetragen haben, hat eine Vorgeschichte. Das Zerwürfnis der beiden begann
       bereits 2005 und forderte ebenfalls ein Menschenleben: Damals waren Jeezy
       und Gucci in einen Streit um Rechte für ihren gemeinsamen Song „Icy“
       verwickelt.
       
       Im Zuge dessen setzte Jeezy ein Kopfgeld von 10.000 Dollar auf Gucci Mane
       aus. Woraufhin eine Stripperin Gucci Mane in einen Hinterhalt lockte. Gucci
       konnte sich erfolgreich gegen vier Angreifer wehren und erschoss einen der
       Männer. Die Staatsanwaltschaft war sich sicher, dass er aus Notwehr
       handelte, und sprach ihn frei.
       
       ## Im Wald vergraben
       
       Angeblich soll Gucci Mane die Leiche im Wald vergraben haben, was bis heute
       ein unbestätigter Mythos bleibt, mit dem Gucci Mane weiterhin spielt und
       den er während des Battles auf „Verzuz TV“ aufgriff, als er in Richtung
       Jeezy sagte: „Komm, grab deinen toten Kumpel aus!“ Eine makabre
       Provokation.
       
       Das Event wurde von 1,8 Millionen Zuschauer:Innen gestreamt und erzielte 4
       Millionen Klicks auf Youtube. Gute Werbung für die Künstler, aber auch für
       Apple und die anderen Provider, die einen blutigen Streit als Möglichkeit
       nutzen, um Marketing zu betreiben. Zumal die Black Community seit
       Jahrzehnten unter Bandenkriminalität und bewaffneten Konflikten leidet.
       Ihre Probleme in den USA werden von großen Konzernen instrumentalisiert, um
       Gewinne zu erzielen.
       
       Wenigstens haben Gucci Mane und Young Jeezy ihren Disput, ganz im Sinne des
       Hoe Avenue Peace Meeting, musikalisch geklärt und am Ende des Streams
       Frieden geschlossen. Und die Sessel-Voyeure vor den Bildschirmen hatten das
       nächste heiße Thema, was sie mit ihren „Friends“ teilen konnten.
       
       5 Dec 2020
       
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       ## AUTOREN
       
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