# taz.de -- Neue Tierart in Norddeutschland: Scheu und nachtaktiv
       
       > Der Goldschakal, eine Tierart aus Asien breitet sich in Norddeutschland
       > aus. Welche Folgen das hat, ist noch unklar.
       
 (IMG) Bild: Meidet Menschen: Goldschakal, von einer Wildkamera fotografiert in Bayern im Jahr 2012
       
       Göttingen taz | Er ist nicht der erste tierische Neubürger in
       Norddeutschland, wohl aber einer der zuletzt Eingetroffenen: Nach
       Rückkehrern wie den lange Zeit ausgerotteten Wölfen, Luchsen und Bibern
       sowie eingewanderten oder eingeschleppten Arten wie Waschbär und
       Marderhund, breitet sich jetzt auch der Goldschakal hierzulande aus. In
       Niedersachsen gab es bereits mehrere Nachweise.
       
       Das Raubtier mit dem lateinischen Namen Canis aureus ist vom Aussehen und
       von der Größe her ein Mittelding zwischen Fuchs und Wolf und wird häufig
       mit diesen Arten verwechselt. Goldschakale sind sehr scheu und vor allem in
       der Dämmerung und in der Nacht unterwegs beziehungsweise auf der Jagd. Ihr
       Fell glänzt zwar nicht, wie der Name suggeriert, richtig golden, es
       changiert aber zwischen gelb-grau bis rötlich-braun.
       
       Nach Angaben des Deutschen Jagdverbandes erreichen Goldschakale ein Gewicht
       von 15 Kilogramm, eine Schulterhöhe von bis zu 50 und eine Körperlänge von
       bis zu 90 Zentimetern, dazu kommen nach 20 bis 30 Zentimeter für die Lunte,
       also den Schwanz.
       
       Das Verbreitungsgebiet des Goldschakals erstreckt sich traditionell von
       Südasien über den Nahen Osten bis zur Balkanhalbinsel, allein in Europa
       sollen bis zu 120.000 dieser Tiere leben – rund fünfmal mehr als es Wölfe
       gibt. Seit einigen Jahren tauchen Goldschakale immer häufiger auch in
       mittel- und nordeuropäischen Ländern auf, so in Österreich, der Schweiz,
       Deutschland, den Niederlanden, Dänemark und sogar in Finnland.
       
       ## Genügsamer Allesfresser
       
       In all diesen Ländern hat es nie zuvor Goldschakale gegeben. „Er ist kein
       Rückkehrer, sondern eine völlig neue Tierart“, sagt der deutschlandweit
       wohl renommierteste Schakalexperte Felix Böcker von der forstlichen
       Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg.
       
       Die Gründe für die Ausbreitung sind nicht wirklich bekannt. Die
       Wildbiologin Jennifer Hatlauf, die an einer Wiener Hochschule das Leben der
       Goldschakale erforscht, spricht von einem „Phänomen“. Möglicherweise
       spielten die Klimakrise und speziell die damit einhergehenden wärmeren
       Winter eine Rolle. Auch waren früher die Flächen meist bewaldet und
       flächendeckend durch Wölfe – den einzigen natürlichen Feind der
       Goldschakale – besiedelt. Und bis Mitte des 1950er-Jahre verfolgten
       Menschen viele Raubtiere durch Giftköder, was den Schakal in Griechenland
       nahezu ausrottete.
       
       Der erste von bislang drei Nachweisen in Niedersachsen ist datiert aus dem
       Jahr 2015, damals war im Landkreis Cuxhaven Kot gefunden worden, der
       zweifelsfrei einem Goldschakal zugeordnet werden konnte. 2017 wurde bei
       Osnabrück ein Schakal überfahren. Und Anfang Juni dieses Jahres erwischte
       es einen weiteren Goldschakal bei einem Verkehrsunfall an der
       vielbefahrenen Autobahn A7 nahe des Dreiecks Hannover-Kirchhorst. Der
       Wolfsexperte der Landesjägerschaft Niedersachsen, Raoul Reding, geht davon
       aus, dass inzwischen eine weit größere Anzahl in dem Bundesland in freier
       Wildbahn lebt.
       
       Im Jahr 2016 tappte ein Goldschakal in einem Forst bei Greifswald in
       Mecklenburg-Vorpommern in eine Fotofalle. In Schleswig-Holstein gab es im
       März 2017 einen Goldschakal-Nachweis. Damals war dem Wolfsmanagement des
       Bundeslandes ein möglicher Wolfsriss im Kreis Dithmarschen gemeldet worden.
       Genetische Untersuchungen ergaben aber, dass ein – vermutlich
       durchziehender – Goldschakal der Übeltäter war. Er hatte drei Schafe
       angegriffen und leicht verletzt, jedoch nicht getötet, eines starb
       allerdings später an seinen Verletzungen.
       
       Als Allesfresser und Opportunisten sind die Tiere nicht wählerisch. Auf
       ihrem Speisezettel stehen neben Beeren und Mais, Aas und Schlachtabfällen
       etwa Insekten, Amphibien, Fische sowie auch kleine Säugetiere wie Mäuse.
       Wenn es sein muss, wagen sich Goldschakale auch mal an größere Beutetiere
       heran. Sie können, vor allem wenn sie als Paar oder im Rudel jagen,
       durchaus auch Rehe, Frischlinge und Schafe erlegen. Menschen brauchen keine
       Angst vor Angriffen zu haben, und überhaupt werden nur die wenigsten jemals
       einen der versteckt lebenden Goldschakale zu Gesicht bekommen.
       
       In der Fauna-Flora-Habitat (FFH)-Richtlinie der Europäischen Union wird der
       Goldschakal als Tierart von gemeinschaftlichem Interesse geführt. Das
       heißt, die EU-Mitgliedsstaaten müssen einen günstigen Erhaltungszustand der
       Art gewährleisten, bevor sie Tiere bejagen dürfen. Beim Goldschakal ist
       dieser Zustand für Deutschland allerdings noch nicht definiert. Und –
       obwohl niemand weiß, wie viele Exemplare sich in den Wäldern verstecken –
       schon gar nicht erreicht.
       
       11 Sep 2020
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Reimar Paul
       
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