# taz.de -- Der Fall Jakob Blasel: Bitte auch in die CDU!
       
       > Sollen Fridays-for-Future-Leute in den Bundestag? Unbedingt! Denn in
       > unserer Lage ist eine reine Widerstandshaltung verantwortungslos.
       
 (IMG) Bild: Jakob Blasel (Bildmitte) bei einer Fridays-for-Future-Demonstration in Berlin im März 2019
       
       Die Kandidatur des führenden Klimapolitikaktivisten Jakob Blasel, 19, für
       den Deutschen Bundestag hat auch die handelsüblichen Reflexe hervorgerufen,
       kurzgefasst, aha, jetzt machen Fridays for Future (FFF) also auch brav mit,
       wussten wir's doch, dass die auch Karriere machen wollen. Bockmist. So zu
       reden, das sind die letzten Zuckungen der verkorksten Seite der
       1968-ff.-Kultur. In der Regel vorgebracht von hochgradig schizophrenen oder
       scheinheiligen Leuten, die auf Ästhetik fixiert sind und nicht auf
       Problemlösung.
       
       Die Bundestagskandidaturen des FFF-Initiators [1][Blasel] und anderer sind
       auch in der Bewegung umstritten, aber es ist kein Paradigmenwechsel,
       sondern eine Diversifizierung. Das Reinrufen vom Rand, das Protestieren,
       das Demonstrieren sind zentral, um Themen in die gesellschaftliche und
       politische Mitte zu zwingen, aber dann müssen sie dort institutionell
       bearbeitet werden. Wer die Gesellschaft verändern will, der muss in ihr
       mitmachen. Nicht mitzumachen ist eine Widerstandshaltung, die man den
       Autoritären und den Populisten überlassen sollte, denn sie ist angesichts
       der jetzigen Lage nicht heldenhaft, sondern schlicht und einfach
       verantwortungslos.
       
       ## Keine Zeit für Illusionismus
       
       In der Lage, in der wir sind, ist es essenziell, dass die vor genau zwei
       Jahren entstandenen Fridays for Future ihre Entwicklung wirklich so im
       Zeitraffer vollziehen, wie es jetzt den Anschein hat – und nicht erst mal
       ein paar Jahrzehnte Selbstverwirklichung und Illusionismus betreiben wie
       viele Grüne und ihre Gründungsmilieus, bevor sie sich zur
       Verantwortungsübernahme durchringen.
       
       Im Gegensatz zu der boomergeprägten Grünen-Kultur waren die
       Fridays-Millennials zumindest in der von Greta Thunberg und Luisa Neubauer
       geprägten Außendarstellung immer auf klimapolitischen Change durch
       demokratische Mehrheiten in den parlamentarischen Institutionen
       ausgerichtet. Das Gequatsche vom „System“, das es nicht bringe, kam lange
       vom linken Rand. Das konnte man in der guten alten Zeit auch schön
       daherreden.
       
       Das Problem ist, dass es nun donnernd vom rechten Rand kommt, weil das
       „System“ die liberale Demokratie ist, der zunehmend Leute in den USA,
       Großbritannien, Frankreich, Italien, Polen, Ungarn, Österreich und auch
       Deutschland nichts mehr zutrauen. Die Systemalternative ist also nicht
       links oder rechts, sondern liberale Demokratie oder autoritärer
       Staatskapitalismus/Staatssozialismus wie in China, Russland, Venezuela. Die
       multiplen eskalierenden Krisen potenzieren autoritäre Sehnsüchte, wenn sie
       nicht schleunigst und weit über Umverteilung hinaus politisch bearbeitet
       werden. Das geht nur mit gesellschaftlichen Mehrheiten und neuen
       gesellschaftlichen Bündnissen.
       
       Da ja nun die grünen Bundesvorsitzenden Baerbock und Habeck diese
       verschiedensten gesellschaftlichen Bündnisse hinkriegen wollen, wäre es
       konsequent, den vormaligen FFF-Aktivisten Blasel auf der Landesliste
       Schleswig-Holstein so zu platzieren, dass er in den Bundestag kommen kann.
       Aber das reicht nicht. Es müssen Fridays-Leute in alle demokratischen
       Parteien wechseln. Und das wird schwierig.
       
       Manche dieser Jungen sind von einer bemerkenswerten politischen Reife, wie
       sie manche Boomer nie mehr erreichen werden, aber die Vorstellung, zum
       Zwecke einer flächendeckenden Durchsetzung von Klimapolitik auch in die CDU
       und FDP zu müssen, scheint noch eine kulturelle Herausforderung zu sein. Es
       wird ihnen nichts anderes übrig bleiben. „Keiner darf sich sicher wähnen
       vor Klimaaktivisten“, sagt Luisa Neubauer. „Die Idee ist, dass sie in allen
       Institutionen sind.“
       
       Die Tragödie der Gegenwart besteht darin, dass das nicht längst und
       selbstverständlich der Fall ist.
       
       31 Aug 2020
       
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