# taz.de -- Jasmin Ramadan über Cornern in den 80ern: Stolz auf dem Kantstein
       
       > In den 80er-Jahren traf sich die Hamburger Hip-Hop-Szene zum Cornern an
       > der Binnenalster. Es war wie ein Haus der Jugend ohne Sozialarbeiter.
       
 (IMG) Bild: Jahre nach dem Jungfernstieg kam das Cornern zurück: Szene vor dem „Grünen Jäger“ im Sommer 2015
       
       Hamburg taz | Ein Redakteur rief neulich an, fragte, ob ich Zeit hätte,
       einen Text zum Cornern in Coronazeiten zu schreiben. Ich hatte wegen eines
       Abgabetermins keine Zeit und zudem den Eindruck, ich hätte dem Thema nichts
       Relevantes hinzuzufügen, alles schien mir zu Genüge gesagt und geschrieben.
       
       Außerdem sitze ich schon lange lieber auf einem Restaurantstuhl oder
       Barhocker als auf einem Kantstein. Ich stehe auch nicht mehr gern herum und
       verdrehe mir den Kopf, um zu sehen, ob was Interessantes passiert.
       
       Doch in dem Telefonat erwähnte ich, dass ich früher maßlos cornerte – und
       zwar an Hamburgs Jungfernstieg. Ende der Achtziger hing ich mehrere Tage
       die Woche von früh bis spät in großer Gesellschaft dort herum.
       
       Meine Erinnerungen dazu sind allerdings lästig subjektiv. Ich war furchtbar
       jung und reflektierte Erlebtes selten. Erinnerungen sind immer auch
       Interpretation und sie sind fragmentarisch. Vor allem die an die Jugend.
       
       Ich weiß aber noch genau, dass ich in dieser Zeit wenig las und oft die
       Schule schwänzte, um schon mittags mit dem 102er-Bus von Eimsbüttel in die
       Innenstadt zum Jungfernstieg zu fahren.
       
       Euphorisch positive Erinnerungen habe ich nicht an das Cornern – es war
       einfach ein Treffpunkt –, man fühlte sich nie allein und es wurde nie
       langweilig. Zwei begehrenswerte Zustände in der Jugend.
       
       Eine Freundin spricht immer noch mit Hochachtung von der Klofrau unten am
       Bahnhof Jungfernstieg. Sie sagt, die sei immer für alle da gewesen, habe
       uns umsonst aufs Klo gelassen und sich jedes Problem angehört. Ich erinnere
       mich nicht an diese Heilige, aber wir erinnern uns beide an den warmen
       Alkohol, den wir getrunken haben, wenn die Sonne unterging und manchmal
       auch vorher: Erdbeersekt und Elephant-Bier aus dem Bahnhofskiosk.
       
       Meine Mutter zog mich allein groß, sie arbeitete als Chemielaborantin, war
       abends kaputt und ich war meistens mir selbst überlassen.
       
       Die Leute am Jungfernstieg waren zwischen zwölf und Mitte zwanzig. Als ich
       zum ersten Mal dort war, war es schon ziemlich voll – ich habe also nicht
       mitbekommen, wie sich der Jungfernstieg zu einem Corner entwickelt hatte.
       Es gibt keinen Wikipedia-Eintrag und auch nur ein paar alte Fotos und
       Anekdoten bei Facebook.
       
       Vielleicht hat es mit den Skatern und Bikern angefangen, die den Platz vor
       dem Bootsanleger als Übungsfläche nutzten. Sie waren alle weiß und kamen
       zumindest aus der gehobenen Mittelschicht. Aus Eimsbüttel oder Lokstedt –
       so ein Skateboard oder BMX-Rad war teuer.
       
       Wer sich das nicht leisten konnte, saß auf der breiten Treppe. Der zentral
       gelegene Jungfernstieg-Bahnhof war mit seinen vielen S- und U-Bahn-Linien
       von überall her aus Hamburg gut zu erreichen. Die Leute auf der Treppe, dem
       angrenzenden Bürgersteig oder unten im Bahnhof kamen aus raueren
       Stadtteilen: Steilshoop, Billstedt, Harburg, Wandsbek, Wilhelmsburg, Hamm,
       Veddel, Horn. Es gab damals einen viel variierten Reim und die am
       häufigsten gebrauchte Variante war: Gott schuf im Zorn Steilshoop, Hamm und
       Horn.
       
       Die sehr privilegierten Jugendlichen, die ich über ältere Freunde kannte,
       kamen aus Eppendorf, Winterhude und Harvestehude. Sie waren nie am
       Jungfernstieg, lieber tummelten sie sich in Eppendorfer Bars, feierten in
       geräumigen Altbauwohnungen und tranken gekühlten Weißwein auf 20 qm großen
       Balkonen. Das hatte einen gewissen Reiz, aber es passte nicht zu mir.
       Wohnungen, in denen man Fahrrad fahren konnte, eigene Kanus,
       Freundeskreise, in denen alle blond waren und selbst die Paare aussahen wie
       Geschwister, blieben mir fremd.
       
       Damals kam es mir eine Zeitlang so vor, als gäbe es in Hamburg für junge
       Leute nur zwei soziale Welten und kaum etwas dazwischen. Vielleicht stimmt
       das sogar, es waren die Achtziger.
       
       Am Jungfernstieg-Corner kannte man irgendwann die schönen und traurigen
       Geschichten aller Leute, weil wir einfach stundenlang zusammenhockten und
       quatschten, Jungs und Mädchen gemischt. Sehr viele von uns waren
       Schlüsselkinder, einige waren arm und teilten sich ein Zimmer mit mehreren
       Geschwistern.
       
       Viele schwärmten noch Jahre später, das Jungfernstieg-Corner sei damals ein
       magischer Ort gewesen. Jeder Tag war anders – nie hatte man feste
       Verabredungen oder einen Plan –, der Mikrokosmos war immer in Bewegung.
       
       Oft schlichen wir uns während der Vorstellungen durch die Hinterausgänge
       ins UFA-Kino am Gänsemarkt, nur um das Ende eines Hollywoodfilms zum
       zwanzigsten Mal zu sehen.
       
       Das Jungfernstieg-Corner war kein Ort, an dem sich Leute bloß versammelten,
       um Drogen zu nehmen, rumzuknutschen oder dem Elternhaus zu entkommen. Das
       war es natürlich auch, aber vor allem war es: Hip-Hop und so was wie ein
       selbst organisiertes Haus der Jugend ohne Sozialarbeiter.
       
       Es gab ein paar Leute dazwischen, die schon Mitte zwanzig und erfolgreiche
       Breakdancer oder Sprüher waren. Einige waren in Amerika gewesen und nahmen
       regelmäßig an Wettbewerben teil, was uns beeindruckte und inspirierte. Sie
       zeigten uns, dass man es aus jeder Schicht zu irgendetwas bringen konnte,
       brachten Gettoblaster mit und hatten immer die neuste Rap- und
       Breakdance-Musik auf Kassetten dabei. Wir übten Beat Box, rappen, breaken,
       sprühen, lernten, die Nacht durchzumachen, S-Bahn-Surfen, vor anderen zu
       weinen und zu rauchen, bis uns nicht mehr übel wurde.
       
       Wir ernährten uns meistens nur von Knoblauchbrot aus dem Block House oder
       aus großen Tüten voller Süßigkeiten von Candy & Company im Hanseviertel.
       Das Körpergefühl schlingerte immer irgendwo zwischen Unterzuckerung und
       Zuckerschock.
       
       Das Corner war natürlich auch ein Ort der Eitelkeiten, aber es gab keine
       festen Schablonen, auch Mädchen stylten sich verrückt oder hart und lässig,
       trugen Kangols, fette Turnschuhe und Goldketten.
       
       Freitags gingen wir manchmal so richtig aus in den einzigen Hip-Hop-Klub,
       den es damals in Hamburg gab: ins „Defcon Five“, eine Kellerdisko am
       Spielbudenplatz, wo später jahrelang das „Molotow“ ansässig war.
       
       Das Wort „Corner“ kannte man aus amerikanischen Raptexten. Deutschrap war
       damals undenkbar. Deutsche Kultur galt uns als elitär und uncool, sie
       gehörte den Akademikern und Intellektuellen, die Grenzen waren scharf
       gezogen und keine Einbildung oder nur ein Klischee.
       
       ## Die Spießer meinten es ernst
       
       Wir schreckten nach Meinung einiger Bürger die Touristen ab und hätten
       zudem ein zu großes kriminelles Potenzial – so stand es einmal in einem
       lokalen Zeitungsartikel, der uns sehr amüsierte. Aber die Spießer meinten
       es ernst. Die Polizei zeigte zunehmend Präsenz und kontrollierte
       Personalien. Es gab wohl ständig Beschwerden über die vielen verschiedenen
       Ausländer, das Kiffen und die basslastige Musik.
       
       Unser kriminelles Potenzial war ziemlich harmlos: Wir Mädchen gingen
       zusammen auf Klautouren, schnitten Sicherungen aus Levis-Jeans und zogen
       dann so viele wie möglich übereinander. Wenn wir zurück ans Corner kamen,
       verteilten wir die Beute an alle. Außer teuren Klamotten klauten wir
       Marker, die großen Eddings, mit denen man taggen konnte – die selbst
       gewählte Signatur als Spur in der Öffentlichkeit. Ich nannte mich „Slave“
       und fand das politisch.
       
       Viele von uns sahen aus, als kämen sie von weit her. Bei einigen stimmte
       es.
       
       Vor allem aus Ghana oder von den Philippinen. Wir Pseudo-Ausländer aus
       Hamburg hatten Eltern aus der Türkei, Albanien, Polen, Italien,
       Griechenland, waren Jugos oder Mischlinge, so wie ich. Damals war das noch
       exotisch und stolz erzählten wir uns, was wir halb waren und einige nannten
       sich mit Hamburger Arroganz ein Halbblut.
       
       ## Ständige Präsenz der Polizei
       
       Bemerkenswert war, dass die ständige Präsenz der Polizei die Stimmung und
       den Ruf des Jungfernstieg-Corners weitreichend verschlechterte und so bald
       die wirklich bösen Jungs anzog. Jungs, die gerade noch niedlich gewesen
       waren und denen zu Hause Härteres passiert war, als zu viel allein zu sein.
       Jungs, die nichts dringender im Sinn hatten, als sich stark und überlegen
       zu fühlen und die das Corner bald als ihr Territorium verstanden.
       
       Am Anfang akzeptierten sie das Corner noch als heiligen Ort und zogen mit
       Edelmut los, um in Niendorf Glatzen zu verprügeln.
       
       Dann wurden sie bequem und wahllos, stiegen um auf Gewalt ohne Message und
       lauerten am Corner auf schwache Einzelgänger, um sie zu verprügeln. Einige
       Mädchen taten es ihnen gleich. Ein paar besonders schöne,
       unterprivilegierte Jungs machten sich die Gewalt zur Einnahmequelle, sie
       spezialisierten sich auf reiche Homosexuelle, die in der Hamburger
       Innenstadt flanierten und shoppten. Zum Schein baggerten sie sie an,
       raubten sie später in einem Park aus und prahlten dann am Corner lauthals
       damit.
       
       Und plötzlich hatte die Polizei recht.
       
       Es war vorbei.
       
       ## Kein Bock auf kaputte Arschlöcher
       
       Dabei hatten die allermeisten keinen Bock auf die kaputten Arschlöcher, die
       anfingen, die Szene zu dominieren. Nachdem meine Rap Formation „Da Criminal
       Sistas“ bei einem Auftritt in der Markthalle aggressiv von ihnen beschimpft
       wurde – wir hätten bloß den Mösenbonus –, hatte ich endgültig genug.
       
       Die alte Kerntruppe blieb weg, es gab ein paar Verhaftungen und die
       Touristen hatten den Jungfernstieg wieder für sich. Die Hip-Hop-Szene
       verschwand aus der mondänen Innenstadt und zersplitterte auf viele
       Stadtteile.
       
       Ab 1990 gab es eine kleine Fortsetzung auf dem Gänsemarkt, einige meiner
       jüngeren Freundinnen waren dabei.
       
       Dort gab es von Anfang an oft Gerüchte, es kämen 200 Glatzen, um
       aufzuräumen, und die WTBs – die Wilhelmsburger Türkenboys – kämen zur
       Unterstützung vorbei. Es kamen nie 200 Glatzen, die Nazis haben sich nicht
       getraut oder die Gerüchte wurden gezielt gestreut, um Unruhe reinzubringen
       und das neue Corner schnell wieder loszuwerden.
       
       Manchmal seh’ ich die Leute von früher bei Social Media. Die meisten machen
       was Bodenständiges, andere schlagen sich als Künstler durch. Einige sind
       tot, andere sprühen noch immer, manche verdienen damit Geld und die besten
       Breakdancer unterrichten Kinder aus besseren Stadtteilen. Aus den
       talentierten Rappern wurde nie was Großes. Richtig Geld verdient wurde erst
       später mit Deutschrap.
       
       Manchmal treffe ich jemanden vom Jungfernstieg-Corner auf der Straße und
       wir rufen einander zu: Man sieht sich. So wie früher, als es stimmte.
       
       31 Aug 2020
       
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