# taz.de -- Friedrichstraße wird Flaniermeile: Flanieren für mehr Umsatz
       
       > Ab Samstag wird ein Teil der Friedrichstraße in Mitte bis Ende Januar
       > autofrei. Das soll vor allem den Handel unterstützen und den Konsum
       > ankurbeln.
       
 (IMG) Bild: So schön soll's werden inmitten der Stadt: Protestaktion für eine autofreie Friedrichstraße 2019
       
       Maximal 20 Kilometer pro Stunde weist das Verkehrsschild als zulässige
       Höchstgeschwindigkeit an der Kreuzung der Friedrich- mit der Französischen
       Straße aus, das seit einer Woche dort steht – und die Ansage richtet sich
       nicht etwa an AutofahrerInnen, die müssen sich nämlich schon seit
       vergangenen Freitag entscheiden, ob sie an dieser Stelle jetzt entweder
       rechts oder links abbiegen wollen.
       
       Nein, die FahrradfahrerInnen werden gebeten, doch bitte nicht voll in die
       Pedale zu treten – jetzt, wo das Nadelöhr Friedrichstraße, durch das man
       sich zuvor gemeinsam mit FußgängerInnen, Autos, Lkws und Bussen quetschen
       musste, bis runter zur Kreuzung mit der Leipziger Straße keins mehr ist.
       
       Tatsächlich klappt die Ansage nur so mäßig, wie die radelnde Autorin eine
       Woche lang auf dem Arbeitsweg beobachten durfte: Was da seit Tagen für die
       offizielle Eröffnung am Samstag vorbereitet wird, ist eher eine Art
       Fahrradautobahn als eine Flaniermeile, wie der Abschnitt der Straße jetzt
       offiziell und erst mal bis Ende Januar 2021 heißen soll, eben wegen des
       Autoverbots.
       
       FußgängerInnen sollen also schlendern und RadfahrerInnen cruisen dürfen, so
       die Idee der Verkehrsverwaltung und des Bezirks Mitte: auf eigens dafür
       abgeklebten breiten Radstreifen an den Seiten und auf der breiten Gasse für
       die Fußgänger in der Mitte der Straße. Und natürlich sollen alle am besten
       auch noch irgendwo einen Kaffee trinken oder einen Kochtopf kaufen in einem
       der hochpreisigen Küchengeschäfte. Vielleicht braucht auch jemand noch ein
       Designerkleid oder ein paar neue Schuhe?
       
       Es gehe darum, „den Straßenraum neu zu verteilen“, hatte Verkehrssenatorin
       Regine Günther (Grüne) im Vorfeld gesagt. Auch Mittes ebenfalls grüner
       Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel gab zu Protokoll, er glaube an die
       Zukunft von Einkaufsstraßen und speziell an die „Marke“ Friedrichstraße.
       
       Und eigentlich geht es natürlich auch genau darum: der Problemstraße
       Friedrichstraße neues Leben einzuhauchen. Beziehungsweise sollen die Leute
       hier endlich wieder ihre Kohle ausgeben. Zuletzt hatten Geschäfte hier eher
       dichtgemacht, gerade in den Einkaufspassagen wie im insolventen Quartier
       206 wuchs der Leerstand. Nicht mal für den Klamottendiscounter H&M war die
       vor allem von TouristInnen frequentierte Straße offenbar noch rentabel
       genug.
       
       Interessant an dem ganzen Zirkus um die paar Hundert Meter Flaniermeile,
       die da kommen, ist also vor allem die Tatsache, dass da viel Aufwand
       getrieben wird für Umsatzsteigerungen des Einzelhandels, an den die
       HändlerInnen aber selbst nicht recht glauben. Die IHK Berlin und der
       Handelsverband Berlin-Brandenburg sprechen jedenfalls von einem
       planerischen „Schnellschuss“ und einem „Bärendienst“ für den Handel.
       
       Anderswo in der Stadt wären viele Menschen hingegen wohl froh, wenn mit
       gleicher Verve von Senats- und Bezirksseite die Umverteilung des
       Straßenraums angegangen werden würde – und zwar dort, wo tatsächlich an
       Durchfahrtsstraßen gewohnt wird oder wo Kinder sich den Straßenraum mit
       einem Fußball schon zu nehmen wüssten.
       
       In der [1][Körtestraße in Friedrichshain-Kreuzberg] hat so ein
       Durchfahrtsverbot für Autos tatsächlich erstaunlich schnell innerhalb
       weniger Monate geklappt. Anderswo in der Stadt brauchen
       [2][Bürgerinitiativen für sogenannte Kiezblocks] dafür Jahre oder scheitern
       ganz – wie zum Beispiel am zähen Hin und Her um die Gudvanger Straße in
       Prenzlauer Berg, die eine Initiative einmal pro Woche nachmittags zur
       temporären Spielstraße machen wollte. AnwohnerInnen klagten allerdings
       erfolgreich zugunsten ihrer Parkplätze, am Ende blieb ein
       Mittwochnachmittag im Monat übrig.
       
       So etwas gibt es übrigens auch [3][sonntags in der Friedrichstraße], ganz
       an deren Kreuzberger Ende am Mehringplatz. Da also, wo die Friedrichstraße
       ohnehin nie mehr sein wollte, als sie ist – weshalb man dort auch viel
       lieber langflaniert.
       
       28 Aug 2020
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Kreuzberg-sperrt-Strasse-fuer-Autos/!5704341&s=k%C3%B6rtestra%C3%9Fe/
 (DIR) [2] /Kiezblock-kommt-in-Reinickendorf/!5695391&s=kiezblock/
 (DIR) [3] /Neue-Spielstrassen-in-Berlin/!5681610/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anna Klöpper
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Friedrichstraße
 (DIR) R2G Berlin
 (DIR) Verkehrspolitik
 (DIR) Regine Günther
 (DIR) Kiezblock
 (DIR) Berlin autofrei
 (DIR) Verkehrswende
 (DIR) Friedrichstraße
 (DIR) Schwerpunkt Radfahren in Berlin
 (DIR) Grüne Berlin
 (DIR) Friedrichstraße
 (DIR) Verkehrspolitik
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Friedrichstraße bleibt autofrei: Wer will hier schon flanieren?
       
       Die Friedrichstraße bleibt in der Mitte autofrei. Das ist nicht schlecht.
       Aber richtig durchdacht ist es auch nicht.
       
 (DIR) Verkehrswende mit Kiezblock: Kein Durchkommen
       
       Schlupflöcher sperren, Schleichwege unterbinden: Gut platzierte Poller wie
       der am Neuköllner Richardplatz können für Verkehrsberuhigung sorgen.
       
 (DIR) Volksentscheid „Autofrei“ in Berlin: Mehr radikal als realistisch
       
       Eine Initiative will Berlin per Entscheid „autofrei“ machen. Das leuchtet
       auf den ersten Blick ein. Auf den zweiten ist es komplizierter als gedacht.
       
 (DIR) Volksentscheid Berlin autofrei: Die Auto-Korrektur
       
       Der Volksentscheid Berlin autofrei will die Innenstadt von Autos befreien.
       Vorgesehen sind Ausnahmeregelungen und eine lange Übergangszeit.
       
 (DIR) Verkehrsversuch auf der Friedrichstraße: Flanieren mit kleinen Hindernissen
       
       Auf der Friedrichstraße erproben Senat und Bezirksamt die neue
       Autofreiheit. Fragt sich, wie gut Schlendern und zügiges Radfahren so
       zusammenpassen.
       
 (DIR) Verkehrswende in Berlin: Ein Stoppschild für die Autonation
       
       In Berlin wird die Friedrichstraße zur Fußgängerzone mit Radweg. Ein
       Modellversuch auf 500 Metern, aber mit Bedeutung weit über die Stadt
       hinaus.
       
 (DIR) Bilanz der Verkehrspolitik in Berlin: Ein Puzzle, dem viele Teile fehlen
       
       Ein Jahr vor der nächsten Wahl wirkt die Politik der grünen
       Verkehrsenatorin Regine Günther zu oft noch wie Stückwerk.
       
 (DIR) Berliner Friedrichstraße autofrei: Auch Räder müssen langsam machen
       
       Die „Flaniermeile Friedrichstraße“ startet jetzt am 29. August.
       Verkehrssenatorin Günther verteidigte das Experiment im Abgeordnetenhaus
       gegen Kritik.
       
 (DIR) Shoppingmeile wird Fußgängerzone: Versuch’s mal ohne Pkw
       
       Die autofreie Friedrichstraße startet wohl am 17. August. Der Bezirk Mitte
       erwartet kein erhöhtes Verkehrsaufkommen in den umliegenden Straßen.