# taz.de -- Brief der Landwirtschaftsministerin: Kirchlicher Beistand erwünscht
       
       > Julia Klöckner fordert von Bischöfen mehr Unterstützung für Bauern – denn
       > die hätten 2019 weniger gespritzt. Doch das hat wenig mit ihrer Politik
       > zu tun.
       
 (IMG) Bild: Wirbt für Wertschätzung: Julia Klöckner bei einem Hofbesuch im Jahr 2018
       
       Es klingt nach einer Wende. „Wir müssen auch den Blick lenken auf die
       positiven Entwicklungen. Im Jahr 2019 hat der Absatz von
       Pflanzenschutzmittelwirkstoffen in der Landwirtschaft den drittniedrigsten
       Wert seit 1977 erreicht.“ An diesem Mittwoch wird CDU-Bundesagrarministerin
       Julia Klöckner vor die Presse treten und erklären, wie viele Pestizide die
       deutschen Landwirte im vergangenen Jahr gekauft haben. Ihre Botschaft hat
       sie mit dem Satz in einem offenen Brief vorweggenommen. Dieser zeigt, wie
       Klöckner Agrarpolitik versteht.
       
       Sie schreibt den Brief – vier Seiten, Anrede „Sehr geehrte Exzellenzen“ –
       an drei niedersächsische Bischöfe, macht klar, was sie von Bauern hält:
       viel. Und was von Städtern oder Nichtlandwirten, die sich in die große
       gesellschaftlichen Debatte zur Zukunft der Landwirtschaft einschalten:
       wenig.
       
       Hintergrund des Briefs ist, dass Umweltschützer in Niedersachsen, dem
       Agrarland schlechthin, derzeit Unterschriften sammeln – für das
       [1][Volksbegehren „Artenvielfalt. Jetzt!“]. „Vom Harz bis an die Küste, von
       der Ems bis zur Elbe sind Lebensräume und Arten in ihren Vorkommen
       gefährdet“, schreiben die Initiatoren vom Naturschutzbund Niedersachsen.
       Jeden Tag würden Flächen zugebaut, asphaltiert und betoniert. Das sei ein
       Grund. Der andere: die Intensivlandwirtschaft. An ihren Infoständen habe es
       Übergriffe von Bauern gegeben, beklagen die Naturschützer, Bauernvertreter
       weisen das zurück. Die Stimmung: gereizt.
       
       Mitte Juli dankten dann der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode, der
       Hildesheimer Heiner Wilmer und der Weihbischof Wilfried Theising aus Vechta
       via offenem Brief den Bauern „von Herzen“ für ihre Arbeit. Zwei von ihnen
       sind selbst auf Bauernhöfen aufgewachsen, der eine im Emsland, der andere
       im Münsterland. Der dritte kommt aus einem Dorf bei Paderborn.
       
       ## Ist das eine Wende?
       
       Die drei erklären: „Extreme Wetterlagen nehmen zu. Zudem erhöhen politische
       Entscheidungen der letzten Monate bei vielen Landwirten ihre
       Existenzsorgen. Sie zeigen das insbesondere durch [2][Demonstrationen],
       Mahnfeuer und das Aufstellen der grünen Kreuze, aber auch in vielen
       Diskussionen mit politisch Verantwortlichen und in unterschiedlichen
       Medien. Wir begrüßen Ihr gesellschaftliches Engagement.“ Und sie enden:
       „Seien Sie sicher: Diesen Zukunftsdialog führen wir auf positiv kritische
       Weise an der Seite der Landwirt*innen, also an Ihrer Seite.“
       
       Für diesen Brief, so schreibt Klöckner den Bischöfen zurück, „danke ich
       Ihnen!“. Und weiter: „Gute Ratschläge bekommen Bauern viele, aus dem
       städtischen Milieu, von Nicht-Landwirten und Nicht-Praktikern“. Bei vielen
       Bauern gehe es aber „schlichtweg um die Existenz“. Und ja, schreibt sie:
       „Wir müssen noch nachhaltiger-, klima- und tierwohlgerechter werden“ –
       bevor das „Aber“ folgt und der Hinweis, dass seit Ende der siebziger Jahre
       selten so [3][wenige Pestizide] verkauft wurden wie zuletzt. Nur: Ist das
       eine Wende?
       
       Ein Blick in den Jahresbericht des Industrieverbandes Agrar – darin sitzt
       die deutsche Pflanzenschutz- und Düngemittelindustrie. Im Kapitel „Der
       Pflanzenschutzmarkt 2019, Nettoinlandsumsatz im freien Fall“ steht, dass
       dieser Umsatz 2019 rund 1,19 Milliarden Euro betrug – fast 7 Prozent
       weniger als im Jahr zuvor. Wer dann weiterliest, versteht allerdings: Das
       lag vor allem an der Trockenheit.
       
       Sonst werden Getreide, Obst und Wein mit Fungiziden gespritzt, damit sich
       etwa kein Mehltau breitmachen kann. Bei Dürre ist das nicht so nötig. Auch
       Unkraut sprießt weniger, wenn es trocken ist. Das mindert den
       Herbizideinsatz. Anti-Schnecken-Mittel verkauften sich auch schlechter.
       
       ## Greenpeace sieht kein Umdenken
       
       Mit Umdenken, mit einer neuen Agrarpolitik, mit Ministerin Klöckner habe
       das Minus bei der Agrarchemie nichts zu tun, sagt Martin Hofstetter,
       Landwirtschaftsexperte bei Greenpeace. Es gebe keinen neuen Trend zu
       weniger Agrarchemie, auch kein großes Plus an Ökoflächen. Bauern säten auch
       nach wie vor nur selten unterschiedliche Pflanzen auf ihren Feldern, um es
       Schädlingen schwer zu machen.
       
       Stattdessen dominierten bei konventionellen Landwirten vor allem
       ertragreicher Mais und Getreide – aus ökonomischen Gründen. Wer das ändern
       wolle, müsse jene besser stellen, die den Einsatz von Pestiziden mindern,
       und die milliardenschweren EU-Subventionen für Landwirte entsprechend neu
       verteilen.
       
       Klöckner bedauerte in ihrem Brief indes, dass nicht alle Kirchenvertreter
       ähnlich freundliche Töne anschlagen wie die drei niedersächsischen
       Bischöfe. Die Ministerin schreibt: „Nicht selten bekommen
       Landwirtsfamilien, deren Ansinnen es ebenfalls ist, die Schöpfung zu
       bewahren, von kirchlichen Gruppierungen schnell gemachte Forderungen ’vorm
       Hoftor abgeladen'.“
       
       11 Aug 2020
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.artenvielfalt-niedersachsen.jetzt/
 (DIR) [2] /Bauernbewegung-in-Niedersachsen/!5667204
 (DIR) [3] /Entwurf-fuer-Insektenschutzgesetz/!5700228
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Hanna Gersmann
       
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