# taz.de -- Osteuropa-Expertin über Wahl in Belarus: „Es wird viele Opfer geben“
       
       > Die frühere grüne Bundestagsabgeordnete und Osteuropa-Expertin Marieluise
       > Beck fordert eine Unterstützung der Zivilgesellschaft in Belarus.
       
 (IMG) Bild: Anhänger:innen der Präsidentschaftskandidatin Swetlana Tichanowskaja am 6. August in Minsk
       
       taz: Frau Beck, laut vorläufigen Ergebnissen soll der belarussische
       Staatspräsident Alexander Lukaschenko am Sonntag rund 80 Prozent der
       Stimmen bekommen haben. Mal wieder [1][ein eleganter Sieg], oder? 
       
       Marieluise Beck: Ich frage mich, ob es wirklich nur 80 Prozent oder nicht
       doch eher 120 Prozent waren, die dafür gestimmt haben, dass der weise
       [2][Autokrat Lukaschenko] an der Macht bleibt.
       
       Jetzt mal im Ernst: Was hat sich in der belarussischen Gesellschaft
       verändert? 
       
       Seit einiger Zeit sind vor allem kulturelle Veränderungen feststellbar. Ich
       meine damit vor allem die junge Generation. Das sind gut ausgebildete
       Leute, seien es Künstler, Journalisten, Wissenschaftler und Beschäftigte im
       IT-Bereich. Sie haben die gesellschaftlichen Spielräume angefangen für sich
       zu nutzen, ohne dabei ideologisch verbissen zu sein. Gleichzeitig haben sie
       ziemlich genau gewusst, wo ihre Grenzen sind. Und noch etwas kommt hinzu:
       Sie hatten viel weniger Illusionen über den Westen als die Ukrainer.
       
       Offensichtlich reizen viele von ihnen jetzt diese Grenzen aus … 
       
       Das hat vor allem mit den drei Frauen zu tun, die sich an die Spitze der
       Opposition gesetzt haben. Sie haben das bisherige Spiel gehörig
       durcheinandergebracht. Hinzu kamen die schlechte Wirtschaftslage und ein
       skandalöses Management der Coronapandemie, was den Menschen die Augen
       geöffnet hat. Lukaschenko war klar, dass er dieses Mal die Wahl maximal
       fälschen musste, zumal ja auch in den Regionen viele Menschen auf die
       Straße gegangen sind.
       
       Für heute sind bereits weitere [3][Proteste der Opposition] angekündigt.
       Mit welcher Entwicklung rechnen Sie? 
       
       Ich sehe das mit großer Sorge. Das Militär ist bereits in Marsch gesetzt
       worden. Lukaschenko wird keine Scham haben, maximale Gewalt und
       Repressionen gegen die Demonstranten anwenden zu lassen. Es gibt noch ein
       weiteres Dilemma. Viele sind in Staatsbetrieben beschäftigt. Ich fürchte,
       es wird viele Opfer geben, und damit meine ich nicht nur Tote und
       Verletzte.
       
       Russlands Präsident Putin hat Lukaschenko schon zum Sieg gratuliert. Wie
       könnte der Kreml jetzt reagieren? 
       
       Putin kann sich von Moskau aus ganz gelassen das weitere Schicksal eines
       faktisch geschwächten Lukaschenko angucken. Er hat mehrere Optionen. Eine
       davon ist, die letzten drei offenen Kapitel des Unionsvertrages (Abkommen
       zwischen Russland und Belarus von 1999, das unter anderem gemeinsame
       Institutionen vorsieht; d. Red.) zu Ende zu verhandeln und den Vertrag dann
       durchzusetzen.
       
       Die Bundesregierung hat große Zweifel an dem Wahlergebnis geäußert. Die EU
       kritisiert den Einsatz von Gewalt als unverhältnismäßig. Welche Reaktionen
       sind denn von westlicher Seite zu erwarten? 
       
       Der EU-Außenbeauftragte Josef Borrell hat Lukaschenko zur Einhaltung fairer
       Spielregeln bei der Wahl aufgerufen. Jetzt warnen die Europäer vor dem
       Einsatz von Gewalt. Das klingt so, als könne man Lukaschenko mit
       Ermahnungen beeindrucken. Aber natürlich steht die EU auch vor einem
       Dilemma. Denn jede harte Sanktion könnte Lukaschenko wie auch die
       Bevölkerung vollends in Russlands Arme treiben.
       
       Deshalb muss es unsere Aufgabe sein, die belarussische Zivilgesellschaft zu
       unterstützen. Durch Austauschprogramme, Stipendien und die Möglichkeit für
       junge Leute zu reisen, auch wenn sie nur wenig Mittel haben. Unsere Türen
       für die Bevölkerung offen halten, das ist das Wichtigste, was wir tun
       können. Moskau sollte signalisiert werden, dass eine Intervention in
       Belarus nicht achselzuckend hingenommen wird.
       
       11 Aug 2020
       
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