# taz.de -- Nachlese zu den Stuttgarter Krawallen: Shopping on the wild side
       
       > Auch bei der Protestkultur gibt es eine Umverteilung von unten nach oben.
       > Und die grünen Spitzenpolitiker haben ihre eigene Geschichte vergessen.
       
 (IMG) Bild: Schlimm. Schlimm-schlimm: einhellige Verurteilung der Stuttgarter Krawalle im Juni
       
       Als ich Mitte der 90er Jahre das erste Mal längere Zeit in Stuttgart war,
       ist mir beim Joggen in den akkurat gepflegten Waldgebieten der Umgebung ein
       Phänomen aufgefallen, dessen Eigenart unterdessen kein Erstaunen mehr
       hervorruft. Ein Mann zwischen dreißig und vierzig, eine Frau ähnlichen
       Alters oder, nicht selten, ein Paar schiebt beim Feierabendlauf einen
       leichtgängigen Wagen, in dem ein Kind schläft, auf dem asphaltierten
       Waldweg vor sich her. Praktisch.
       
       Mir kam es damals indes vor, als sollte mit der Maßnahme – Nachwuchs beim
       Joggen prächtig aufgehoben, zudem schlafend, weil bewegt – noch der
       allerletzte Timeslot effektiv ausgequetscht werden. Auch heute ist das
       Verfahren, das längst bis in den letzten Winkel der Republik exportiert
       worden ist, für mich ein Sinnbild für eine Art zu leben, die ich als
       „Stuttgarter Modell“ bezeichnen möchte: Aktivität bis zur Nachtruhe,
       multifunktional und äußerst effizient organisiert.
       
       Ich will das nicht schlecht reden: Wenn die Arbeit okay ist und die Familie
       sich heimelig anfühlt – bingo. Nicht wenige sind dort angekommen und fühlen
       sich wohl. Sie bilden das Rückgrat der Gesellschaft – na ja, einen Teil
       davon, darauf werde ich noch kommen.
       
       Die Partyszene am Schloss und in dessen näherer Umgebung – ob gebürtig in
       Backnang oder Aleppo oder vielleicht in Split, in Dschalalabad – hat das
       „Stuttgarter Modell“ weder verinnerlicht noch bisher überhaupt begriffen.
       Die Anmutung des Bildes: Arbeit im Büro, Häuschen, Familie & gemeinsames
       Joggen am Bärensee, empfinden viele derer, die am warmen Wochenende die
       Zeit auf dem Schlossplatz totschlagen, entweder als unerreichbar oder –
       noch – als Zumutung.
       
       Für die Abkürzung zum neuesten Handy, zur coolen Turnschuh-Kollektion sind
       sie hingegen häufig durchaus offen.
       
       Womit wir bei der [1][Nacht der Scherben] wären.
       
       ## Schlimm! Schlimm-schlimm!
       
       Die Würdigung des Krawalls in – ausgerechnet! – der schwäbische Metropole
       war einhellig: Schlimm. Schlimm-schlimm. Und noch viel schlimmer. Zum
       Verwechseln ähnlich dem medialen Reflex auf die eine oder andere Randale,
       das eine oder andere vergleichbare Ereignis während der mittlerweile
       offenbar recht fernen 60er, 70er und 80er Jahre.
       
       Auch die hohen Herren der Regierungen von Land und Stadt machten da keine
       Ausnahme, obwohl doch gerade die Grüne Partei, die demnächst mit [2][Horst
       Seehofers CSU] koalieren möchte, wie sonst wohl keine in der Republik aus
       der Krawallkultur quasi geboren wurde.
       
       Sowohl [3][Herr Kretschmann] (ehemals: Kommunistischer Bund
       Westdeutschland, KBW) als auch Fritz Kuhn haben ein Alter, das es ihnen
       ermöglichen sollte, sich an derlei Geschehen zu erinnern.
       
       ## Herr Kuhn und Herr Kretschmann
       
       Gut, Fritz Kuhn, schon neoliberal angehaucht, als das Wort noch nicht
       erfunden war. Gut, der Herr Kretschmann: pastoraler Gestus, der jeden
       Pastor vor Neid erblassen lässt. Gut, Grüne Partei: heute der Hort von
       international agierenden Unternehmensberatern (die eine „exklusive
       Partnerschaft mit der Albright Stonebridge Group in Washington, D. C.“
       unterhalten) oder nicht sonderlich erfolgreichen Kinderbuchautoren (die
       lieber Kanzler werden wollen) – dennoch: „Nulltarif / Nulltarif / sonst
       biegen wir die Schienen schief“, so der hübsche Slogan unter anderem des
       KBW in Heidelberg, entsprechend wurde verfahren.
       
       Oder, zum Beispiel, die Schlacht um den Bauplatz von Grohnde, 1977, oder
       die illegalen 100.000, die sich Ende Februar 1981 auf den Weg nach Brokdorf
       machten und erst durch den massiven Einsatz von Tränengas, das aus
       Hubschraubern verschossen wurde, vom Zaun des AKW abgedrängt werden konnten
       – die eine oder andere maoistische Vorfeldorganisation der Grünen Partei
       hatte ihre Finger mit Gewissheit in nicht geringem Umfang immer mit im
       Spiel.
       
       Alte Zeiten, zugegeben.
       
       Trotzdem kann ein bisschen Geschichtsbewusstsein oder Erinnerungsvermögen
       hilfreich zur Beurteilung bestimmter Phänomene sein.
       
       ## „Hier ging es sehr stark ab“
       
       Ein Krawall wie der Stuttgarter wird nicht nur durch diejenigen ermöglicht,
       die zur Aktion schreiten, sondern vor allem auch durch die, die mitlaufen,
       die dabei bleiben, die die Angelegenheit, und sei es durch bloße
       Anwesenheit, befeuern.
       
       Aufschlussreich in dem Zusammenhang [4][der kaum volljährige Jüngling] mit
       blond-modischer Frisur, der sich in der 20-Uhr-„Tagesschau“ vom 21. Juni
       äußern darf, später aber aus dem Video entfernt worden ist, und mit einer
       Stimme, der man noch die Verblüffung anhört und das Wissen, vorsichtig in
       der Wortwahl sein zu müssen, die jedoch von keinerlei Distanzierung gefärbt
       ist, die wenigen Worte äußert: „Hier in Stuttgart … ging es sehr stark ab.“
       Im Hintergrund lächelt ein Mädchen.
       
       Bei der Einordnung der Ereignisse wurde zunächst auf drei Aspekte
       abgestellt: kein politisches Motiv; Hälfte der Verhafteten ohne deutschen
       Pass; Testosteron.
       
       ## Hinweis auf Testosteron
       
       Dass die Hälfte der Festgenommen nicht den fraglichen Pass besitzt, lässt
       keinen Rückschluss auf die Gemengelage zu. Ob es stimmt, dass [5][kein
       Motiv mit Gehalt] vorliegt, möchte ich untersuchen. Der Hinweis aufs
       Testosteron – oft bemüht, stets debil – hat etwa die Qualität der
       Feststellung, dass beim Rumor nahezu alle Beteiligten über zwei Beine
       verfügen.
       
       Mit Gewissheit werden bei jedem Aufruhr, selbst bei den auch in Württemberg
       gern gefeierten Erhebungen der Bauernhaufen um 1525, junge Männer eine
       Rolle gespielt haben – Frauen oft eher indirekt. Testosteron und Alkohol,
       ach so.
       
       Plötzlich jedenfalls wird etwas sichtbar (aufgepasst, PR-Strategen:
       Sichtbarkeit, ein Begriff der aktuell unheimlich Konjunktur hat!), dessen
       Existenz vorher gar nicht in Erwägung gezogen wurde. Kritik, nein, sogar
       Empörung, das zielte doch auf: richtiges Reden, richtiges Schreiben,
       richtiges Essen und richtigen Tonfall, Haut (und deren Pigmentierung),
       [6][die eine oder andere Großbaustelle].
       
       ## Protestkultur der Bessergestellten
       
       Wenn man ganz vorn dabei sein wollte, wedelte man auf der Demo (jetzt im
       Stream – wow!) mit einer goldenen Rettungsdecke (um im Jargon zu bleiben:
       Wie ungemein peinlich ist das denn?) oder folgte einem medial
       Eins-a-inszenierten Hobbit aus Schweden.
       
       Längst okkupiert von einer Schicht der tatsächlich (manchmal nur:
       vermeintlich) Bessergestellten, hat auch die Protestkultur eine rapide
       Umverteilung von unten nach oben erfahren: Quoten bis in die
       Vorstandsetagen, herrschaftsfreie Diskursgesänge, Gender und Sternchen in
       möglichst jeder Akademie, und nicht zu vergessen: satt
       Suppenküchensolidarität auf sämtlichen Ebenen, für das reine Gewissen oder
       das gute Gefühl.
       
       Und plötzlich tauchen da Leute auf, die machen Fensterscheiben kaputt,
       beulen sich mit der Polizei – in Schwaben, in Stuttgart: Fuck you, was soll
       das?
       
       ## Risse durch die Gesellschaft
       
       Wenn man an den Wochenenden vor der Scherbennacht durch die Partyecke
       Stuttgarts schlenderte, war eine zunehmende Anspannung mit den Händen zu
       greifen. Es war warm geworden. Die Abschottung wegen Corona hatte die Jungs
       und Mädels, die rings um den Schlossplatz abhingen, langsam kribbelig
       werden lassen. Blöd bloß, das die sinnentleerten Surrogatfunktionen
       „Stadion“ und „Club“ weiterhin geschlossen waren. Die Überdruckventile für
       Freitag-Samstag-Sonntag blieben leider zu.
       
       Einer der, vielleicht wesentlichen, Risse durch die Gesellschaft besteht
       zwischen denen, die nicht nur im „Modell Stuttgart“ angekommen sind,
       sondern in ihrer Tätigkeit zudem einen Sinn sehen (firmiert dann in der
       Regel unter dem, etwas albernen, Begriff der Selbstverwirklichung), und
       denen, die, wenn überhaupt, arbeiten, um ihren Lebensbedarf zu decken und:
       um zu konsumieren.
       
       Für die Plebejer aller Schattierungen, denen der herrschende Zustand vor
       allem Zumutung ist, heißt der Job: knechten & shoppen – knechten, um zu
       shoppen.
       
       ## Die Maschine muss laufen
       
       Allein die Bezeichnung „Shoppen“, das dekadente Defilieren durch zumeist
       zweckfreie Warenbestände sowie deren Erwerb, ist derart aberwitzig, um
       nicht zu sagen: voll pervers, dass jedem, der es in den Mund nimmt, die
       Spucke zu Trockeneis gefrieren müsste.
       
       Weit gefehlt. Von der FDP bis zu den Gewerkschaften und, klar, auch Gerhard
       Schröder, aufrechter Sozialdemokrat, ganz in der Tradition seiner Partei
       (H. Schmidt: Leningrader Hungerblockade; W. Brandt: Berufsverbote; G.
       Noske: „Meinetwegen! Einer muss der Bluthund werden“), haben sie alle den
       Konsum zur nationalen Aufgabe geadelt. Hier mal ein bigottes Bekenntnis zum
       Verzicht, dort mal ein kleines Krächzen zum Klima, aber: Die Maschine muss
       laufen. Das heißt: Malochen, um zu kaufen.
       
       Die Mädels und Jungs vom Schlossplatz haben zumindest das längst begriffen:
       Die Woche gehört denen, das Wochenende uns.
       
       ## Anhängen und tanzen
       
       Da hängen wir ab, da gehen wir tanzen (so wir den Eintritt aufbringen
       können), da nehmen wir Drogen, all das Zeug, das sich im Angebot befindet
       und das die Veranstalter der Festivals (Beispiel: die „Fusion“ – als sie
       noch stattfand) dazu gebracht hat, eigens Sanitätsstationen zur Nothilfe
       für die an den Pillen fast Verreckten einzurichten – Tanzen bis zur
       Dehydrierung; oder eventuell Ketamin, Narkosemittel für Pferde: Beim Rausch
       muss darauf geachtet werden, dass die starr geöffneten Augen nicht
       unversehens austrocknen.
       
       Das sind die Alternativen zum „Stuttgarter Modell“.
       
       Das markiert den Unterschied zu den 60er, 70er und 80er Jahren, als Protest
       wie Aufruhr auf eine radikal veränderte Gesellschaft abzielten.
       
       ## Als die Grünen noch radikal waren
       
       Kretschmann und Kuhn werden das wissen. Kuhn und Kretschmann kennen die
       Anfänge der Grünen Partei, den durchaus originellen Umgang mit staatlichen
       Institutionen, können die drei der (ersten) sieben Grünen-Kandidaten, die
       1984 ins Europaparlament gewählt wurden und so Immunität errangen, gewiss
       noch beim Namen nennen: Brigitte Heinrich, verurteilt unter anderem wegen
       Waffenschmuggels für ein Anarchistennetzwerk, Benny Härlin und Micha
       Klöckner, in Haft wegen presserechtlicher Verantwortung für das Erscheinen
       der nicht genehmen linken Zeitschrift radikal (der Name war Programm).
       
       Kretschmann und Kuhn werden vielleicht eine Ahnung vom enormen Anstieg
       psychischer Krisen und Therapien bei jungen Menschen zwischen 16 und 30
       Jahren haben. Kuhn und Kretschmann werden sich vage daran erinnern, dass
       die zweite Generation der Roten Armee Fraktion ihre Wurzeln im
       Sozialistischen Patientenkollektiv hatte, SPK (vornehmlich Heidelberg),
       das die Parole kreiert hat: „Aus der Krankheit eine Waffe machen.“
       
       Kuhn und Kretschmann werden zudem ahnen, dass einige Akteure der
       Scherbennacht nach einer Karenzzeit von ein paar Jahren das Ereignis für
       eine pfiffige Agentur mit dem Slogan „Shopping on the wild side“ für
       Stuttgart touristisch vermarkten werden. Und vielleicht wird Kuhn und
       Kretschmann dunkel die Erkenntnis dräuen, die einst als selbstverständlich
       galt: des wirklich armen Schluckers Initiative war stets die Rebellion.
       
       ## Betreuung für Krawallanten
       
       Das Wissen jedoch werden sie lieber für sich behalten und stattdessen einen
       40-köpfigen Untersuchungsausschuss einrichten, bei circa 400 Krawallanten
       ein durchaus guter Betreuungsschlüssel, besser als in Kitas und Schulen,
       der einen gewiss gendergerechten Untersuchungsbericht in mühsamer Arbeit
       erstellen wird (Randalierer*innen?; Randalierer:innen?) und zu
       dem Ergebnis kommt, dass 17 oder 37 neue Streetworker, fein quotiert,
       eingestellt werden müssen, um an warmen Wochenenden unauffällig am Eckensee
       oder auf dem Schlossplatz zu kiffen.
       
       Kein politischer Anspruch, keine kommunizierbaren Forderungen, keinerlei
       diskursive Qualität können nun die Altvorderen zusammen mit dem gesamten
       Spektrum der Neo-Konstruktivisten und Neo-Moralisten in einmütiger
       Eintracht deklamieren und sich, wohl situiert und saturiert, gegenseitig
       auf die Schultern klopfen, wenn das „social distancing“ wieder aufgehoben
       ist.
       
       Und wie immer werden die, die ihre Arbeit für sinnvoll halten und als
       großartig empfinden, das Leben derer erklären, denen der Zugang zu jener
       eloquenten Klasse, so oder so, verwehrt bleibt.
       
       Dabei ist die implizite Forderung dieser einen Scherbennacht im Quartier
       der so verführerisch funkelnden Scheiben einer Möchtegern-Metropole
       naheliegend und deutlich vernehmbar, man muss nur halbwegs hinhören können
       – sie lautet: Gebt unserem Leben endlich einen Sinn.
       
       ## Konsum als Staatsziel
       
       Zugegeben: Schwer zu erfüllen in einer Gesellschaft, die den
       bedingungslosen Konsum zum höchsten Staatsziel erklärt hat.
       
       Aber keine Angst: Die Clubs und Stadien öffnen bald wieder, der Nachschub
       an Drogen bleibt gesichert und der Sektor „Therapie und Soziale Arbeit“ ist
       ein boomenden Zukunftsmarkt, dessen Überführung in die Sphäre der
       Verwertung dem glorreichen Kapitalismus wann immer nötig einen Schub
       verschaffen kann.
       
       Also: Alles in Butter.
       
       6 Jul 2020
       
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