# taz.de -- Horst Seehofer und die taz-Kolumne: Was man wirklich nicht sagen soll
       
       > Es gibt Worte, die nicht grad zum guten Ton gehören. Aber wenn ein
       > Innenminister eine_n Kolleg_in anzeigen will, sitzen sie doch ganz vorne
       > auf Zunge.
       
 (IMG) Bild: Simulation von Politik? Auftritt Horst Seehofer nach den Randalen in Stuttgart
       
       Da gibt es diesen Reflex in mir: Immer wenn in unserer Familie jemand
       „Scheiße“ sagt, antworte ich so was wie „Na, wollen wir das sagen?“ oder
       „Nicht so reden“ oder „Oh, sorry, das wollt ich nicht sagen“.
       
       Ich sage sehr oft „scheiße“ oder „scheiß“ oder „beschissen“. Meine Töchter
       fangen auch schon damit an. Und jetzt versuche ich ihnen und mir das wieder
       abzutrainieren.
       
       Aber heute ist so ein Tag, an dem ich mir denke: Scheiß drauf.
       
       Denn was für eine Scheiße geht bitte gerade ab? Der [1][Bundesinnenminister
       Horst Seehofer kündigt an, meine Kolleg_in Hengameh Yaghoobifarah
       anzeigen zu wollen]. Scheiße nochmal, sind denn jetzt alle völlig verrückt
       geworden?!?
       
       „Eine Enthemmung der Worte führt unweigerlich zu einer Enthemmung der Taten
       und zu Gewaltexzessen“, sagte Seehofer der Bild. Und eine
       Entvernunftisierung der Politik führt unweigerlich zu bescheuerter
       Politiksimulation. Denn was anderes soll diese geplante Anzeige sein als
       eine Simulation von Politik? Rauskommen wird dabei eh nichts.
       
       Angezeigt wurde Hengameh Yaghoobifarah wahrscheinlich ohnehin schon von
       vielen, unter anderem hatten die Polizeigewerkschaften das ja bereits
       angekündigt. Untersucht wird also sowieso.
       
       Es geht nur noch darum, ein Zeichen zu setzen. Den Rächer zu spielen. Um
       Eskalation. Vielleicht um abzulenken. Vielleicht aus Freude am Brand.
       
       Ich weiß, es klingt pathetisch, aber ich frage mich in letzter Zeit immer
       häufiger, was für eine politische Landschaft meine Kinder eigentlich
       vorfinden, wenn sie selbst groß genug sind, um sich einzumischen. Kriegt
       meine Generation es noch hin, der Entvernunftisierung entgegenzuwirken?
       Oder ist das, was Donald Trump in den USA vormacht und worin ihm so viele
       auch hier nachzueifern versuchen, dann schon ganz normal? Ist die
       politische Auseinandersetzung bald nur noch ein hyperventilierender,
       dauererregter, sich mit Anzeigen überziehender, Trennung der Gewalten und
       die Achtung der Pressefreiheit ignorierender, am Ende alles spaltender
       Kampf?
       
       Ich versuche – wie so viele Eltern – meinen Kindern beizubringen, nicht
       „Scheiße“ zu sagen, Konflikte im Dialog zu lösen, vernünftig zu sein – und
       dann bekommen sie irgendwann vorgeführt, dass das alles nichts mehr zählt.
       Dass das keine wertvollen Tugenden sind. Dass das nicht honoriert wird.
       
       Scheiße.
       
       Ich hoffe, dass ich mit alldem falsch liege. Dass ich übertreibe. Dass ich
       zu fatalistisch bin. Dass die Vernunft siegt. Die Werkzeuge, die wir dafür
       brauchen, kennen wir alle. Es sind dieselben wie bei den Kindern: Reden
       statt hauen, zuhören statt reinbrüllen, nicht scheiße sein und nicht
       „scheiße“ sagen.
       
       23 Jun 2020
       
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