# taz.de -- Film von Štěpán Altrichter: Faustphilosophische Sätze
       
       > Der Film „Nationalstraße“ erzählt von einem tschechischen Wendeverlierer.
       > Eine Geschichte über die Unsitte, sich selbst aus der Verantwortung zu
       > nehmen.
       
 (IMG) Bild: Vandam (Hynek Čermák) war früher Polizist. Den Job verlor er aufgrund von Drogenmissbrauch
       
       Er schafft 200 Liegestütze am Stück, das soll ihm erst mal einer
       nachmachen. Nur Jean-Claude Van Damme kann das, in „Bloodsport“, einem
       Kampfsportfilm aus dem Jahr 1988.
       
       Und genau dort, irgendwo Ende der 80er, beim Bewundern und Nacheifern
       seines filmischen Vorbilds, ist das Leben von Vandam (Hynek Čermák)
       stehengeblieben. Seitdem geht es für den knapp 50-jährigen Dachlackierer,
       der seine Nachmittage biertrinkend in der Prager Vorstadtwohnung und die
       Abende weitertrinkend in der Stammkneipe verbringt, nicht mehr weiter.
       
       Zwar ist Vandam der König seines Stammtischs aus krakeelenden und
       freundlichen Säufern – man feiert ihn, weil er damals, Ende der 80er,
       angeblich die „samtene Revolution“ in Prag losgetreten hat. „Aber jetzt
       haben wir den Salat“, lässt Regisseur [1][Štěpán Altrichter] seinen
       Antihelden in die Kamera sprechen.
       
       ## Veränderte Romanadaption
       
       Das alles, die Demos, der Aufruhr, die Zeiten- und Systemwende, passierten
       auch auf der Prager „Nationalstraße“, dem Symbol für die Gegend, in die
       Vandam nur fährt, wenn er einem Vorstadtkiez-Gentrifizierer den Garaus
       machen will. So heißen darum der Film und seine literarische Vorlage von
       Jaroslav Rudiš.
       
       Altrichter hat gegenüber dem Buch einiges geändert – in seiner Adaption
       steckt Humor, gar eine widerborstige Poesie, die etwa aufflackert, wenn
       sein glatzköpfiger Protagonist, dem die Bierkalorien langsam, aber sicher
       die Actionheldfigur verhageln, über „all die verlorenen Schlachten“
       spricht, während Irma Thomas’ süße Soulstimme im Hintergrund „Anyone who
       knows what love is (will understand)“ schmelzt.
       
       Vandams Brutalität, seine Gewaltanwendung spielt Altrichter
       glücklicherweise oft über Bande – sie wird im Bild selten perfomativ
       eingesetzt. Meist erzählt Vandam nur davon, oder man sieht die Folgen:
       Blutige Knöchel bei Vandam, kaputtes Gesicht beim Gegner.
       
       ## Unaufdringliche Darstellung einer Sucht
       
       Den trotzigen, faustphilosophischen Sätzen, die der Mann raushaut, hört man
       den Romanhintergrund jedoch an: „Frieden ist nur eine Pause zwischen zwei
       Kriegen“ etwa, oder, über seine viel genutzten Fäuste: „Mit der rechten
       teilst du Wahrheit aus, mit der linken Liebe.“ Oberflächlich betrachtet
       könnte „Nationalstraße“ das renitent-sozialromantische Porträt eines
       Abgehängten sein, mit weniger Emotion und Menschlichkeit, als Mike Leigh
       oder Ken Loach es komponieren würden, aber teils in ähnlichen Umgebungen.
       
       Die große Stärke des Films ist jedoch die unaufdringliche Darstellung einer
       Sucht. In den späten 80ern, als Vandam noch jemand war (ein Polizist
       sogar), jemanden hatte (es gab einst eine Beziehung, ein Kind), noch
       träumte, schlich sich, so wird behutsam über Andeutungen klar, auch der
       Drogenmissbrauch ein. Koks, infolgedessen die Gewalt, infolgedessen der
       Jobverlust, infolgedessen der Beziehungsverlust, und so weiter, Bierchen
       für Bierchen. Und auch jetzt, ohne Koks, ist etwas irreparabel kaputt.
       
       Altrichter zeigt einen Mann, der sich tief in die Rituale und Kanons seiner
       Vergangenheit eingebuddelt hat. Der verlernt hat, wie man liebt und es
       angemessen zeigt (mit der Kneipenbesitzerin, der Vandam helfen will, läuft
       es nicht wie erhofft), der sich in männlichem Selbstmitleid suhlt, anstatt
       sich zu verändern, dessen angebliche Regeln, Moralbekundungen und Sprüche
       über die Ähnlichkeit mit den „Kriegern der Schlacht am Teutoburger Wald“
       einfach nur hohl klingen. Denn mit der Sucht, so wissen es Betroffene und
       Co-Abhängige, bleibt bei den meisten Menschen die Entwicklung stehen.
       
       „Nationalstraße“ ist somit eine Geschichte über verlorene Hoffnungen – aber
       auch über die Unsitte, sich selbst aus der Verantwortung zu nehmen, über
       Dummschwätzerei. Das Wildschwein, das zuweilen Vandams Weg kreuzt und das
       er und die Kumpels wie eine Horde Vandalen jagen, ist also nicht nur ein
       Symbol für Freiheit. Sondern für den inneren Schweinehund. Den zu
       überwinden mehr Mut erfordert, als jemandem die Fresse zu polieren.
       
       12 Jun 2020
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.filmuniversitaet.de/portrait/person/stepan-altrichter/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jenni Zylka
       
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