# taz.de -- Anklage gegen Terroristen von Halle: „Wir müssen Lehren ziehen“
       
       > Nach der Anklage zum Anschlag in Halle zeigt sich die jüdische Gemeinde
       > erleichtert. Der Gerichtsprozess könne helfen, Antisemitismus zu
       > bekämpfen.
       
 (IMG) Bild: Diese Tür rettete viele Menschenleben: Eingang zur Synagoge in Halle nach dem Attentat
       
       Berlin taz | Max Privorozki hat dieser Tage viel zu tun. Am Dienstag begeht
       seine jüdische Gemeinde in Halle das Gedenken an die Schoa-Opfer. Diesmal
       wegen der Corona-Pandemie virtuell, mit Livestreaming und Videobotschaften.
       Privorozki, der Gemeindevorsteher, organisiert die Vorbereitung. Nun aber
       beschäftigt ihn ein weiteres Ereignis, denn die Bundesanwaltschaft hat
       Anklage im Fall des versuchten Attentats auf Privorozkis Gemeinde erhoben.
       
       Am 9. Oktober 2019 hatte der schwer bewaffnete Stephan B. versucht, [1][die
       Synagoge in Halle zu stürmen – am jüdischen Feiertag Jom Kippur]. Es hätte
       ein Massaker werden können. Der 28-Jährige scheiterte aber an der
       verschlossenen Synagogentür, daraufhin erschoss er eine Passantin und
       [2][später einen Mann in einem Döner-Imbiss, den er irrtümlich für einen
       Migranten hielt]. Neun weitere Menschen verletzte Stephan B. teils schwer,
       bevor die Polizei ihn schließlich verhaftete.
       
       Max Privorozki hatte den Angriff im Innern der Synagoge erlebt, über eine
       Videokamera konnten die Gläubigen den Täter vor der Tür beobachten. Die
       Anklage gegen den Angreifer nennt Privorozki nun einen wichtigen Schritt.
       „Es ist wichtig zu erfahren, wie dieser Mann zu einem Attentäter werden
       konnte“, sagt Privorozki. „Wie konnte er sich so entwickeln, dass er zwei
       Menschen umbringt, einfach so, und noch viele weitere umbringen wollte?
       Daraus müssen wir Lehren ziehen.“
       
       Ein Sprecher des Oberlandesgerichts Naumburg bestätigte der taz die
       Anklageerhebung der Bundesanwaltschaft. Die Behörde wirft Stephan B. nun
       zweifachen Mord und mehrfachen versuchten Mord vor. Neben den neun
       angeschossenen Personen waren [3][zum Zeitpunkt des Angriffs damals 51
       Gläubige in der Synagoge]. Stephan B. habe aus einer „rechtsextremistischen
       und antisemitischen Gesinnung“ heraus gehandelt, so die Bundesanwaltschaft.
       
       ## Offener Antisemitismus
       
       Die Tat hatte einen stundenlangen Ausnahmezustand in Halle ausgelöst –
       [4][und bundesweites Entsetzen]. Stephan B. hatte seine Tat live ins
       Internet übertragen und dort auch eine Dokumentensammlung veröffentlicht.
       Darin leugnet er den Holocaust, wettert gegen den Feminismus und eine
       angebliche Massenimmigration und nennt „den Juden“ als Grund aller
       Probleme. Laut Ermittlern hatte sich Stephan B. allein radikalisiert, in
       einer rechtsextremen Online-Szene und auf anonymen Imageboards. Kontakte zu
       organisierten Neonazi-Gruppen soll der Arbeitslose nicht gehabt haben, der
       bei seiner Mutter in einem Dorf in Sachsen-Anhalt lebte.
       
       Seine Tat gestand Stephan B. freimütig den Ermittlern. Durch das Tatvideo
       gibt es ohnehin nichts abzustreiten. Schon während der Tat beklagte er in
       der Liveübertragung, dass der Synagogen-Angriff misslang und er nicht noch
       mehr Menschen töten konnte. Stephan B. erklärte auch, dass er ursprünglich
       eine Moschee oder einen linken Treffpunkt habe stürmen wollen. Dann aber
       habe er die Synagoge gewählt, weil nur so der Kampf der „weißen Männer“ zu
       gewinnen sei.
       
       Als sein Vorbild sah Stephan B. den Attentäter des Terroranschlags im
       neuseeländischen Christchurch, der im März 2019 dort [5][zwei Moscheen
       angriff], 51 Menschen erschoss und seine Tat ebenfalls ins Internet
       übertrug. Stephan B. wollte dieses Vorgehen kopieren. Seine Tatwaffen –
       mehrere Gewehre und Sprengsätze – hatte er über Monate selbst
       zusammengebaut, teils mit Hilfe eines 3D-Druckers.
       
       Über das Halle-Attentat soll nun im Justizzentrum Magdeburg verhandelt
       werden. Max Privorozki und andere Gemeindemitglieder wollen an dem Prozess
       als Nebenkläger teilnehmen. Es gehe hier um einen „Musterprozess“, sagt der
       Gemeindevorsteher. „Weil es viele Leute gibt, die gerade weltweit mit
       diesem Hass herumlaufen. Mit dem Prozess können wir vielleicht lernen, wo
       der Anfang dieses Hasses liegt, um ihn zu heilen.“
       
       20 Apr 2020
       
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